Glaube in Zeiten eines Virus

Nachricht 12. März 2020

Zum Umgang mit dem Corona-Virus aus Sicht eines Theologen. Beitrag von Dr. Horst Gorski: Gottvertrauen in einer sich rasant verändernden Gesellschaft

11.03.2020. Krankheit und Tod begleiten das Leben des Menschen. Aber Hygiene, gesunde Ernährung und der medizinische Fort- schritt haben sich wie ein Schutzkokon um den Menschen gelegt, der die unmittelbare Erfahrung der Sterblichkeit über weite Strecken des Lebens von ihm fernhält. Vielleicht lässt sich das am deutlichsten an der Entwicklung der Kindersterblichkeit ablesen. Im Mittelalter starben mehr als die Hälfte aller Kinder vor Erreichen des 14. Lebensjahres. Und über zwanzig Prozent der Frauen starben im Kindbett. Martin Luther und Katharina von Bora hatten sechs Kinder, von denen eines als Säugling und eines vor dem 14. Lebensjahr starb. Heute liegt die Kindersterblichkeit in Deutschland unter 0,5 %. Am Lebensende haben wir viele Möglichkeiten lebensverlängern- der Maßnahmen und palliativer Versorgung. So hat unsere Gesellschaft es weit- hin verlernt, mit Erfahrungen von Endlichkeit umzugehen.

Zurzeit aber ist es, als würde der Kokon des Behütetseins, den wir geschaffen und in dem wir uns eingerichtet haben, brüchig. Aber was ist eigentlich die Bedrohlichkeit, die viele Menschen zurzeit empfinden? Und wie lässt sich eine geistliche Haltung beschreiben, die mit dieser Bedrohlichkeit umzugehen versteht?
Die Herausforderung besteht darin, die Folgen verbesserter medizinischer Diagnosen in Verbindung mit globaler Mobilität und globaler Kommunikation in Echtzeit zu verarbeiten. Man kann annehmen, dass die Existenz des Corona-19-Virus und der Covid-19-Erkrankung in früheren Zeiten unentdeckt geblieben wäre. Da die Symptome grippeähnlich sind, hätte man die Erkrankungen der Grippe zugerechnet. Und auch die Toten hätte man mit der ohnehin von Jahr zu Jahr schwankenden Zahl der Grippetoten mitgezählt.

So sind es nicht eigentlich das Virus und die Krankheit selbst, die uns zu schaffen machen. Was wir verarbeiten müssen, sind die Folgen der Globalisierung und Digitalisierung. Sie ermöglichen es, dass das Virus sich sozusagen mit „Reisegeschwindigkeit“ um die Welt verbreitet und dass wir alle Informationen über Erkrankungen und Maßnahmen in Echtzeit ins Wohnzimmer geliefert bekommen. Verstärkt von dem Mechanismus, dass die Medienwelt davon lebt, eine Nachricht auf die andere zu beziehen. In Endlosschleifen werden informative wie belanglose und unwahre Äußerungen gleichermaßen kommentiert und die Kommentare wieder kommentiert. Die Welt, wie sie wirklich ist, ist uns nicht zugänglich. Was wir sehen, ist die Welt, wie die Kommunikationsmedien sie ver- breiten. Zusätzlich entstehen apokalyptische Szenarien vor unseren Augen: Was wäre, wenn …? Wenn dieses Virus wirklich hochgradig tödlich wäre? Dage gen erscheinen die derzeitigen Reaktionen wie eine harmlose Übung. Dann müsste die Welt, wie wir sie kennen, tatsächlich von einem Tag auf den anderen stillstehen.

Neue technische Möglichkeiten und insbesondere neue technische Verbrei- tungsmedien der Kommunikation stellen Herausforderungen dar, auf die die Menschen zunächst verunsichert oder hilflos reagieren. Es müssen erst Kulturformen für den Umgang mit ihnen entwickelt werden. Bei diesem Vorgang schauen wir uns gerade selbst zu: Wie wir – learning by doing – Kulturformen des Umgangs mit den Herausforderungen der Globalisierung und Digitalisierung entwickeln. Wir versuchen Halt zu finden in einer Welt, die sich in ihrer Komplexität unserer Kontrolle entzieht. Früher sagte man: „Das liegt in Gottes Hand“ und nahm hin, was geschah. Und heute?

Tröstet und beruhigt uns der christliche Glaube angesichts dieser Herausforde- rungen? Ja, natürlich. Sich in Gottes Hand geborgen zu wissen, verändert den Blick auf die Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens. Neu ist, dass wir mit unserem Gottvertrauen durch eine Welt schreiten, die sich rasant verändert, die wir selbst rasant verändern. Für den Um- gang mit diesen Veränderungen haben wir noch keine angemessenen Kulturfor- men entwickelt. Unsere Verantwortung in dieser Welt suchen wir tastend …
So suchen wir nach dem Geist Gottes, der alles Leben durchwebt, auch in diesen fremden Erscheinungen, tastend, fragend, ob dies noch Gottes Schöpfung und seinem Atem zuzurechnen ist, oder ob die Gestaltungskraft des Menschen womöglich Schwellen überschreitet, hinter denen nicht mehr Gottes Geist, sondern nur noch menschliches Versagen waltet. Die Antwortet auf diese Fragen kennt heute niemand. Aber wir vertrauen darauf, dass es solche Schwellen niemals gibt, weil Gottes Geist die Welt umfasst. Auch eine, die sich selbst gerade nicht versteht.

11. März 2020 , Dr. Horst Gorski, Leiter des Amtsbereichs der VELKD und Vizepräsident im Kirchenamt der EKD

VELKD (Vereinigte Ev.-lutherische Kirche Deutschlands)