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Rückblick

Armut im ländlichen Raum

vergangen

Die Kirchenkreissozialarbeit und ihre Angebote sind stark geprägt durch die Armutsentwicklung der letzten Jahre in Deutschland. Im Jahr 2009 war in Niedersachsen der Anteil der Armutsgefährdeten mit 14,6 Prozent doppelt so hoch wie der der Einkommensreichen mit 7,4 Prozent, die "Soziale Mitte" hatte einen Anteil von 78 Prozent.1 Begriffe wie „Armut im ländlichen Raum“, „Altersarmut“ und „Arbeitsarmut“ bestimmen die sozialpolitische Armutsdebatte.

Im Flächenland Niedersachsen bestimmte die Armut im ländlichen Raum die Arbeit der Kirchenkreissozialarbeit in der Landeskirche Hannovers in den vergangenen Jahren: Wer auf dem Land von Armut betroffen ist, ist oft noch stärker vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen als Stadtbewohner. Auch wird Armut auf dem Land besonders stark verborgen, um sich nicht als arm outen zu müssen. Unterstützende Sozialleistungen werden häufig aus Scham nicht in Anspruch genommen. Die schlechte Infrastruktur trägt ebenfalls zum stärkeren Ausschluss bei.

Veränderte Angebotsstruktur

Im Rahmen der Kirchenkreissozialarbeit wurde auf diese besondere Lebenslage zum Teil mit einer geänderten „Angebotsstruktur“ reagiert. So wurden in den letzten Jahren mehr Hausbesuche und dezentrale Sprechstunden für eine bessere Erreichbarkeit angeboten. Außerdem bekommen die Ratsuchenden teilweise die Fahrtkosten für das Aufsuchen der Beratungsstelle erstattet. Denn nur so bekommen Menschen überhaupt einen Zugang zum Angebot der allgemeinen kirchlichen Sozialberatung in großen Flächenkirchenkreisen.

Immer mehr älteren Menschen droht die Altersarmut, dazu kommt durch den demographischen Wandel ein drohender Pflegenotstand. Die Kirchenkreissozialarbeit beschäftigt sich mit diesen Herausforderungen und entwickelt Konzepte, um ältere Menschen durch Projekte und Beratung gegen Armut gezielt einzubinden. Sie entwickelt auch neue Beteiligungsformen, um ein aktives Altern anzuregen.

Armut trotz Arbeit

Eine zunehmende Zahl von Erwerbstätigen sind sogenannte „Aufstocker“: Durch Niedriglöhne liegt ihr Einkommen unterhalb der sozialrechtlich festgelegten Regelbedarfe. Im Rahmen von Beratung und Unterstützung werden diese Menschen in der Kirchenkreissozialarbeit auf rechtliche Ansprüche hingewiesen, die ihre Einkommenssituation verbessern. Im Rahmen ihrer sozialanwaltschaftlichen Beauftragung weisen Mitarbeitende in der Kirchenkreissozialarbeit die Öffentlichkeit darauf hin, dass es Erwerbstätigkeit gibt, die sich finanziell „nicht lohnt“.

Änderungen des Sozialrechts haben teilweise große Auswirkungen auf die tägliche Beratungsarbeit. Beständig setzte sich das Diakonische Werk mit den Kirchenkreissozialarbeiterinnen und –arbeitern mit Rechtsfragen und den Neuerungen gesetzlicher Rahmenbedingungen auseinander. Die Auswirkungen der gesetzlichen Reformen in der Kirchenkreissozialarbeit fanden auch ihren Einfluss im Jahresbericht des Landesverband Diakonie Hannovers.

5 Jahre Hartz IV

So titelte der Jahresbericht 2009: „5 Jahre Hartz IV-Reform – was hat sich verändert? Die Armut hat den Mittelstand erreicht!“2 und führte aus, dass dank der neuen Reform Arbeitssuchende binnen eines Jahres in den Hartz-IV-Bezug „durchgereicht“ würden. Das hat zur Folge, dass in der SGB II-Beratungsarbeit der Diakonie immer mehr Menschen aus der Mittelschicht zum ratsuchenden Klientel zählen. Ferner verändert sich die Klientelstruktur auch dadurch, dass zunehmend psychisch erkrankte Menschen den Weg in die Kirchenkreissozialarbeit finden.

Eine Petition aus dem Kreis der Kirchenkreissozialarbeit führte zusammen mit anderen sozial-politischen Initiativen wie den „Schulstarterpaketen“ zur gesetzlich verankerten zusätzlichen Einmalzahlung von 100 € pro Jahr für die Schulbedarfe von Kindern im Sozialtransferbezug.

Bildungs- und Teilhabepaket

Weitere sozialpolitische Entscheidungen haben direkten Einfluss auf die Kirchenkreissozialarbeit: Seit 2011 ist für Kinder und Jugendliche im Leistungsbezug und mit niedrigem Einkommen das Bildungs- und Teilhabepaket eingeführt worden. Dieses führte zu einer verstärkten Inanspruchnahme von Beratungsdienstleistungen durch antragsberechtigte Familien in der Kirchenkreissozialarbeit. Aus der Praxis wird immer wieder berichtet, dass die Mittel zum einen nicht ankommen und zum anderen nicht ausreichend sind. Deshalb engagierte sich die Kirchenkreissozialarbeit an dieser Stelle exemplarisch.

Es wurden verschiedene Projektkonzepte aus der Kirchenkreissozialarbeit zum Thema Benachteiligung und fehlende Teilhabe von Kindern und Jugendlichen entwickelt und umgesetzt, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen und politische Veränderungen zu fordern. Diese Projekte konnten insbesondere durch die landeskirchliche Initiative „Zukunft(s)gestalten – Allen Kindern eine Chance“ unterstützend und ergänzend befördert werden. In diesem Zusammenhang wurde im Landkreis Holzminden gemeinsam mit der Caritas ein Modellprojekt für eine „Familienfreundliche Kommune durch den Einsatz einer Chipkarte“ konzeptioniert, um Alternativen aufzuzeigen, wie die Mittel bei den Kindern ankommen können. Dieses Konzept wurde bisher nicht realisiert, da kommunale Verwaltungspolitik die Umsetzung verhinderte. Als Erfolg konnte jedoch verbucht werden, dass in einer ländlichen Region mit den unterschiedlichsten Akteuren an einem Tisch Kinderarmut in ihrer Nachbarschaft thematisiert wurde.

Die zunehmenden Defizite im Sozialversicherungssystem, die die Kirchenkreissozialarbeiterinnen und –arbeitern bei ihren Klienten erleben, lösten darüber hinaus 2007 Diskussionen über das Konzept des garantierten Grundeinkommens für alle Menschen aus.

Gemeinwesendiakonie

Um den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen, ist die Vernetzung mit anderen sozialen innerkirchlichen und außerkirchlichen Akteuren elementar für eine effektive Kirchenkreissozialarbeit. Insbesondere zusammen mit diakonischen und kirchlichen Partnern ist die Ausbildung einer Gemeinwesendiakonie in den letzten sechs Jahren zunehmend wichtiger geworden. Sie hat das diakonische Arbeiten im Gemeinwesen im Blick. Diese Gemeinwesendiakonie fördert und befördert Eigenengagement und Selbstorganisation. Betroffene werden eingebunden und beteiligt. Die strukturellen Veränderungen fordern eine Vernetzung und neue Kooperationsformen mit den unterschiedlichsten Akteuren wie Kommunen, Wohnungswirtschaft und Betrieben.

Dazu fand ein Modellprojekt mit sechs Kirchengemeinden statt, die bereits gemeinwesendiakonisch unterwegs sind. Ihre Arbeit wurde miteinander vernetzt und evaluiert, um daraus Konsequenzen für die Arbeit in anderen Gemeinden und Kirchenkreisen abzuleiten. Zugleich flossen diese Ergebnisse in Fortbildungen und Tagungen der Mitarbeitenden der Kirchenkreissozialarbeit ein.

Impulse für die Gemeindediakonie vor Ort

Rege Beteiligung an der Woche der Diakonie, die im Raum der Diakonie in Niedersachsen jährlich stattfindet, ist ebenfalls Teil der Kirchenkreissozialarbeit. So gestalten die Mitarbeitenden Gottesdienste, Informationsveranstaltungen oder Tage der Offenen Tür beispielsweise zu den Themen „Mit Unterschieden leben“, „Älter werden“, „Freiwillig engagiert“ oder „Menschlichkeit braucht Ihre Unterstützung“.

Ausstattung der Kirchenkreissozialarbeit in den Kirchenkreisen

Innerkirchlich beeinflusste das Finanzausgleichsgesetz der hannoverschen Landeskirche von 2006 (FAG)3 mit der Finanzausgleichsverordnung die Kirchenkreissozialarbeit. Die Grundstandards sind Hauptbestandteil der Stellen- und Finanzplanung im Kirchenkreis. Das Finanzausgleichsgesetz sieht vor, dass die Kirchenkreise neben dem Zahlenwerk für Zuweisungen und Finanzen detailliert Auskunft über die Entwicklung der Arbeit für den kommenden Planungszeitraum unter anderem auf dem Gebiet der Diakonie geben. In diesem Zusammenhang waren die jeweiligen Kirchenkreissozialarbeiter und -innen aufgefordert, die Stellung und Inhalte des Arbeitsgebietes im Rahmen des Kirchenkreises zu benennen, zu vertreten und konzeptionell zu hinterlegen. Orientierung dafür bot das Rahmenkonzept für die Kirchenkreissozialarbeit des Diakonischen Werkes der Landeskirche Hannovers von 2006.

Nicht in allen Teilen der Landeskirche ist es gelungen, die bisherige Stellenausstattung der Kirchenkreissozialarbeit zu erhalten. In manchen Bereichen wurde in größeren Diakonischen Werken auf Kirchenkreisebene – vom DW und Landeskirche programmatisch unterstützt – die Geschäftsführungsaufgaben von denen der Kirchenkreissozialarbeit getrennt. Damit soll dieser wichtigen diakonischen Arbeit wieder mehr Handlungsspielraum gegeben werden.

Unterstützend dafür hat das Diakonische Werk ein Kennzahlensystem entwickelt, das ein benchmark für Beratungsstellen wie auch für die Kirchenkreissozialarbeit ermöglicht. Leider haben sich an diesem Instrument noch recht wenige Kirchenkreise beteiligt.

1. Quelle: Handlungsorientierte Sozialberichterstattung Niedersachsen 2012 www.sozialberichterstattung-niedersachsen.de

2. Am 9. Juli 2004 war die Hartz IV-Reform vom Deutschen Bundestag beschlossen worden und ist im Rahmen des Sozialgesetzbuchs II am 1. Januar 2005 in Kraft getreten. Kernstück der Reform war die Zusammenlegung der steuerfinanzierten Sozial- und Arbeitslosenhilfe. In den Köpfen der Menschen aber hat sich der Begriff ‚Hartz IV‘ für diese arbeitsmarktpolitische Reform eingeprägt. Hartz IV umfasst unter dem Motto „Fördern und Fordern“ sowohl Leistungen und Pflichten für Langzeitarbeitslose als auch die Aufgaben der neu gegründeten „Job-Center“.

3. Landeskirche Hannovers: 702 A Finanzausgleichsgesetz (FAG)