Lang genug für die Trompete

Nachricht 28. April 2014
14-04-29Michiko Sugizaki
Vollkommen glücklich – Michiko Sugizaki. Bild: Ralf Neite

Vom Fujiyama nach Bad Iburg, vom Buddhismus zur Taufe und zum Posaunenchor:  Michiko Sugizaki

Osnabrück. „Die Arme sind zu kurz“, befand der Lehrer. Michiko Sugizaki war damals zehn und wollte in der Musik-AG ihrer Grundschule Posaune spielen. Doch am Urteil des Lehrers gab es nichts zu rütteln, ebenso wenig an seiner Entscheidung für eine Alternative: „Du spielst Trompete.“ Dabei ist es geblieben, Michiko Sugizaki lebt davon. Heute ist sie Trompetenlehrerin, ist stellvertretende Leiterin des St.-Marien-Posaunenchors in Osnabrück und Leiterin des Posaunenchors St. Martini in Melle, spielt unter anderem im Blechbläser-Ensemble Complesso di Ottoni und im Orchester Pro Musica Osnabrück.

 
„Geboren bin ich am Fuß des Fujiyama“, erzählt die 39-jährige Musikerin, inzwischen lebt sie in Bad Iburg. Aus der Distanz kann sie die Reaktion des Lehrers ein bisschen nachvollziehen, denn „selbst für japanische Verhältnisse bin ich klein“, ein Meter und zweiundfünfzig Zentimeter, um genau zu sein. Und sie ist froh, dass es die Trompete geworden ist: „Für mich ist sie ist die Königin der Instrumente.“
 
Das zweite Schlüsselergebnis war ein Konzert der Berliner Philharmoniker in Tokio. Damals ging sie in die zehnte oder elfte Klasse, brannte schon lichterloh für die Blasmusik und hatte sich die Oberschule danach ausgesucht, wo sie das beste Sinfonische Blasorchester vorfand. Überwältigt vom Klang der Berliner kam sie nach Hause und teilte ihren Eltern mit: „Ich will Trompeterin werden und in Deutschland studieren.“
 
„In der Zeit habe ich quasi fürs Blasorchester gelebt“, erzählt Michiko Sugizaki. Das heißt: Früher aufstehen, um schon vor der Schule eine Stunde üben zu können, weiteres Üben in der Mittagspause, nach dem Unterricht Probe mit dem Schulorchester. Jeden Tag, auch samstags. Und wenn mal Schulunterricht ausfiel, probte halt das Orchestern drei Stunden. „Ich war schon eine ziemliche Außenseiterin in der Klasse“, erinnert sie sich, „aber da sich 90 Prozent meiner Gedanken sowieso um Blasmusik drehten, hat es mich nicht besonders gestört.“
 
Bis heute bestimmt die Musik ihr Leben. Ihre Eltern drangen darauf, dass sie mindestens bis zur Volljährigkeit (20 Jahre) in Japan blieb und parallel zur Musik auch Lehramt studierte, um etwas Vernünftiges in der Tasche zu haben. Danach, mit 23, setzte Michiko Sugizaki ihren Plan in die Tat um, zog nach Deutschland und bekam einen Platz an der Musikhochschule Lübeck. Da sie nach dem Abschluss keine Anstellung in einem Orchester fand, verlegte sie sich aufs Unterrichten. Später schob sie noch ein Studium der Instrumentalpädagogik in Detmold nach, um besser für die Arbeit mit deutschen Schülerinnen und Schülern gewappnet zu sein. In Deutschland, sagt sie, seien die SchülerInnen nämlich nicht so brav wie in Japan und viel lebendiger: „Gerade das macht mir viel mehr Spaß als Unterricht vor den still sitzenden Schülern. Individuelle und unterschiedliche Reaktionen von den Schülern genieße ich täglich!“
 
Die Musik hat sie auch zum Christentum gebracht. „Von Haus aus war ich Buddhistin“, sagt Michiko Sugizaki. Allerdings sei der Buddhismus in ihrer Familie nie praktiziert worden, „höchstens zu Beerdigungen“. In den Tempeln habe sie sich zudem nie wohl gefühlt. Ganz anders in den Kirchen, von denen sie in Deutschland viele kennen lernte, weil sie hier schon als Studentin viele „Muggen“, also bezahlte Auftrittsmöglichkeiten bekam.
 
Über die Partituren der Oratorien, in denen sie mitwirkte, wurde sie neugierig: „Was singen die da eigentlich?“ Da sie noch wenig Deutsch verstand, begann sie die Geschichten in der Bibel nachzulesen. Als sie später begann, Posaunenchor-Nachwuchs zu unterrichten, wuchs das Interesse noch: „Es war mir fast peinlich, dass ich so wenig über die Texte wusste.“ Und so entstand langsam die Idee: „Irgendwann lasse ich mich taufen.“ Der letzte Kick kam mit dem Wunsch, die C-Prüfung zur Kirchenmusikerin zu machen. Ein Pastor, der im St.-Marien-Posaunenchor mitspielte, gab ihr Einzelunterricht und bereitete sie auf die Taufe vor.
 
„Mit meiner jetzigen Situation bin ich vollkommen glücklich“, sagt Michiko Sugizaki mit einem leuchtenden Lächeln. Die Arbeit als Instrumentallehrerin macht Spaß und ist abwechslungsreich, das eigene Trompetenspiel ist pure Freude geblieben, statt zur Dienstverpflichtung zu werden. „Jetzt kann ich mich auf jede Mugge freuen“, berichtet sie. In die Kirche geht sie oft: zum Gottesdienst, zum Musik machen oder auch einfach zum Nachdenken: „Ich mag die Luft in der Kirche und die Stille sowieso.“
 
Text: Ralf Neite, www.kultundkom.net
 
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