"Zeit für Freiräume"

Nachricht Lüneburg, 27. Mai 2019

Landessuperintendent Dieter Rathing hat sich vorgenommen, in jedem Monat einen Text zur landeskirchlichen Initiative "Zeit für Freiräume 2019" zu schreiben. An dieser Stelle veröffentlichen wir die Beiträge fortlaufend...

Meditationen von Landessuperintendent Dieter Rathing

Schmeißen Sie Ihr Barometer vom Dach! (Mai 2019)

Foto: Lotz

Die Barometer-Frage ist Legende. „Beschreiben Sie, wie man die Höhe eines Hochhauses mit Hilfe eines Barometers ermittelt.“ – ??? Die erwartbare Antwort ist durch die Messwertermittlung für den Luftdruck mit Hilfe der barometrischen Höhenformel zu bestimmen. Das läuft irgendwie auf ... hinaus. Sie wissen schon. Eins. Setzen.

Allerdings, es gibt Alternativen! Zum Beispiel: Sie werfen das Barometer an einem Seil vom Dach des Hochhauses und messen die Länge des Seils bei Bodenberührung. Oder Sie lassen das Barometer vom Dach des Gebäudes herunterfallen und stoppen die Dauer des Falls mit einer Uhr und wenden die Formel zum freien Fall an. Oder bei sonnigem Wetter stellen Sie das Barometer auf und messen die Höhe des Barometers und die Länge seines Schattens. Dann ermitteln Sie die Länge des Gebäudeschattens und errechnen aus einer Verhältnisgleichung die Höhe des Gebäudes. Oder Sie werfen das Barometer vom Dach des Gebäudes und bestimmen die kinetische Energie aus der Verformung des Barometers.

Etwas schlichter geht es auch: Sie besuchen den Hausmeister des Gebäudes und bieten ihm das Barometer als Gegenleistung dafür, dass er Ihnen die Höhe des Gebäudes verrät. Oder das Barometer dient Ihnen als Beschwerer, wenn Sie (wo auch immer) die Baupläne des Gebäudes durchsehen. Oder Sie versetzen das Gebäude durch Anschlagen mit dem Barometer in Resonanzschwingungen, bis es einstürzt – am nächsten Tag steht in der Zeitung, wie hoch es war.

Es gibt Alternativen! Das TINA-Syndrom (There Is No Alternative“) kann bekämpft werden. Mit TATA („There Are Thousands of Alternatives!“). In der Jesusgeschichte läuft auf der TATA-Schiene ziemlich viel. Also Bethlehem, nicht Jerusalem. Hirten, keine Geistlichkeit. Fischer statt Leviten. Frauen am Grab, nicht Apostelmänner. Die Auferweckung kommt auch ganz klar aus dem TATA-Repertoire. Und seine Sprüche erst: „Gebt ihr ihnen zu essen …“ (Mk. 6,37); Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein …“ (Joh. 8,7); „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern …“ (Joh. 9,3) Da schöpft einer aus der Fülle von TATA.

TATA in der Kirche gibt’s auch. Neulich habe ich aus dem Sprengel von „Gottesdienst on demand“ gehört. In einer großflächigen Gemeinde wohnen um die Predigtstätte herum nur drei, vier Dutzend Evangelische. Der monatliche Sonntagsgottesdienst war mit einer Handvoll von ihnen besucht. Jetzt feiert man (Planung!) verbunden mit gegebenen Anlässen – wenn der Posaunenchor gerade vor Ort probt, wenn die kleine Dorfgemeinschaft sich aus einem bestimmten Anlass sowieso gerade trifft … „Gottesdienst on demand“.

Von woanders lese ich: Eine Gemeinde verzichtet auf feste Gruppen, Kreise und Chöre. Ein Singkreis wird zweimal im Jahr zusammengestellt und dann wieder aufgelöst. Hauskreise gehen nach einem Jahr geplant auseinander. Ein Gemeindekonzept gibt es nicht. Man schaut erst mal, was geschieht, dann wird ein Plan dazu gemacht.

So oder so ähnlich sieht es wohl aus, wenn wir mal ein Barometer von unseren Kirchendächern werfen. Oder uns Freiräume nehmen. Darin denken. Darin handeln. An vielen Orten unserer Landeskirche geschieht das. Schönes oder ganz Schlichtes kommt dabei heraus. Eintagsfliegen oder was für die nächsten Jahre. Mit viel Planung oder ganz spontan. Hier und da suchen auch noch welche nach einem Barometer. Viel Erfolg!

Ansonsten: Die klassische Antwort auf die Barometer-Frage ist weiterhin erlaubt. Siehe oben, nach alter Formel. Auch das gehört zu den „Freiräumen“.

 

Geht doch mal weg! (April 2019)

Foto: Wodicka

In unserer kirchlichen Sozialisation sind wir es gewohnt zu meinen, dass es ein Wert an sich sei, anwesend zu sein, und dass dies fast immer besser sei als abwesend zu sein. Präsenz zu zeigen, macht einen wesentlichen Teil unseres Berufes aus: In Gottesdiensten, bei Patienten, in Gesprächskreisen, auf den Straßen des Dorfes oder der Stadt.

Dieser Dienst der Präsenz ist wichtig und wertvoll. Zu ihm gehört jedoch notwendig eine Ergänzung: Unser Abwesendsein. In beidem erst werden wir in unserem Dienst vollständig. Theologisch erfüllen wir unsere Aufgabe ja auch nicht vollständig, wenn wir nur Gottes Gegenwart bezeugen, die Erfahrung seiner Abwesenheit aber nicht zulassen. Wie mit Gott, so bei uns Menschen. Die Erinnerung bringt uns oft einander näher, als die körperliche Gegenwart es vermag.

In seinen Abschiedsreden sagt Jesus: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.“ (Joh. 16,7) Nur im Erinnern wird wirkliche Nähe zu ihm möglich. In Abwesenheit entsteht neue und persönlichere Gegenwart. Eine Gegenwart, die mitten in Trübsalen Kraft und Halt gibt und die das Verlangen schafft, ihn wiederzusehen. Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns versucht (Mk. 15,34) … Vor Gott und mit Gott leben wir ohne Gott.“

Wir kennen das: Nähe erwächst aus dem Zusammenspiel von Anwesenheit und Abwesenheit. Wenn ich von zu Hause fort bin, spreche ich mich in schriftlichen Mitteilungen oft besser aus, als ich es von Angesicht zu Angesicht zu sagen vermöchte. Abwesenheit vermag zu klären, zu reinigen, schärfer zu sehen. Bedeutungen brechen im Getrenntsein durch.

Bei unseren Besuchen – zu Hause oder im Krankenhaus – ist es für Menschen wichtig, nicht nur zu erfahren, wie gut es für sie ist, dass wir kommen, sondern auch, dass wir gehen. Die Erinnerung an unseren Besuch kann genauso wichtig werden, wie der Besuch selbst. Es gibt einen Dienst, bei dem unser Weggehen Raum schafft für Gottes Geist. Und Gott kann im Freiraum unserer Abwesenheit auf neue Weise gegenwärtig werden. Im Abendmahl: In Jesu Abwesenheit entdecken wir seine Gegenwart. In der Erinnerung bekommen wir Nahrung.

Müssen wir Vorstellungen von unserer Verfügbarkeit überprüfen? Wenn es einen Teil unsers Dienstes ausmacht, abwesend zu sein, relativieren wir unsere Sicht, verfügbar zu sein? Können wir eine bestimmte Illusion über unsere Unersetzlichkeit demaskieren? Ein Schelm, der Arges dabei denkt! Das ist kein Plädoyer für Abtauchen oder Faulheit.

Es ist eher eine Antwort auf die Frage „Kann ich den Pastor sprechen?“ – „Tut mir leid, sie betet.“ Oder: „Er schläft.“ Oder: „Sie nimmt ihren Urlaub.“ Ich nehme den meinen übrigens vom 8. bis 17. April.

 

Hört doch auf! (März 2019)

Foto: Wodicka

Aufhören hat kein gutes Image. In der Kirche schon gar nicht. Das kommt wahrscheinlich daher, weil die Kirche selber eine ist, die nicht aufhört. Und in der Kirche predigen wir über viele Dinge, die auch nicht aufhören. Die Liebe zum Beispiel. Und Jesus selbst natürlich. Er hört ja nicht auf, bei uns zu sein: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage.“ Wie der Herr, so’s Gescherr, denkt man sich. Angefangen, mitgehangen. Aufhören kommt nicht in Frage. Wer aufhört, gibt auf. Wer aufhört, gibt klein bei. Wer aufhört, hat es eben nicht geschafft. Scheitern und Schwäche. 

Ich finde, das Aufhören hat einen Imagewechsel verdient. Gerade in der Kirche. Wir verstehen doch etwas vom Doppelsinn der Worte. Und da zeigt sich das „Aufhören“ als ein sprachliches Wunderwerk. Denn „Aufhören“ heißt ja nicht nur, von etwas abzulassen, sich abzuwenden, oder etwas zum Ende zu bringen. „Aufhören“ hat auch mit den Ohren zu tun. Auf etwas hören, für etwas aufmerksam werden, einem Menschen oder einer Sache sein Gehör schenken – Auf-Hören. 

Den Verdacht von Scheitern und Schwäche braucht solches Auf-Hören nicht zu fürchten. Im Gegenteil. Es stecken Riesenportionen von Mut und Stärke darin. Der Mut, sich durch Gehörtes verwandeln oder umstimmen zu lassen. Die Stärke, hellhörig und empfänglich zu sein für das, was zu uns spricht, für den, der uns anspricht. Mensch oder Gott. Himmel oder Hölle. Und oft genug mag es ein mutiges Selbstgespräch sein, das mir meine eigenen zum Schweigen gebrachten Möglichkeiten mal wieder zu Gehör bringt. 
Und am Ende kann das Auf-Hören mit den Ohren uns dann wieder zurückbringen zum Aufhören in der Kirche.

Zwei Fragen müssen dafür Antwort finden. Erstens: Worauf müssten wir hören, damit wir mit etwas, das so nicht weitergeht, wirklich mal aufhören können? Zweite Frage umgekehrt: Womit müssen wir in der Kirche aufhören, damit wir fähig werden, auf das, was im Rauschen der Betriebsamkeit unhörbar geworden ist, wieder zu hören? 

 

Zwei mal zwei ist grün (Februar 2019)

Foto: Wodicka

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir essen jeden Morgen Müsli mit Mandeln und Vollkorn-Cornflakes. Wir fahren immer denselben Weg zur Arbeit. Wir schalten kurz vor 19 Uhr den Fernseher für ZDF heute an. Wie mit dem Tagesablauf, geht es oft auch mit unseren Meinungen und Überzeugungen.

Die alltäglichen Abläufe und lieb gewonnenen Auffassungen haben sicherlich etwas Gutes. Sie sorgen für eine gewisse Berechenbarkeit des Lebens. Sie geben uns im Alltag Sicherheit. Manchmal sind wir aber mehr am Funktionieren als am Leben. Wie kleine Maschinen.

Wenn ein Kind auf die Frage „Was ist zwei mal zwei?“ die Antwort „grün“ gibt, kommt uns das falsch vor. Der Physiker und Philosoph Heinz von Foerster sagt, dass dies mit eben unserer Sehnsucht nach Sicherheit und Berechenbarkeit zusammenhängt. Wie kleine Maschinen erwarten und dulden wir nichts anderes als „vier“. Auch wenn „grün“ unter gewissen Umständen durchaus eine kreative und plausible Antwort sein könnte.

Von Foerster weist darauf hin, dass es einen großen Unterschied zwischen Mensch und Maschine gibt. Unser Gehirn funktioniert anders als beispielsweise ein Rechner. Wenn ich am Computer die Taste „A“ drücke, erscheint der Buchstabe „A“ auf dem Bildschirm. Auch nach der 100. Eingabe taucht weiterhin das „A“ auf.

Das menschliche Gehirn kann jedoch verschieden auf denselben Tastenanschlag reagieren. Wenn die Schwiegermutter sich vor dem ersten Kaffee nach dem Fortschritt bei der Gartenarbeit erkundigt, fällt die Antwort vermutlich anders aus als bei beim Bier mit dem besten Freund. Einem Rechner dagegen ist es egal, wer wann welche Taste drückt.

Die „Zeit für Freiräume“ lädt dazu ein, weniger Maschine und mehr Mensch zu sein. Nehmen Sie gewohnte Muster im Leben unter die Lupe und durchbrechen Sie sie. Ab jetzt gibt es vielleicht Brot mit Marmelade zum Frühstück, Bier mit der Schwiegermutter und Kaffee mit dem Freund. Fünf können auch mal gerade sein. Oder zwei mal zwei grün.

 

Strg+Alt+Entf (Januar 2019)

Foto: Wodicka

Einige kennen das noch. Die ersten unausgereiften Computer. Rechner stürzten regelmäßig ab. Auf dem Monitor bewegte sich nichts mehr. Der PC hängte sich auf. Alles war mit allem aneinander geraten. Altes vertrug sich nicht mit Neuem. Die Festplatte überfordert. Alles zu viel. Aus dem Gehäuse noch sonore Geräusche. Aber die führten zu nichts. Das System simulierte nur noch. Wildes Blinken auf dem Bildschirm.

Danach viel Überlegen. Die Diskette noch mal in den Schlitz? Handbuch lesen? Stecker ziehen? Wildes Blinken weiterhin. Dann kam der sogenannte Klammergriff zum Einsatz: Strg+Alt+Entf. Die Finger sahen immer merkwürdig verkrampft dabei aus. Aber die seltsame Tastenkombination war erfolgreich, meistens. Reset. Neustart. Die Kiste lief wieder. Hätte man das nicht einfacher haben können? Ein großer, runder, grüner Knopf oder so?

Experten erklärten, es sei unvernünftig, einen Reset mit nur einem Tastendruck zu erlauben. Dann würden die Leute ja ständig was „resetten“, aus Versehen, wegen eines eigenen Fehlers oder weil sie zu ungeduldig wären. Wer sich den Neustart zu leicht macht, übersieht seine Ursache. Er wird immer wieder und immer öfter den Knopf drücken müssen. Das System fährt dann vielleicht brav hoch, aber schon bald sind die Probleme wieder da. Meistens nicht kleiner als vorher.

Haben wir in der Kirche auch mal einen Reset nötig? Manche meinen das. Ich auch. Weil wir immer öfter in Gemeinden und Gremien wildes Blinken sehen. „Wir sind überfordert.“ „Alles zu viel.“ Sonore Kirchengeräusche. Das Alte gerät aneinander mit Neuem. „Wofür nochmal sind wir mal angetreten?“ Simulieren wir nur noch? Strg+Alt+Entf?

Ich gebe zu: Manche Ideen und Gedanken dazu sehen auch merkwürdig verkrampft aus. „Freiräume“? „… um des Menschen willen“? Aber den einen, großen, runden, grünen Knopf gibt es nicht. Viel Überlegen. Wer sich den Neustart zu leicht macht, übersieht seine Ursache. Das System fährt dann vielleicht brav wieder hoch, aber … - siehe oben.

In unserer christlichen Tradition haben wir Worte für einen Reset. Sie heißen Umdenken, Umgestaltung, Metanoia. Das ist der harte Kern. Wir erfinden die Welt nicht neu. Auch die Kirche nicht. Wir verändern sie. Und uns auch. Damit die Kiste – pardon Kirche – wieder läuft. Meistens. Hoffentlich.

Metanoia, Umgestaltung ist spießiger als Reformation und Revolution. Ich kann es auch Entwicklung nennen. Evolution. Da gehen die Dinge langsam voran. Solche Veränderungen sind das Ergebnis zäher und mühsamer Anpassungsverhandlungen. Nicht zwangsläufig ein Bruch mit allem, was war. Metanoia ist ein Lernen in kleinen Schritten. Wir bleiben an viele Voraussetzungen gebunden: an alte Versprechen, an Deals, an Erwartungen, an Rücksichtnahmen. An Menschen! An die vor allem. Sie sind die Wichtigsten im ganzen System. Bitte keine Operationen am offenen Herzen!

Der Reset gründet in der Einsicht: Das, was wir tun, ist im Grunde richtig. Wir schütten das Kind nicht mit dem Bade aus. Aber Müll sammelt sich immer an. Dinge verknoten. Routinen erstarren. Abläufe laufen leer. Der Reset bringt das System wieder zur Besinnung. Wir bringen uns zur Besinnung. Ist das Kirche, oder kann das weg? Wo pflegen wir den Schatten von Dingen, die es schon lange nicht mehr gibt? Oder ist fürs Müllrausbringen wieder mal niemand zuständig?