kopf

Ausblick

Lebensberatung als kirchliches Handlungsfeld

zukunft

Der Entschluss, eine Evangelische Lebensberatungsstelle aufzusuchen, beruht für viele Ratsuchende aus dem weniger kirchlich geprägten Umfeld wie auch aus dem binnenkirchlichen Bereich auf der Erfahrung, die bereits andere Ratsuchende gemacht haben. Viele Menschen verstehen und erfahren das Angebot psychologischer Beratung und Seelsorge als besondere Gestalt einer zugewandten, glaubwürdigen und heilsamen Kirche. Zugleich ist für etliche Ratsuchende die Begleitung durch Mitarbeitende einer Evangelischen Beratungsstelle oft die (bisher) einzige Begegnung mit der Kirche.

Eine durch den Finanzdruck begründete weitere Reduktion dieses Beratungsangebots in der Landeskirche würde de facto einen weiteren Rückzug der Kirche aus einem Bereich bedeuten, der eben gerade von den verbundenen und von den distanzierten Sympathisanten der Kirche sehr stark eingefordert wird: der Bedarf nach Seelsorge und Beratung, die zugewandt ist. Dieser Bedarf steigt in einer komplizierter und unübersichtlich werdenden Welt. Ihn allein überlasteten Psychologen oder Heilpraktikern und esoterischen Heilern zu überlassen, entspricht nicht dem biblisch begründeten kirchlichen Auftrag und der immensen Fachlichkeit, die die Hannoversche Lebensberatungsarbeit in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten aufgebaut hat.

Psychologische Beratung ist Teil des die Seelsorge ergänzenden Handelns der Kirche und damit ein Teil des professionellen Hilfehandelns der Kirche. Diesen Aspekt in den Überlegungen zur Lebensberatungsarbeit bei den Verantwortlichen vor Ort immer wieder fruchtbar in die Diskussion zu bringen, ist eine besondere Herausforderung für die Arbeit der Hauptstelle für Lebensberatung in der kommenden Zeit.

Demographischer Wandel

Das Phänomen der alternden Gesellschaft, das unter dem Stichwort „demographischer Wandel“ im gesellschaftlichen Diskurs ist, spielt auch zunehmend in der Lebensberatungsarbeit der Landeskirche eine Rolle. Zum einen dadurch, dass durch die steigende Zahl älterer Klienten in den Beratungsstellen die Probleme älterer Menschen und älterer Paare in der Beratung und die Fragen einer angemessenen Alternsberatung stärker in den Fokus der Lebensberatungsarbeit geraten. Zum anderen dadurch, dass die Altersstruktur der Beraterschaft in der Landeskirche dazu führt, dass es zu einem größeren Wandel im Personal der Beratungsstellen kommt.

Innerhalb von vier Jahren wird ein Drittel der Beraterinnen und Berater in den Ruhestand gehen. Der „demographische Wandel“ in der Gesellschaft hat damit gewissermaßen auch die Beratungslandschaft erreicht und erfordert eine Reaktion. Inhaltlich, indem die Beratungsarbeit sich auf die Themen und Bedürfnisse älterer Menschen einstellt, aber auch strukturell, indem mit der nachwachsenden Beratergeneration voraussichtlich auch andere Beratungsformate (Internet: E-Mail-, Chat-Beratung) und andere Kommunikationsformen (Social Media) stärker als bisher Einzug in die Beratungsarbeit halten werden.

Beratung, Seelsorge und Diakonie

Die Lebensberatungsarbeit war in den letzten Jahrzehnten Teil der „Arbeitsgemeinschaft Aus-, Fort- und Weiterbildung in Seelsorge und Beratung“ (AGSB) der Landeskirche. Die Arbeit der AGSB soll in dem im April 2013 gegründeten neuen „Zentrum für Seelsorge“ fortgeführt und konzeptionell weiterentwickelt werden. Auf der anderen Seite war die Hauptstelle für Lebensberatung auf landeskirchlicher Ebene traditionell dem Diakoniedezernat (jetzt Diakonieabteilung) des Landeskirchenamtes zugeordnet. Mit der Verbindung von Diakoniedezernat und Diakoniedirektion in 2008 und der Begründung des „Zentrums für Seelsorge“ wird nun die Frage diskutiert, ob die Lebensberatungsarbeit (und mit ihr die Hauptstelle) der Landeskirche in das Diakonische Werk oder das neue „Zentrum für Seelsorge“ integriert wird.

Für eine Zuordnung zum Seelsorgezentrum scheinen inhaltliche Gründe wie die Nähe der psychologischen Konzeptionen und Settings in der psychologischen Lebensberatung und den Seelsorgearbeitsbereichen der Landeskirche zu sprechen. Für eine stärkere Kooperation mit dem Diakonischen Werk scheint die Notwendigkeit der Entwicklung interdisziplinärer Beratungsangebote zu sprechen, die sich aus den multiplen Problemlagen der Klienten der diakonischen wie auch der Lebensberatungsstellen ergeben.

Wie auch immer die Lebensberatungsarbeit zugeordnet wird, ist es unabdingbar, dass sie sowohl eng mit den Seelsorgebereichen der Landeskirche als auch mit den diakonischen Beratungsformaten in den Kirchenkreisen auch weiterhin kooperiert und konstruktiv zusammenarbeitet. In beide Richtungen wird in den nächsten Jahren eine neue Verhältnisbestimmung sinnvoll sein. Die Lebensberatungsarbeit wird als unterstützendes und ergänzendes Angebot kirchlicher Seelsorge wie auch als eigenständiges niedrigschwelliges Angebot psychologischer Beratung, das Verhältnis zu diesen ihr nahestehenden Seelsorgebereichen im Zusammenwirken im Zentrum für Seelsorge neu bestimmen müssen. Genauso wird sie in enger Abstimmung mit dem Diakonischen Werk das Verhältnis zu den sozial-diakonischen Diensten weiterentwickeln müssen. Dies ist eine unabhängig von der derzeitigen Zuordnungsfrage bestehende Herausforderung für die kommende Zeit.

Zukunftssicherung der Lebensberatungsarbeit

Die Finanzierung der Evangelischen Lebensberatung wird gegenwärtig zu etwa zwei Dritteln durch landeskirchliche Mittel und zu einem Viertel durch öffentliche Mittel abgedeckt, dazu durch Kostenbeiträge der Klienten, Spenden und Kollekten. Da die Entwicklung der Evangelischen Lebensberatungsstellen sowie die Ausrichtung und der Umfang ihrer jeweiligen Arbeitsbereiche sich nicht flächendeckend und nicht in allen Kirchenkreisen gleichmäßig vollzogen hat (es gibt „nur“ 31 Lebensberatungsstellen!), stellt die aufgrund des Finanzausgleichgesetzes (FAG) erfolgte Verlagerung der Mittelvergabe auf die Ebene der Kirchenkreise viele Beratungsstellen vor immense Herausforderungen. Insgesamt beansprucht die finanzielle, personelle und institutionelle Entwicklung der Beratungsstellen gegenwärtig besondere Aufmerksamkeit und Aktivität, da die gesamtkirchliche Situation zum Teil zu einschneidenden Veränderungen und Einschränkungen führt.

Damit steht die Evangelische Lebensberatung vor der Frage, wie angesichts stetig wachsenden Beratungsbedarfs und neuer Aufgabenfelder (Beratung-Betreuung-Bildung, Kindeswohl und Kindesschutz, Notfall-Beratung, familienfördernde Weichenstellungen, Werte in der Erziehung, Miteinander der Generationen) bei zeitgleich abnehmenden finanziellen und personellen Ressourcen die Arbeit weiterhin menschenfreundlich, lebensdienlich und sachgerecht gestaltet werden kann.

Noch lässt sich nicht präzise beschreiben, welche (ggf. negativen) Auswirkungen Aktenstück 98 und das FAG auf die Lebensberatungsstellen in den Kirchenkreisen haben. Die bedarfsgerechte Ausweitung der Lebensberatungsarbeit in den Kirchenkreisen scheint aber momentan, neben erfreulichen Ausnahmen (Bremervörde, Burgdorf, Wesermünde) nicht flächendeckend realisierbar zu sein.

Es muss daher auf allen Ebenen nachdrücklich darauf hingewirkt werden, dass das Land Niedersachsen eine wesentlich verbesserte gesetzliche Grundlage und Dotierung für die Förderung der Lebensberatung – gerade auch der Ehe- und Paarberatung – schafft (wie übrigens in anderen Bundesländern vorhanden).

Fachberatung als landeskirchliche Funktion

Durch die Synodenentscheidungen der vergangenen Jahre sind Kompetenzen und Verantwortung stärker als bisher auf die Ebene der Kirchenkreise verlagert worden. Für die Arbeit der Hauptstelle für Lebensberatung bedeutet dies, dass die Zusammenarbeit mit den örtlichen Trägern der Lebensberatungsstellen von elementarer Bedeutung ist, um die Funktion der Hauptstelle als landeskirchliche Fachberatung für den Bereich der Lebensberatungsarbeit angemessen und für die Beratungsstellen fruchtbar wahrzunehmen.

Die Einbeziehung der landeskirchlichen Fachberatung in die Prozesse und Entscheidungen vor Ort ist nicht mehr überall selbstverständlich, so dass die Hauptstelle für die Inanspruchnahme der von ihr angebotenen Serviceleistungen stärker als früher werben muss. Nicht nur vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll, die nun schon älteren „Richtlinien für die evangelische Lebensberatung in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers“ (KABL 13 / 1978, S. 120f.) – auch im Hinblick auf die Funktion der landeskirchlichen Fachberatung – zu überarbeiten.