Rathing: "Erst einmal bis eins zählen"

Nachricht Lüneburg , 15. Dezember 2013

Landessuperintendent für zweitweisen Verzicht auf Erhebung statistischer Daten

Lüneburg. Der Lüneburger Landessuperintendent Dieter Rathing hat in seinem „Weihnachtsbrief für den Sprengel“ angeregt, eine Zeit lang auf das Zählen in Kirchen und Gemeinden zu verzichten. „Wird unsere Kirche denn durch große Zahlen zusammengehalten und gewinnt das Evangelium dadurch Ansehen“, fragte der Regionalbischof mit Blick auf „Mangelerfahrungen“, die es neben viel Gelingendem auch gebe. Rathing erinnerte an die frühen Christengemeinden, die gerade in ihrer Sorge für Einzelne Ausstrahlung und Anerkennung in ihrer Umgebung gewonnen hätten. Der Brief wurde an mehr als 600 hauptberuflich Mitarbeitende sowie die Mitglieder der Landessynode in den elf evangelisch-lutherischen Kirchenkreisen im Nordosten Niedersachsens versandt.

Dass das Geld weniger werde, die Zahl der Gottesdienstbesucher sinke und das öffentliche Ansehen der Kirche schwinde, nannte Rathing einen „Grundkummer unserer Zeit“. Trotz guter Arbeit sprächen viele Zahlen „gegen uns“. Dem gegenüber zitierte der Landessuperintendent einen Pastor, der sich in einer Notfallsituation einer großen Anzahl von Hilfsbedürftigen gegenüber sah: „Die Seele kann immer nur bis eins zählen.“ Der seelsorgliche Dienst der Kirche gelte dem einzelnen Menschen.

In diesem Sinne könnten sich Kirchenvorstände – „statt über der Taufstatistik zu brüten“ – auf die Suche nach einem Paten für den Täufling machen, der niemanden hat. Ein Kirchenvorsteher könnte auch selbst das Amt übernehmen, regte Rathing an, „und ein anderer hilft ihm dabei“. Als weiteres Beispiel nannte der Landessuperintendent die Bestattungskultur: Angesichts immer mehr Beisetzungen Alleinstehender ohne Trauerfeier könnten Gemeindemitglieder solchen Verstorbenen das letzte Geleit geben. „Es gibt viele Gelegenheiten, erst einmal bis eins zu zählen“, rief Rathing zur Sorge um einzelne Mitmenschen auf. „Der Hirte ist die Symbolfigur in unserer Kirche, nicht der Betriebswirt.“

Mit Blick auf die laut Magazin „chrismon“ 73 Prozent der Gottesdienstbesucher, die zu Weihnachten vor allem eine gute Predigt erwarteten, dankte Rathing allen Mitarbeitenden im Pastoren-, Lektoren- und Prädikantendienst. Den Dank an die musikalisch Aktiven verband er mit dem Wunsch von 72 Prozent der Gottesdienstbesucher, es möge zu Weihnachten das Lied „Stille Nacht“ gesungen werden. Ebenso würdigte der Regionalbischof das Engagement der Diakone, Küster, auch jugendlichen und erwachsenen Ehrenamtlichen und nicht zuletzt „allen Mitfeiernden, Mitsingenden und Mitbetenden“. Immerhin wünschten sich 64 Prozent der Gottesdienstteilnehmer zu Weihnachten eine gut besuchte Kirche. 

Hartmut Merten

Weihnachtsbrief für den Sprengel - im Wortlaut

Aus der diesjährigen Visitation in Winsen/Luhe ist mir ein schönes Bild in Erinnerung. Die Gemeinde St. Marien hat dort vor einigen Jahren mit einer Menschenkette ihre Kirche umarmt. Ich hatte früher schon einmal von diesem englischen Brauch des „church clipping“ gelesen. Zusammen mit dem Pastor oder der Pastorin, die den Kreis feierlich abschreiten, bringen die „Kirchen-Umarmer“ mit dieser Aktion ihre Zuneigung und ihre Wertschätzung für das Kirchengebäude zum Ausdruck. Was man liebt, das nimmt man eben gern in den Arm. Vielleicht ist das eine Idee für dieses oder jenes Kirchenjubiläum im kommenden Jahr.

Einen kräftigen Eindruck davon, wie das auch aussehen kann, wenn Menschen ihre Kirche umarmen, bekommen wir jetzt wieder zu Heiligabend. Nicht in Form eines Außenkreises um das Gotteshaus, sondern mit der Teilnahme an den Gottesdiensten. Ich weiß, dass mancher den großen Kreis der „Weihnachtschristen“ skeptisch beäugt. Sind es weithin nicht nur Tradition und Konvention, die sie kommen lassen?

Was Menschen in unseren Weihnachtsgottesdiensten besonders anspricht, hat das evangelische Magazin „chrismon“ einmal erhoben. 73% der Kirchenbesucher wertschätzen eine gute Predigt. Dank an alle Pastorinnen, Lektorinnen und Prädikantinnen für ihren Dienst! 72% bzw. 59% wollen die Lieder „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ nicht missen. Dank an alle Kantoren, Organisten, Chorsänger und Instrumentalisten!  67% und 54% möchten, dass die klassische Weihnachts-geschichte oder ein Krippenspiel nicht fehlen. Dank an alle Gottesdiensthelferinnen, Kinder-gottesdienstmitarbeitende, Diakoninnen, jugendliche und erwachsene Ehrenamtliche! Für 66% ist eine schön geschmückte Kirche wichtig. Dank an alle Küster, Kirchenvorsteher und Kirchenhüter! 64% schließlich wünschen sich eine gut besuchte Kirche zu erleben. Dank an alle Mitfeiernden, Mitsingenden und Mitbetenden! Und das nicht nur für die anstrengende Weihnachtszeit!

Das ganze Jahr über strengen wir uns ja an. Viel Gelingendes kommt dabei heraus. Ich zähle das jetzt nicht auf. Denn was mir an vielen Orten zuerst entgegengebracht wird, das sind die Mangelerfahrungen. Das Geld wird weniger. Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt ab. Das öffentliche Ansehen der Kirche schwindet. Die Zahl der Mitarbeitenden zu halten macht Mühe. Niemand wird uns vorhalten können, dass in der Kirche zu wenig gearbeitet wird. Wir alle tun viel, und trotzdem sehen wir viele Zahlen gegen uns sprechen. Das ist ein Grundkummer unserer Zeit.

Ob wir uns nicht das Zählen in unseren Kirchen und Gemeinden für eine Zeit lang verbieten sollten? Wird unsere Kirche denn durch große Zahlen zusammengehalten? Gewinnt das Evangelium denn Ansehen durch hohe Ziffern in der Bilanz von Gemeindearbeit? „Die Seele kann immer nur bis eins zählen.“ So habe ich es von einem Pastor im Ohr, der sich in einer Notfallsituation einer großen Anzahl von Hilfsbedürftigen gegenüber sah. Er wollte damit sagen: Ich bin da am hilfreichsten und dort am besten bei meiner Sache, wenn ich nicht die große Zahl vor Augen habe, sondern den einen Menschen, das eine Anliegen, die eine Not. Es könnte sein, dass wir auch in der Kirche da am besten bei unserer Sache sind, wo wir erst einmal nur bis eins zählen. Ich habe Beispiele vor Augen. Den Kirchenvorstand, der statt über der Taufstatistik zu brüten, sich auf die Suche nach dem einem Paten macht für den einen Täufling, der niemanden in der Familie hat, dem das Patenamt gegeben werden könnte. Vielleicht kann einer aus dem Kirchenvorstand selbst dieser Pate sein, und ein anderer hilft ihm dabei? Die Männergruppe, die mitbekommen hat, dass immer mehr alleinstehende Verstorbene ohne Trauerfeier „still und heimlich“ bestattet werden. Und man verständigt sich im eigenen Ort zu einer würdigen Bestattungskultur beizutragen, Verstorbene ohne Familienangehörige oder Freunde oder eigene Mittel zu verabschieden, für sie zu beten und ihnen letztes Geleit zu geben. Ein Beispiel dafür ist die Tobiasbruderschaft in Göttingen.

In der Kirche, im Gemeindehaus, auf der Straße …, mit den Konfirmanden, mit dem Kirchen-vorstand, aus der Diakoniekasse … Es gibt viele Gelegenheiten, erst einmal bis eins zu zählen. Die frühen Christengemeinden haben gerade dadurch Ausstrahlung und Anerkennung in ihrer Umwelt gewonnen. Sie trugen sichtbar Sorge für Einzelne – für einen „Taufanwärter“, für eine menschenwürdige Bestattung, für das Nachgehen einer Seele. Ich wünschte, das Kümmern um die Zahlen in unserer Kirche würde zu einem erkennbar geistlichen Kummer, aus dem heraus einer einem anderen zum Christen wird. Der Hirte ist die Symbolfigur in unserer Kirche, nicht der Betriebswirt.

Die Stimme eines Einzelnen hören wir in der Jahreslosung für 2014. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Psalm 73,28). Der Wortlaut entstammt der ökumenischen Einheitsübersetzung. Und er klingt überraschend. Ich jedenfalls habe dieses eigentlich bekannte Wort aus einem zentralen Psalm nicht gleich erkannt. In der Lutherübersetzung ist es sehr geläufig, dort heißt es: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn.“ Auf den ersten Blick bekommt man das nicht zusammen, wie derselbe hebräische Text so verschieden übersetzt werden kann. Da sind alle Predigenden gefordert. Vielleicht können uns die Musiker helfen. Es gibt eine schöne Chorvertonung: „Das, das, das – ist meine Freude …“ Die Motette von Johann Ludwig Bach liegt auch in einer vereinfachenden Bearbeitung vor. Wer beim Text der Einheitsübersetzung bleiben will, wird an Psalm 73,28 noch eine Entdeckung machen – zwei Worte sind in der Jahreslosung doch glatt verloren gegangen. Oder sind sie verloren gegeben? Erstaunlich, wie wir es uns erlauben, sperrige Bibeltexte einfach mal so zu glätten, damit sie „schön“ auf unsere Kaffeetassen und Frühstücksbrettchen passen. Es könnte sich lohnen, 2014 auch darüber zu sprechen.

Als schöner und vertrauter Text kommt uns jetzt jedoch erst einmal die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2 entgegen. Auch wenn Gottes Menschwerden ein sperriger Gedanke bleibt. Aber ein schöneres Bild für Gottes Nähe zu uns Menschen kann es doch gar nicht geben – er selber kommt als Menschenkind zur Welt. Unser Glück!

Ganz viel von dem Glück, die Nähe Gottes und die Nähe von Menschen zu spüren, wünsche ich Ihnen für das kommende Jahr! Ihnen, Ihrem Ehe- oder Lebenspartner, Ihrer Familie und allen Nächsten ein frohes und gesegnetes Christfest!

In Verbundenheit Ihr
Dieter Rathing