Orgeln

Das Genie unter den Orgelbauern
Kenner vergleichen die Klasse seiner Instrumente gerne mit der Qualität der Stradivari-Geigen. Was der barocke Orgelbaumeister Arp Schnitger geschaffen hat, fasziniert Musiker und Publikum bis heute. Etwa 170 Orgeln soll er neu gebaut oder wesentlich umgestaltet haben, etwa 30 sind noch erhalten. Eine Erinnerung an das Orgelbaugenie anlässlich des 300. Todestages.

„Arp Schnitger war schon zu Lebzeiten eine Legende“, sagt der Bremer Orgelprofessor Harald Vogel. Ohnehin galt Musik zu Schnitgers Zeit als Vorstufe zum himmlischen Paradies, die Orgel selbst als Instrument zur Ehre Gottes. Deshalb wurde vielerorts auch nicht an Baumaterial und Ausstattung gespart, wenn es darum ging, die Kirche mit einer Orgel auszustatten. Das wirkt sich bis in die Gegenwart aus: Feines Zinn, gutes Leder und abgelagertes Holz ließen die Mechanik oft Jahrhunderte überdauern.

In der Stader Cosmae-Kirche lieferte Schnitger sein Gesellenstück ab. Und in Lüdingworth bei Cuxhaven steht eine besonders prachtvolle Orgel aus seiner Werkstatt: Die reichen Marschenhöfe ließen sich hier in ihrem „Bauerndom“ ein Instrument mit riesigen Pedaltürmen und 2.200 Pfeifen aus edelstem Material bauen. Die Tasten des Spieltisches sind teils mit Buchsbaum belegt, teils aus Ebenholz.

„Die Bauern an der Küste von Amsterdam im Südwesten bis Hamburg und dann weiter in den Raum nördlich von Ribe in Dänemark haben die allererste geschlossene Orgellandschaft der Welt geschaffen“, schwärmt der Freiburger Musikwissenschaftler Konrad Küster. Dabei ging es nicht nur um Frömmigkeit, denn die Orgel war auch ein Statussymbol. Mit einem Instrument von Arp Schnitger sicherten sich die Bauern am zuverlässigsten die neidvolle Anerkennung aus den Nachbarorten. Denn Schnitger, Tischlersohn aus der Wesermarsch, zählte europaweit zu den besten Orgelbauern.

Das reiche Alte Land zwischen Stade und Hamburg sticht noch hervor, weil hier besonders viele Orgeln von Schnitger stehen. 1678 übernahm er nach dem Tod seines Lehrmeisters Berendt Hus dessen Werkstatt in Stade. Bereits vier Jahre später zog er nach Hamburg, um in der Hauptkirche St. Jacobi sein größtes Werk mit knapp 4.000 Pfeifen zu bauen. Bis heute zählt sie in Klang und Optik zu den schönsten Orgeln der Stadt.

Von Hamburg aus exportierte er später seine Instrumente zunächst in den norddeutschen Raum und in die Niederlande, dann nach Russland, England, Spanien und Portugal. In Neuenfelde, wo er nach seiner Heirat den „Orgelbauerhof“ erwarb, wurde der Meister schließlich begraben.

Nach Schnitgers Tod machten sich viele seiner Schüler selbstständig und konstruierten Orgeln im Stil ihres Meisters. Bis heute werden Instrumente von Schnitger weltweit bei großen Orgelneubauten als Vorbild genutzt. Und noch immer sind Musiker fasziniert vom Klang der Schnitger-Orgeln. Sie loben das harmonische Verhältnis von Grund- und Obertönen sowie die unterschiedlichsten Charaktere der Flöten, die zu einer erstaunlichen Klangfülle verschmelzen.

Gefeiert wurde in seinem 300. Todesjahr nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch ein Mensch, der oft uneigennützig gehandelt hat. Schnitger schrieb über sich selbst: „Ich habe nie viel verlangt, sondern den Kirchen, wenn sie keine ausreichenden Mittel besaßen, zur Ehre Gottes die Orgel für den halben Preis gebaut.“

ARP SCHNITGER – DER ERSTE EUROPÄISCHE ORGELBAUER

Kaum ein anderer hat so viele Instrumente geschaffen wie der berühmteste Orgelbaumeister des norddeutschen Barock, Arp Schnitger (1648–1719). Musikwissenschaftler sehen in ihm den ersten europäischen Orgelbauer. Etwa 170 Instrumente hat er neu gebaut, wesentlich umgebaut oder im größeren Umfang repariert.

Heute existieren nach Angaben von Experten noch 45 Orgelprospekte von Schnitger, die einen Eindruck von der Orgelkultur Nordeuropas in der Barockzeit vermitteln. Musiker sind noch immer fasziniert vom Klang der Instrumente. Sie loben durchgängig das harmonische Verhältnis von Grund- und Obertönen sowie die unterschiedlichsten Charaktere der Flöten, die zu einer erstaunlichen Klangfülle verschmelzen.

Nach seinem Tod 1719 in Neuenfelde machten sich viele Schnitger-Schüler selbststän-
dig und pflegten so im Stile ihres Meisters die Orgeln. Mittlerweile sind sie zu einem herausragenden Bestandteil der globalen Orgelkultur geworden. Deshalb wollen Bewunderer des Baumeisters erreichen, dass Schnitgers Werk in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wird.

Theaterstück zum Jubiläum

Orgelbaumeister Arp Schnitger wurde in seinem 300. Todesjahr mit einem musikalischen Theaterstück geehrt. Am 2. Juni war die Premiere in der Georgskirche im ostfriesischen Weener. Das niederdeutsche Theaterstück „Glieck un doch heel anners“ (Gleich und doch ganz anderes) zeigte Episoden aus dem Leben Schnitgers. Der reformierte Landeskirchenmusikdirektor und Direktor der Orgelakademie „Organeum“, Winfried Dahlke, begleitete die Szenen mit zeitgenössischer Musik auf der Schnitger-Orgel der Kirche. Für das Stück waren Schauspieler von acht Theaterensembles aus Ostfriesland zusammengekommen. Es wurde auch in Leer, Norden, dem niederländischen Midwolda und Emden gezeigt. Autor ist der Norder Historiker Erhard Brüchert.

Auch Popularmusik wird gefördert

Der Sprengel Hannover baut seine musikalische Nachwuchsförderung aus. Mit dem neuen „Kirchenmusik-Stipendium“ werden neben Orgelschüler*innen erstmalig auch Talente ausgezeichnet, die im Bereich der gottesdienstlichen Popularmusik oder in kirchlichen Chören und Posaunenchören aktiv sind. „Die musikalische Landschaft unserer Kirche ist vielfältiger und bunter geworden. Wir wollen unsere Traditionen pflegen, aber ebenso kreative Aufbrüche ermöglichen. Musik ist eine Kraft, die den Glauben trägt und inspiriert. Daher braucht es gut ausgebildeten Nachwuchs“, sagte Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr.

Fortan stehen 15 statt 10 Stipendienplätze zur Verfügung. Die Fördersumme wurde von 450 Euro auf maximal 650 Euro angehoben und soll der Finanzierung von Unterricht, Notenmaterial oder Fortbildungen dienen. Die jeweilige Höhe richtet sich nach den tatsächlich anfallenden Kosten.

„Wir wollen stärker auf die individuelle Ausbildungssituation eingehen“, erläutert der hannoversche Kirchenmusikdirektor Lothar Mohn, der das neue Konzept mitentwickelt hat. Bis ein Orgelschüler mit der
sogenannten D-Prüfung zur Begleitung von Gottesdiensten befähigt ist, braucht es nach Mohns Einschätzung etwa zwei Jahre Unterricht.
So kämen schnell Kosten von mehreren Hundert Euro zusammen. Dagegen sei ein Fortbildungswochenende für Chorsänger natürlich
deutlich günstiger. „Wir möchten keinen mehr ausschließen, sondern schlicht und einfach dort fördern, wo Leidenschaft, Neugierde und ernsthaftes Interesse für die Kirchenmusik erkennbar ist“, ergänzt Mohn.

Unter dem Titel „Orgelstipendium“ hat der Sprengel Hannover von 2011 bis 2018 rund 70 Nachwuchsorganisten ausgezeichnet, was einer Gesamtfördersumme von mehr als 30.000 Euro entspricht. Der evan-
gelisch-lutherische Sprengel Hannover ist die in neun Kirchenkreise
gegliederte Kirchenregion in und um die Landeshauptstadt Hannover mit rund 510.000 Kirchenmitgliedern.

„Maus-Türöffner-Tag“ an der Orgel

Die St.-Cosmae-Kirche in Stade öffnete ihre Türen für neugierige Kinder – und zwar beim „Maus-Türöffner-Tag“ am 3. Oktober. Die Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren kamen aus dem Landkreis Stade, aber auch aus Hamburg, der Lüneburger Ecke und anderen Regionen. Manche Familien sind extra dafür angereist. Die „Sendung mit der Maus“ (WDR) hatte zum neunten bundesweiten „Türöffner-Tag“ aufgerufen.

Im ersten Teil des Maus-Türöffner-Tages wurde eine Orgel aufgebaut – aus 130 Einzelteilen. Jedes Kind hatte spezielle Arbeitsschritte zu bewerkstelligen, und nur als Team konnte die Orgel einsatzfähig aufgebaut werden. Und dann ging es zur berühmten Schnitger-Orgel. Die Kinder wussten nun schon, wie das Instrument aufgebaut ist und funktioniert, und konnten vieles von dem, was sie selber gebaut haben, auch an der alten Orgel wiederfinden. Neben dem Staunen ging es hier aber auch um etwas anderes: das Selberspielen. Einige Kinder hatten bereits Klavierunterricht und hatten ihre Noten im Gepäck. Die Stücke nun auf der Orgel spielen zu dürfen war für viele wohl das Highlight des Tages.

Auch beim 11. Stader Jugend-Orgelforum waren 20 jugendliche Organistinnen und Organisten zu hören. Sie kamen aus ganz Deutschland, Österreich und Großbritannien. Sie erhielten Unterricht an den Schnitger-Orgeln in St. Cosmae (Stade), Hollern, Steinkirchen und Oederquart sowie an der Bielfeldt-Orgel in St. Wilhadi (Stade). Zum Abschluss gestalteten alle Jugendlichen gemeinsam ein gut besuchtes öffentliches Wandelkonzert. Am letzten Tag wurde zusammen mit den Familien der Teilnehmenden eine Exkursion zu Schnitger-Orgeln in Hollern und Steinkirchen sowie nach Twielenfleth durchgeführt, an denen
wiederum die Jugendlichen musizierten.