Religionen

Interreligiöses Frauenmahl zum Thema „Heimat“
„Was bedeutet für mich Heimat?“ Darüber unterhielten sich 220 Christinnen, Jüdinnen, Muslima und Bahai aus Hannover und Umgebung beim zweiten Interreligiösen Frauenmahl im März in der Marktkirche in Hannover. Die fünf Gänge des Menüs der Einrichtung „Pro Beruf“ wechselten sich ab mit Tischreden und musikalischen Beiträgen.

„Wir wollen miteinander diese Welt gestalten, dazu brauchen wir Wegzehrung, geistliche und weltliche“, sagte Hanna Kreisel-Liebermann, Pastorin der Marktkirche, zu Beginn des Abends. Dr. Gabriele Andretta, Präsidentin des niedersächsischen Landtags, erinnerte in ihrem Grußwort am Vorabend des internationalen Frauentags daran, dass vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt worden sei. Doch noch immer lebten viele Frauen auf der Welt in Unfreiheit, und die Hälfte der Menschen, die auf der Flucht sind, seien Frauen. „Was können wir tun, damit sie bei uns eine neue Heimat finden?“, fragte die Politikerin.

Mit Tischsegensworten aus der jüdischen, muslimischen und christlichen Tradition auf Hebräisch, Arabisch und Deutsch und dem Tischlied „Shalom Chaveroth“ begann der kulinarische Teil des Abends. Birke Schoepplenberg vom Evangelischen Kirchenfunk in Niedersachsen (ekn) moderierte den Abend und stimmte mit historischen und eigenen Überlegungen zum Thema Heimat auf die Gespräche an den Tischen ein.

„Gegenwärtig ist mir Deutschland am ehesten dort Heimat, wo es am wenigsten Deutsch ist, wo Multikulturalität gelebte Praxis ist. Und wo ich nicht immer als die ‚andere‘ erklären muss, wie es denn ist, als Jüdin in Deutschland zu leben“, sagte Dr. Ulrike Offenberg, die Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hameln in der ersten Tischrede. Im Judentum sei das Land, das Abraham und Sara verheißen wurde, über Jahrhunderte als Sehnsuchtsort lebendig geblieben. Doch Juden und Jüdinnen entwickelten im Laufe der Jahrhunderte eine Heimat in einem Gewebe von Gebeten, Sprache, kulturellen und religiösen Praktiken, das in seinem innersten Kern nicht an Orte gebunden sei und flexibel genug, um sich an andere Einflüsse und Umgebungen anzupassen. „Die Zugehörigkeit zu Orten ist wichtig, aber Heimat vermitteln eher Werte, Kultur und verlässliche Beziehungen zu Menschen“, so die Geistliche.

Prof. Dr. Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums in Hannover, erzählte von ihrer besten Freundin aus Kindertagen Ayşe in den 70er-Jahren. Sie schilderte, wie das Mädchen neu in die Klasse kam und schon bald gut Deutsch sprach. Die Türkin wurde Lembkes beste Freundin, und die beiden sprachen über Gemeinsames und Trennendes und stellten zum Beispiel fest, dass Jesus in der Bibel und im Koran vorkommt, wenn er auch verschiedene Rollen in den beiden Religionen hatte. „Ayşe ging eines Tages mit ihrer Familie zurück in die Türkei. Doch durch sie habe ich erfahren, was Heimat ist“, schloss Lembke, die auch Mitglied in den Synoden der Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist.

Die Bloggerin und Youtuberin Farah Bouamar aus Paderborn hielt ein Plädoyer dafür, sich selbst und anderen wertschätzend zuzuhören und sich und andere nicht in erwartete Bilder zu pressen. „Wo Empathie zugelassen wird, fühlt sich der Hass irgendwann nicht mehr heimisch.“ Sie sprach davon, welche Bilder und Erwartungen an sie als feministische Muslima und Studentin der Philosophie herangetragen würden: Bilder, die andere sich über sie machen, aufgrund dessen, was sie über den Islam zu wissen meinen, ebenso wie Erwartungen aus der eigenen Community. Anhand einer Anekdote aus dem arabischen Raum illustrierte sie, dass jede und jeder letztendlich nur den eigenen Weg finden kann.

Zwischen den Reden gab es viel Gelegenheit zum Austausch unter den Teilnehmerinnen. Kamen die Gespräche ins Stocken, so sorgte an jedem Tisch eine Tischpatin für neue Impulse. Eine über 80-jährige Teilnehmerin sagte: „Der Heimatbegriff hat sich verändert. Das war früher der Geburtsort, die Heimaterde. Das ist heute mehr das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein.“ Eine junge Muslima hingegen erlebt Heimat, „wenn ich mich nicht ständig erklären oder einordnen muss, sondern einfach so da sein kann.“

„Wir brauchen Menschen, die einander sorgfältig zuhören und einander helfen, in dieser Welt ein Zuhause zu finden“, sagte Franziska-Müller-Rosenau, Landespastorin für die Arbeit mit Frauen, zum Abschluss des Abends.

Musikalisch umrahmt wurde der Abend von der Geigerin Elena Kondrashova und Stella Perevalova am Klavier aus der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover. Sie spielten Stücke von Komponisten, die in der Nazi-Zeit verboten waren, und eigene Potpourris aus bekannten Melodien osteuropäischer Juden. Veranstaltet wurde der Abend von der Gemeinde der Marktkirche in Hannover und dem Frauenwerk im Haus kirchlicher Dienste (HkD) der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in Kooperation mit acht weiteren christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden und Organisationen.

„Heimat“ machte das zweite Interreligiöse Frauenmahl in der Marktkirche Hannover am Abend vor dem Internationalen Frauentag zum Thema. An festlich gedeckten Tischen in der gotischen Kirche trafen sich Frauen und hörten zwischen den Gängen Tischrednerinnen aus drei Religionen. Heimat habe mit Identität zu tun – und diese sei manchmal trotzdem verschüttet und rudimentär. Heimat könne bedroht sein durch (Bürger-)Krieg und soziale Kälte genauso wie durch Rassismus und Antisemitismus, so die Veranstalterinnen. Zu „Heimat“ gehörten auch Werte und Erfahrungen gelebter kultureller und religiöser Vielfalt.

Grußwort zu einem strapazierten Begriff

Was ist Heimat? „Ausdruck einer unerfüllten Hoffnung?“ (Ernst Bloch), also immer verbunden mit Sehnsucht und Wunsch nach Zuflucht? Oder laut Thomas Mann: Heimat ist „Musik der Sprache“? Anders Herbert Grönemeyer, der feststellt, „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“ und dennoch singt: „Komm zur Ruhr!“

Den Begriff „Heimat“ gibt es gar nicht in allen Sprachen, inzwischen aber im Plural. Wir können uns mehrmals beheimaten, auch wahl- oder zwangsweise.

Die Bibel erzählt ständig von radikalen Abschieden, auch wenn diese mit Verheißung von „Neuem“ verbunden waren. Sara und Abraham wird dreierlei zugemutet: Vaterland, Verwandtschaft und Haus mussten sie verlassen und auf diese Weise Gottes Segen erfahren. Und: Der Segen ist eng verbunden mit dem Auftrag, die Fremden nicht zu bedrücken. – Wo war Jesus zu Hause, der doch seinen Jünger*innen zumutete, alles zu verlassen? Der jüdische Rabbi, der sich mit Leib und Seele Gott in die Arme warf? Wo der Jude Paulus, der den Auftrag bekam, „alle Völker“ zu Christen zu machen? Als Christ*innen können wir erfahren, dass Heimat eine Balance braucht zwischen Nähe und Distanz, zwischen „schon“ und „noch nicht“, wo wir hier „keine bleibende Stadt haben, denn die künftige suchen wir“.

Als Mensch aus dem Ruhrpott ist Heimat für mich auch „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“ (obwohl inzwischen der Bergbau Geschichte ist) und Pommes-Currywurst, obwohl ich lieber Salat esse. Zu Hause fühle ich mich jedoch auch in Hannover, in der U-Bahn, in den vitalen Stadtteilen und in vielen Kirchen. Gleichzeitig kann ich als Pilgerin im Heiligen Land bei einem Abendmahl am See Genezareth spüren, wo ich ursprünglich herkomme. Gerade dort, unter Menschen aus aller Welt, kamen mir Worte aus Psalm 87 in den Sinn: „Über Zion wird gesagt: Jede und jeder ist in ihr geboren. Gott selbst erhält sie, Gott in der Höhe.“ (V.5) – Haben wir also doch alle nur eine Heimat?
 

Bettina Rehbein, Theologische Referentin im Frauenwerk im Haus kirchlicher Dienste

Nora Krug erhält Evangelischen Buchpreis

Illustratorin Nora Krug wurde am 5. Juni mit dem Evangelischen Buchpreis 2019 für ihr Buch „Heimat“ in der Neustädter Hof- und Stadtkirche von Landesbischof Ralf Meister, dem Vorsitzenden des Evangelischen Literaturportals, ausgezeichnet. Die Autorin, die in New York lebt und an der Parsons School of Design als Professorin für Illustration unterrichtet, nahm an der Preisverleihung aus der Ferne teil. Sie wurde per Videokonferenz in die Kirche zugeschaltet. Die Laudatorin Katja Thimm, Kölner Journalistin und Preisträgerin 2012, sei von dem preisgekrönten Buch so begeistert gewesen, dass sie es zu Weihnachten gleich zehnmal verschenkt hatte: „Die jüngste Beschenkte war 25, der älteste 83 Jahre alt. Alle fanden sofort einen Zugang.“

In dem knapp 300-seitigen Buch beschäftigt sich Nora Krug, die aus Karlsruhe stammt, mit ihrer Familiengeschichte in der NS-Zeit und der Suche nach der eigenen Identität. Sie begibt sich auf die Spurensuche: trifft sich mit Zeitzeugen, sucht nach Gegenständen aus den 30er-Jahren auf Flohmärkten und Dachböden, recherchiert in Archiven. Das Ergebnis ist eine moderne Collage – ein Buch, das zwischen längeren Texten, handschriftlichen Notizen, zeitgenössischen Fotos, Dokumenten und Illustrationen der Autorin wechselt und so den Leser in das Geschehen einbezieht. Nach eigener Aussage hat Nora Krug nach einem persönlichen, unmittelbaren, physischen Zugang zu
der Vergangenheit gesucht. Statt eine
kollektive Geschichte zu erzählen versuchte sie, den Krieg aus einer persönlichen Perspektive zu begreifen und den Begriff Schuld für sich durch den Begriff Verantwortung zu ersetzen. „Nora Krug betreibt eine er-
gebnisoffene, neugierige Suche. Sie will nicht anschwärzen, nicht reinwaschen, sondern die Wahrheit erfahren“, sagte der Juryvorsitzende Christopher Krieghoff. Gerade diese Offenheit erzeuge einen wahren Sog beim Leser.

„Ich habe das Buch mehrmals gelesen und jedes Mal etwas Neues für mich entdeckt“, sagte Marion Wiemann, Referentin für Büchereiarbeit im Haus kirchlicher Dienste und Mitorganisatorin der Preisverleihung. Das Buch lädt dazu ein, über die eigene Familiengeschichte nachzudenken, und sei sehr gut für die Gemeindearbeit verwendbar, da es alle Generationen anspricht. Wiemann hat eine Arbeitshilfe zu dem Buch ausgearbeitet, mit Vorschlägen für den Gottesdienst, ein Erzählcafé für ältere Menschen und für die Jugendarbeit.

Der Preis des Evangelischen Literaturportals, des Dachverbandes der evangelischen öffentlichen Büchereien, ist mit 5.000 Euro dotiert und wird seit 1979 jährlich verliehen. Erstmalig 2019 hat das Evangelische Literaturportal eine „Graphic Memoire“ ausgezeichnet.