Umweltschutz

Klimafasten will den Alltag hinterfragen
Unter dem Motto „So viel du brauchst“ rückte während der Passionszeit der Klimaschutz in den Mittelpunkt. Alltagsroutinen unterbrechen, Energie sparen und plastikfrei leben – einige haben es versucht. Sie berichten von ihren Erfahrungen ...

Durch „Achtsamkeit“ Tagesroutinen unterbrechen

Regula Jantos und Franziska Horn aus dem Landesjugendpfarramt üben sich in Gelassenheit.

Tag 1 (Regula),
Vorbereitungen:

„Schenken Sie sich Momente der Entschleunigung und Orte der Einkehr.“ Das ist gar nicht so einfach, wenn der Tag angefüllt ist mit Terminen, Bürozeiten, Kinder aus der Schule holen und zwischen Sportverein und Abendbrot noch schnell E-Mails checken. Denn so sieht mein Alltag aus. Woher soll ich da noch die Zeit für Entschleunigung nehmen? Ganz klar: Dafür brauche ich Unterstützung. Ich brauche einen Entschleunigungsbuddy, der mit mir Routinen durchbricht. Gefunden habe ich dafür Franziska.

Tag 2 (Regula),
Kein Stress:

Franziska und ich verabreden uns um 7 Uhr im Park, um der Sonne beim Aufgehen zuzuschauen. Doch das geht schief: Es ist ein trüber, nasskalter Tag. Trotzdem wandern wir durch den Park, beobachten Hundeausführerinnen, Radfahrer und einsame Spaziergänger. Ich richte den Blick aufwärts zu den Baumkronen und merke, wie ich ruhig werde und Gedanken schweifen. Trotz Kälte und Nebel. Das tut gut und begleitet mich den ganzen Tag.

Tag 3 (Franziska),
Mittagssonne:

Die Anziehungskraft der Sonne auf den Menschen muss ähnlich hoch sein, wie die Anziehungskraft des Mondes auf das Meer. Die Sonne zeigt sich zum Mittag und ich werde von ihr nach draußen gezogen. Auf einer Bank blinzle ich in das Licht, esse mein Mittagessen und freue mich über das Leben, das um mich herum zwitschert, klirrt, raschelt und murmelt.

Bild: Steffen Hummel

Tag 4 (Regula),
Tagesroutinen unterbrechen:

Ich gehe so achtlos durch den Morgen, dass ich mich an den Weg von daheim ins Büro gar nicht mehr erinnere. War die Stadtbahn voll oder leer? Wer saß mir gegenüber? Heute gehe ich den Weg bewusst und bin erstaunt, wie viele Kleinigkeiten mir auffallen: Die Schüler, die über einem Smartphone kichern. Die Frau, die hinter dem Müllcontainer eine Zigarette raucht. Der Vater mit dem Kind, der in letzter Minute in die Bahn springt. Ich überlege, welche Geschichten sich hinter den Menschen verbergen, und wünsche mir Zeit, um ihnen nachzugehen.

Tag 7 (Franziska und Regula),
Blickwinkel:

Ich fühle mich von Bildern überflutet, wenn meine Gedanken durcheinanderwirbeln, ich viele Dinge gleichzeitig mache und meinen Ideen hinterherhetze. Eine Woche Achtsamkeit ist vorbei. Auf den ersten Blick hatten unsere Aktionen nichts mit Klimaschutz zu tun. Trotzdem merken wir: Wir sind aufmerksam gegenüber uns selber und unserer Umgebung. Zeit wird kostbar, und Mitgeschöpfe werden wertvoll.

„Energie sparen“ – Besen statt Staubsauger
Pastorin Hanna Rucks und Pastor Timo Rucks aus Harpstedt haben zusammen mit ihren Kindern das Projekt gewagt und haben eine Woche Energie gefastet.

Bild: Timo Rucks

Tag 1:

Wir sind auf Ökostrom umgestiegen. Wir haben einen stromsparenden Kühlschrank mit einem kleinen Gefrierfach oben drin – als sechsköpfige Familie (wir gehen dadurch häufig einkaufen). Wir achten darauf, nur so viel Wasser im Wasserkocher zu erhitzen, wie wir dann auch tatsächlich als Tee trinken. Wir praktizieren Stoßlüften. Wir nutzen (außer beim Duschen) fast ausschließlich kaltes Wasser. Wir realisieren, dass bei uns oft Licht brennt, ohne dass wir das brauchen würden. Wir haben die Idee, tagsüber im Sicherungskasten den Strom für die Räume auszuschalten, in denen kein Licht nötig ist und die Steckdosen unbenutzt. Wir markieren im Sicherungskasten die entsprechenden Schalter und schalten sie aus – bis 17 Uhr. Dann wird es zu dunkel.

Tag 2:

Klimafreundliches Duschen steht heute auf dem Programm. Wir haben beschlossen, kürzer zu duschen. Es geht in zwei Minuten. Nachmittags fragt die Kinderbetreuung, was es damit auf sich habe, dass das Licht nicht angehe. Die Kinder hätten gesagt: „Wir sparen Strom.“ Ich erkläre ihr, was wir gerade versuchen, und denke: Man muss gar nicht viel sagen. Menschen merken, wenn man anders lebt. Wir haben uns entschieden, diese Woche auch auf die Freizeitbeschäftigung „Surfen“ zu verzichten und damit Computerstrom zu sparen. Abends macht sich das bemerkbar. Ich habe Zeit. Was mache ich damit? Ich greife mal wieder zu einem Buch ...

Bild: Timo RUcks

Tag 3:

Haben wir daran gedacht, die Sicherungen heute Morgen abzustellen? Die neuen Ideen müssen in die morgendliche Routine eingebaut werden, denke ich. Ich entdecke einen Kleiderständer in unserem Wohnzimmer, mein Mann hat ihn da aufgestellt. Etwa zwei Tage braucht die Wäsche, um so trocken zu werden in dieser Jahreszeit. Diese Woche fällt nicht viel Wäsche an, es geht. Wie wird das in anderen Wochen sein oder nach Urlauben?

Tag 4:

Heute ist Putztag: Wohnungsputz ohne Staubsauger. Wir haben keine Teppiche, da geht das gut. Der Besen kommt mal wieder zum Zug. Er ist leichter, er ist leiser – und fegen dauert nicht viel länger als saugen. Der einzige Nachteil: Es wird nicht ganz gleich sauber. Wird sich das auf Dauer durchsetzen? Ich bin unsicher.

Ich schaue auf die vergangenen Tage zurück. Das bisherige Stromfasten hat kaum Zeitaufwand mit sich gebracht, sogar eher das Gegenteil. Aber es braucht ein neues Einüben von Routinen. 

WOCHENTHEMA: ENERGIEHAUSHALT

Ein wohlig warmes Wohnzimmer, Musik aus der Stereoanlage, eine gut beleuchtete Arbeitsfläche, eine warme Dusche ...

Zentralheizung und Strom machen das Leben angenehm. Aber dafür benötigen wir trotz vieler sparsamer Geräte immer noch sehr viel Energie. Je effizienter und bewusster wir heizen, beleuchten oder kochen und je mehr Sonne und Wind wir dazu nutzen, desto besser für das Klima.

Die Aktion

Mit dem biblischen Leitsatz „So viel du brauchst“ regt die Fastenaktion „Klimafasten“ dazu an, sich Zeit zu nehmen, das eigene Handeln im Alltag zu überdenken, Neues auszuprobieren, etwas zu verändern. Von Aschermittwoch (6. März 2019) bis Ostersonntag (21. April 2019) ging es zum Beispiel darum, achtsamer zu kochen, anders unterwegs zu sein oder Orte der Einkehr und Ruhe aufzusuchen. Eine Broschüre begleitete durch die Zeit. 2019 luden elf evangelische Landeskirchen und drei katholische Bistümer dazu ein.

„Plastik vermeiden“– Fasten mit Seife am Stück
Plastikfrei leben? Landesbischof Ralf Meister und Ehefrau Dagmar Ulrich-Meister haben es ausprobiert.

Ralf Meister öffnet den Kühlschrank und räumt aus. Der Schmelzkäse, Schmand, Margarine, die Milch, der Biojoghurt – alles ist in Plastik verpackt. „Und hier, alter Salat in Kunststoff, auch das noch“, sagt der hannoversche Landesbischof. Vom 5. April an beteiligt sich das Ehepaar Meister an der Aktion Klimafasten. Eine Woche lang wollen sie möglichst plastikfrei leben. Vorweg machen sie Bestandsaufnahme. 

„Wir wollten eh etwas ändern“, sagt Dagmar Ulrich-Meister. Ein Film über Jugendliche, denen es gelungen sei, eine ganze Insel in der Karibik von Plastikmüll freizubekommen, habe sie beeindruckt. „Auch unsere Kinder rütteln uns wach, wenn sie mit erhobenen Zeigefingern am Frühstückstisch sitzen.“ Längst trinken die Meisters Leitungswasser, in der Glasflasche mit Kohlensäure spritzig gemacht. Im Sommer ernten sie eigenes Gemüse, und die Eier kommen von Hühnern im Garten der Bischofskanzlei in Hannover. 

Doch auf dem Tisch im Wohnzimmer sammelt sich viel an, für das sie jetzt Alternativen finden müssen. Haushaltsreiniger in Plastikflaschen noch und nöcher, Shampoo und Duschgel. „Wenn wir früher mit den Pfadfindern unterwegs waren, haben wir nur ein Stück Seife mitgenommen“, erinnert sich der evangelische Bischof. Aber heute?

Mit Glasbehältnissen und Tupperschalen zum Einkaufen

Andere Gewohnheiten haben sich eingeschlichen. Hier setzt die Aktion „Klimafasten“ an: Es geht darum, allein oder in der Gruppe bewusst Verzicht zu üben, um für neue Gedanken und Verhaltensweisen frei zu werden. Seit Anfang März steht dabei vom Energieverbrauch bis zum Plastikverzicht jede Woche unter einem anderen Thema. Die Meisters stimmen sich schon einmal ein. Sie greifen zu ihren Stofftaschen, und diesmal packen sie auch Glasbehältnisse und Tupperschalen ein, bevor es zum Einkaufen geht. 

Ihr festes Vorhaben ist es, ohne Plastikmüll wieder nach Hause zu kommen. Im Supermarkt stoßen sie auf erste Hürden. Dagmar Ulrich-Meister lässt die Biotomaten im Regal und greift zum Sonderangebot aus Spanien, die sind nämlich unverpackt. Fünf, sechs Früchte wandern in das „Mehrweg-Frischenetz“, das der Rewe-Laden bereithält. Das ist zwar aus Polyester, aber bei 30 Grad waschbar und wiederzuverwenden.

Auch für den Handel sei zu spüren: „Das Thema ist mitten in der Gesellschaft angekommen“, sagt der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Kai Falk. Noch immer sei Gemüse zum Teil eingeschweißt, um auch bei längeren Transportwegen Frische zu garantieren. In den Auslagen der Märkte ist das nicht zu übersehen. „Doch wir sind dran“, versichert Falk. Die Zahl der Plastiktüten habe sich halbiert. Manches Gemüse werde inzwischen mit Brandzeichen gekennzeichnet. „Die vielen Gurken in Kunststoffhüllen haben wir nicht mehr.“ Im Einkaufswagen der Meisters landet dann auch eine Gurke, die nur mit einem Aufkleber versehen ist.

Haarshampoo zum Selbstabfüllen

Bild: Jens Schulze

Am Versuch, sich den Käse in die mitgebrachte Dose legen zu lassen, scheitert der Bischof im Supermarkt jedoch. Daniela Beckmann, Pressesprecherin von Rewe-Nord verweist auf Haftungsfragen und Hygienerichtlinien. „Wir haften, ohne zu wissen, ob die Dose in einwandfreiem Zustand war.“ An einer einheitlichen Lösung des Problems arbeite der Handel aber.

Im „Lose-Laden“ ein paar Straßen weiter sieht Inhaber Michael Albert dagegen kein Problem mit dem Käse. „Wir haben das mit der Lebensmittelüberwachung im Detail durchgesprochen“, sagt er. Die Meisters bekommen ihren Käse diesmal ohne foliertes Papier direkt in die Dose. Dazu gibt es für die Neulinge im Laden ohne Verpackungen viel zu entdecken, etwa Haarshampoo zum Abfüllen aus dem Glasspender und als festes Stück mit Zitrusduft, der den Bischof begeistert.

„Das Einkaufen kostet mehr Zeit“, resümiert er. „Der Aufwand ist größer, man muss die Verpackung mitbringen. Und natürlich sind die Dinge in der Regel nicht billig.“ Wer knapp kalkulieren müsse, könne sich das nicht leisten.

Der Berliner Blogger Christoph Schulz gibt Einsteigern wie den Meisters im Internet und einem Buch Tipps für ein plastikfreies Leben. „Es bildet sich eine neue Routine“, macht er Mut. „Man muss ja auch nicht von heute auf morgen plastikfrei leben. Es ist ein langfristiges Ziel.“ Bisher fehlte ihnen der letzte „Drive“, sagt Dagmar
Ulrich-Meister. Das Klimafasten komme deshalb gerade recht. „Und wir können vielleicht auch Freunde dafür gewinnen.“

Plastikmüll

Kunststoffe haben viele hilfreiche Eigenschaften, aber 99,8 Prozent haben einen großen Nachteil: Sie sind nicht biologisch abbaubar. Bis zum Jahr 2015 fielen 6,3 Milliarden Tonnen Plastikmüll an, nur 9 Prozent wurden wiederverwertet. 12 Prozent wurden verbrannt, und 79 Prozent landeten auf
Deponien oder in der Umwelt. Es gibt viele Möglichkeiten, einen plastikärmeren Lebensstil zu führen. Probieren Sie es aus.

Landesbischof stellt sich hinter Klimaschutzbewegung; Aktivistinnen sprechen vor

Bild: Jens Schulze

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat sich hinter die Klimaschutzbewegung Fridays for Future gestellt. Während seines Bischofsberichts vor der evangelischen Landessynode überließ er zwei Gastrednerinnen das Wort. Die Fridays-for-Future-Aktivistinnen Paula Seidensticker (18) und Lisa Steinwandel (21) forderten die Landeskirche dazu auf, sich mehr als bisher aktiv für den Klimaschutz zu engagieren. „Gemeinsam können wir es noch schaffen“, sagte Seidensticker.

„Für die Einhaltung ambitionierter Klimaziele auf die Straße zu gehen bedeutet für mich, Christin zu sein“ betonte die Organisatorin der Schülerstreiks aus Celle. Die Lüneburger Studentin Steinwandel mahnte: „Es sind unsere Nächsten, unsere Kinder, wir, die betroffen sind.“ Ab dem Jahr 2030 werde das Klima kippen: „Dann bin ich 32 Jahre alt.“ Schon heute litten Menschen im globalen Süden unter den Folgen des Klimawandels, sagten die Aktivistinnen. Die Kirche könne dazu beitragen, auch ältere Generationen zu erreichen, die das Thema zu lange nicht ernst genug genommen hätten.

Bild: Jens Schulze

Meister würdigte das Engagement von Fridays for Future als beispielhaft. Zwar engagiere sich auch die Landeskirche für den Klimaschutz. „Doch wir setzen die Sache nicht mit der Ernsthaftigkeit um, die wir angesichts der drängenden Notwendigkeit brauchen würden.“ Bewegung, Mut und „Sprunginnovation“ im Klimaschutz sähen anders aus.

Am 20. September demonstrierten in vielen Städten und Dörfern in der ganzen Welt Menschen für mehr Klimaschutz. Auch die Landeskirche Hannovers unterstützte den Aufruf von Fridays for Future und ermutigte die Kirchengemeinden dazu, sich an den Aktionen und Demonstrationen zu beteiligen und Andachten zur Bewahrung der Schöpfung zu feiern. Viele Gemeinden folgten dem Aufruf.