Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt: 40 Jahre Bildungsurlaub für Italiener

Nachricht Wolfsburg, 10. Juni 2019

Paolo Brullo ist in Wolfsburg wohlbekannt: Sein Vater Vito kam im Jahre 1962 als erster evangelischer Pastor für die Italiener, die bei Volkswagen arbeiten, nach Wolfsburg. Paolo war 15 Jahre alt und lernte beim Autohaus Hotz. Dann wechselte er zu Volkswagen. Als fünf Jahre später sein Vater schon mit 48 Jahren starb, stellte sich die Frage: Wer soll sein Nachfolger werden?

Ein paar Italiener fackelten nicht lange. Sie nahmen den 20 Jahre jungen Sohn Paolo bei der Hand und überredeten ihn, sich weiterhin um ihre alltäglichen Anliegen zu kümmern. Seinen Vater hatte er vorher oft zu den Andachten begleitet und die Tasche mit den Gesangbüchern getragen. Seine große Leidenschaft war aber eigentlich der Fußball. Er spielte bei verschiedenen Vereinen. An die "10" beim legendären Verein Lupo Martini können sich heute noch einige erinnern. Wie sollte er jetzt an die Stelle seines Vaters treten? Er gab dem Wunsch seiner Landsleute trotzdem nach. Bis heute leistet er Sozialarbeit und hilft bei alltäglichen und komplizierten Herausforderungen.

Seit er in Rente gegangen ist, ist das seine Hauptbeschäftigung geworden: In einem Büro im Haus der Kirche trifft man ihn sechst Tage die Woche. Daneben gehört er zu dem weltweiten 45-köpfigen Gremium, das die italienische Regierung berät: Consiglio Generale Degli I Italiani All´Estero (CGIE). Deshalb ist es auch nicht ungewöhnlich, dass der Generalkonsul Girorgio Taborri extra aus Hannover anreist, wenn Paolo Brullo ihn bittet, den Teilnehmern des Bildungsurlaubs die Bedeutung der Europawahl nahezubringen und das Wahlprozedere zu erläutern.

Als der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) – damals in Wolfsburg noch Industriediakonie genannt - 1979 die ersten Bildungsurlaube durchführte, war Paolo Brullo dabei: Bis heute. Seitdem 2009 Peer-Detlev Schladebusch als Nachfolger von Hans Finette neuer Industriepastor wurde, führen sie nun gemeinsam jedes Jahr Bildungsurlaube durch. Neben den Teilnehmern mit italienischen Wurzeln sind auch mal welche mit spanischem oder polnischem Hintergrund dabei. Auf einem Hinterhof in der Dieselstraße 23 trifft man sich seit Jahren im Circolo Sardo.

Hier kochen Antonella und ihr Team mit viel Liebe und es gibt den besten Kaffee Wolfsburgs. An einfachen Tischen sitzt man auf harten Stühlen eng beieinander und beschäftigt sich jedes Jahr mit einem anderen Thema. Es geht oft sehr lebhaft zu. Die Nachfrage ist so groß, dass auch noch zwei weitere Bildungsurlaube stattfinden könnten. Immer wieder wird die Bitte geäußert, mindestens einen weiteren anzubieten. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet man die Geschichte Wolfsburgs und der Italiener, die schon 1938 hierherkamen, um Werk und Stadt zu bauen.

Der Historiker Hans Mommsen betont, dass ohne sie „das Volkswagenwerk 1939 ein fragmentarischer Rohbau geblieben und die Stadtsiedlung vermutlich kaum über das Reißbrett Kollers hinausgekommen“ wäre. Nach dem Sturz Mussolinis wurden sie allerdings noch schlechter als vorher behandelt. Als Brullo und Schladebusch 2012 einen großen ökumenischen Gottesdienst organisierten, bei dem auch der Betriebsrat und die Stadt beteiligt waren, betonten sie, dass es wichtig ist, nicht nur die 50 Jahre zu feiern, die seit der Anwerbung 1962 durch Nordhoff vergangen seien. Der enorme Einsatz und das Leiden der Italiener während der NS-Zeit seit 1938 müsse auch immer in Erinnerung bleiben.

Im Rahmen des Bildungsurlaube besuchte man, Denkmale, Mahnmale, den Friedhof der Zwangsarbeiter, das Stadtarchiv, das Institut heidersberger, das italienische Konsulat, die deutsch-italienische Schule, das Centro Italiano, das Italienische Kulturinstitut und führte Gespräche mit Vertretern verschiedener Religionen, besuchte dazu Moschee, Synagoge und Kirchen.

Regelmäßig wird der Austausch mit Gewerkschaften, Betriebsräten und Verantwortlichen der Stadt gesucht, ist doch das Werk in der NS-Diktatur mit enteigneten Mitteln der Gewerkschaften finanziert worden. Gesprächspartner waren u.a.: Hartwig Erb, Francescantonio Garippo, Siebert Kloster, etliche italienische Konsuln, Oberbürgermeister Rolf Schnellecke und Nachfolger Klaus Mohrs.

Der Vorsitzende des deutsch-italienischen Freundeskreises, Hans Karweik, ist fast jedes Mal dabei. Sein großer Wissensschatz als Journalist und seine Liebe zu den italienischen Mitbürgern helfen bei der Reflexion des Erlebten. Unvergesslich ist das Gespräch mit dem ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden von Volkswagen und Sozialminister des Landes Niedersachsen, Walter Hiller, geblieben. Nachdem sein Berufswunsch zu einer Mitarbeit in der Industriediakonie Wolfsburgs nicht erfüllt wurde, machte er auf andere Weise Karriere und brachte neue Ideen in Arbeitswelt und Politik.

Paolo Brullo und Peer-Detlev Schladebusch haben in den vergangenen Jahren immer wieder wirtschaftsethische Themen mit handfestem praktischen Bezug in den Mittelpunkt gestellt. In diesem Jahr ging es um das Thema: „Arbeiten mit Herz, Hirn und Hand“. Ausgehend von Johann Heinrich Pestalozzi und seinem weltweiten Beitrag zu einer ganzheitlichen Pädagogik übertrugen sie den Ansatz auf die Arbeitswelt. Jeder kennt gute und schlechte Beispiele. Die Frage ist, welchen Beitrag eine Person zu einem guten Miteinander leisten kann. Auch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung wurden dabei thematisiert. So betont z.B. Prof. Gerald Hüther, dass zu einer guten Aufnahme und Umsetzung Glaube, Hoffnung und Liebe entscheidende Faktoren sind.

Der ehemalige VW-Manager Martin Mielke stellte in diesem Zusammenhang das Projekt der Aidswaisenschule UYWEFA in Uganda vor, das Schladebusch von einer Bildungsrallye durch afrikanische Länder um den VW-Manager Henning Nathow auch schon persönlich kennt und unterstützt. Ein Highlight war in diesem Jahr dann ein  Arbeitseinsatz im AutoMuseum gleich nebenan. Archivar Eckberth von Witzleben und das Team der Ehrenamtlichen ehemaligen VW-Mitarbeiter um Karl-Heinz Forytta, Beate Harris und Thomas Mahler freuten sich über eine flinke und kompetente Hilfe beim Reinigen von Prototypen, bei der Materialsortierung und beim Spachteln maroder Decken. Da waren alle mit Herz, Hirn und Hand in Aktion.

Warum aber veranstaltet der KDA als Teil der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers seit 40 Jahren dieses Bildungsangebot für überwiegend röm.-kath. Italiener? Das ist ganz einfach, sagt Schladebusch: „Spätestens seit Vito und Paolo Brullo wissen wir, dass wir in Wolfsburg untrennbar zusammengehören über Konfessionsgrenzen hinweg. Ohne die Italiener gäbe es heute kein Werk und keine Stadt. Sie haben nicht nur Aufbauhilfe geleistet, sondern auch ein gutes Flair in die Industriewelt hineingebracht. Ohne sie wäre Volkswagen auch niemals international so erfolgreich geworden. Man musste sich früh aufeinander einlassen. Das half dabei, offener für andere Kulturen zu sein und auf allen Erdteilen leichter anknüpfen zu können. Heute sind sie zudem eine Brücke geworden zur Integration von Migranten, weil sie deren Nöte und Bedürfnisse leichter verstehen können. Das direkte Miteinander  von Gewerkschaften, Kirche, Politik und Wirtschaft: So etwas gibt es nur in Wolfsburgo!“