Zukunft

Neue Medien, neue Wege
Dass sich die Arbeit von Pfarrer*innen verändert, daran zweifelt wohl niemand. Das Projekt „Pfarrberuf 2030“ will diese Zukunft koordiniert vorbereiten. Doch auch schon kurzfristiger geht die Kirche neue Wege: In nur temporär „aufploppenden“ Läden lädt sie zu Kreativität, Austausch und Gebet ein. Eine Telefonzelle will eine besondere Verbindung zu Gott schaffen und Andachten und Impulse erreichen immer mehr Menschen auf digitalem Weg. Dieses Kapitel dreht sich um neue Formen der Gemeinschaft, eine junge Kirche und alte Werte.

Den Pfarrberuf 2030 aktiv gestalten

Bild: Simsam Ben

Sinkende Mitgliederzahlen, weniger Geld, weniger Pastoren, die für größere Gebiete zuständig sein werden – dafür aber viele neue verwaltungstechnische Aufgaben, höhere Arbeitsbelastung, weil Pastoren fehlen und immer häufiger Vakanzvertretungen einspringen müssen: Das sind die auf den ersten Blick nicht gerade rosigen Aussichten für angehende Pfarrer*innen. Wie kann dieser Job trotzdem attraktiv bleiben? Welche Chancen gibt es, welche Veränderungen sind nötig? Diese Fragen diskutieren Kirchenleute nicht nur privat für sich, sondern auch in einem laufenden Prozess, dem „Pfarrberuf 2030“.

Unter dem Motto „Wir reiten die Welle“ diskutieren unter anderem Pastor*innen und andere Interessierte in Konferenzen und Arbeitsgruppen über Maßnahmen und Erleichterungen. Eine Idee ist beispielsweise die Entwicklung von multiprofessionellen Teams in den Gemeinden: mehr Zusammenarbeit mit Religionslehrern und freiwilligen Interessierten, also Ehrenamtlichen. Eine andere Idee ist die Schaffung ganz neuer kirchlicher Berufe.

„Ein Wunsch wird bei den Konferenzteilnehmer*innen immer deutlich: weniger Verwaltung, dafür mehr Zeit für die Menschen, mehr Verkündigung und Seelsorge“, so Dorothea Noordveld-Lorenz, Koordinatorin des langfristig angelegten Projekts.

„Verwaltung, Teamarbeit, Vernetzung: Pfarrberuf soll attraktiver werden.“
Interview mit Dr. Dorothea Noordveld-Lorenz, Koordinatorin des Projekts „Pfarrberuf 2030

Nachgefragt

Frau Dr. Noordveld-Lorenz, wie hat sich das Projekt „Pfarrberuf 2030“ entwickelt?

In Hildesheim haben sich bei einer Konferenz mit über 200 Teilnehmer*innen drei Schwerpunkte herausgebildet, an denen wir bereits arbeiten: Verwaltung, multiprofessionelle Teams und Sozialraumorientierung, also die Vernetzung vor Ort. In Arbeitsgruppen suchen wir in diesen Bereichen neue Wege. Eine Idee ist zum Beispiel, mit Religionslehrern zu kooperieren. Eine andere Frage ist, ob und wie Ehrenamtliche mehr Verantwortung tragen können. Ziel ist immer, den Pastorenberuf attraktiver zu machen.

Wie geht es weiter?

Wir wollen die Idee breiter bekannt machen und motivieren, mitzumachen. Es ist eine partizipative Initiative – jede und jeder, der Interesse hat, kann sich einbringen. Für 2021 und 2022 sind dann wieder Konferenzen wie die in Hildesheim geplant.

Wenn es ein offener Prozess ist – was ist das übergeordnete Ziel?

Die Hoffnung ist, dass wir von dem Wandel nicht überrollt werden, sondern ihn selbst aktiv gestalten, dass wir ausprobieren und die Sache selbst in die Hand nehmen. Für diejenigen, die ihn jetzt ausüben, aber auch für diejenigen, die bald in ihn einsteigen.

„Leitung zu Gott“ in einer Telefonzelle

Bild: Ute Schröder

Von außen ist es nur ein grau-rosa Kasten. Doch drinnen verspricht die Telefonzelle eine Verbindung zu Gott: mit einem Telefonhörer, ausgelegtem Infomaterial, etwa zur Telefonseelsorge oder die „Nummer gegen Kummer“, auch Bibelstellen sind ausgedruckt.

Debstedt war die erste Gemeinde, die die „besondere Leitung zu Gott“ aufgestellt hat. Täglich von 12 bis 20 Uhr geöffnet, soll sie eine Möglichkeit sein, bei Sorgen Hilfe und zu Gott zu finden.

Doch manche Sorge ist schwer auszusprechen. Für diesen Fall steht neben der Telefonzelle ein Briefkasten: für Briefe an Gott.

App für eine Auszeit im Alltag

Bild: Rainer Koch

Joggen, Rad fahren, wandern: dass Sport wichtig für unseren Körper ist, wissen wir. Doch auch Kopf und Herz brauchen Aufmerksamkeit – genau dafür gibt es die App „XRCS“, gesprochen „exercise“, Englisch für „Übung“ oder „Aufgabe“, angelehnt an die lateinischen „Exerzitien“. Und genau die stellt sie: tägliche Aufgaben, die eine Auszeit und Aufmerksamkeit in den Alltag bringen sollen.

Die auf dem Handy installierte Anwendung erinnert zu bestimmten Zeiten daran, kurz Pause zu machen. In verschiedenen Modi gibt es entweder ein bis drei Impulse in Form einer Frage, die man innerhalb einer Minute beantworten soll – etwa: „Wo würdest du einen Neubeginn wagen?“. Im „Exerzitien“-Modus gibt es täglich drei, fünf oder sieben Impulse, die jeweils zwischen fünf und 25 Minuten dauern und Zeit für Stille, Gebet und Nachdenken geben. 

 

Die App ist kostenlos und von der Landeskirche Hannovers entwickelt worden, 2019 wurde sie grundlegend überarbeitet.

Pop-up-Kirche überrascht Hildesheimer

Bild: Michael Schmidt

Wie Kirche dagegen schon sehr kurzfristig neue Wege gehen kann, zeigte Nele Gittermann im Jahr 2019 viermal mit der „Pop-up-Kirche“. In mehreren sonst leer stehenden Geschäften in Hildesheim öffnete sie eine neue Art von Gemeinderaum: nicht nur für die stille Einkehr, sondern auch für kulturelle Veranstaltungen. Statt Altar und Kirchenbank luden große Tische und Sofas beinahe in Wohnzimmer-Atmosphäre zu Aktionen und zum Verweilen ein. Für jeweils einen Monat wurden die Läden zu Orten der Zusammenkunft mit bunten Programmen: Kerzenworkshops, Taizé-Andachten, Chorproben, Diskussionsrunden, nachhaltige Mahlzeiten, Lesungen, kleine Konzerte, Spieleabende und mehr wechselten sich ab und luden ein, ins Gespräch zu kommen. Unter verschiedenen Mottos konnte jede*r Interessierte vorbeischauen und die temporär „aufploppenden“ Angebote ausprobieren.

Organisatorin Nele Gittermann stellte für jede einzelne „Pop-
up-Kirche“ ein vielfältiges Programm zusammen und wollte so die Kirche raus aus den klassischen Gebäuden, hinein mitten in die Innenstadt bringen.

Glaubenskurse gehen online

Muss man an die Bibel „glauben“, um ein Christ zu sein? Welche Kernbotschaften hat der evangelische Glaube? Und: Wie kann ich mir Gott eigentlich vorstellen? Solche und andere Fragen stellen sich die Teilnehmer des Onlineglaubenskurses der Internetpastorin Birgit Berg. „Kirche ist eine Kommunikationsgemeinschaft“, ist sie überzeugt, „wir haben auch im Internet Sinnangebote.“

Auf der Website online-kurs-zum-glauben.wir-e.de kann auch offen diskutiert werden. Die Kurse starten ungefähr zehnmal im Jahr und sind kostenlos. Nicht nur Kirchenmitglieder machen mit, sondern auch Menschen, die sich taufen lassen möchten, nach einem Austritt wieder zurückkehren möchten oder ohne eigene Religiösität an spirituellen Fragen interessiert sind. Sogar aus Spanien und Indien haben schon Personen teilgenommen. „Kirche lebt in allen Lebensbereichen“, sagt Birgit Berg. Das Internet soll die Gemeinde vor Ort natürlich nicht ersetzen, sondern ergänzen.