Friedensarbeit

Pilgerweg verbindet Friedensorte
Aus Fremden wurden Freunde: 150 Kilometer innerhalb einer Woche erwandern – sportlich! Die Pilger erwartete eine sinnhafte Reise zu Schmerz- und Hoffnungspunkten sowie besonderen Friedensorten in der hannoverschen Landeskirche. Die Tour von Hildesheim zur Woltersburger Mühle organisierte Pastor Lutz Krügener vom Haus kirchlicher Dienste.

Bild: Kruegener

Start ist um 10 Uhr vor der Michaeliskirche, Hildesheim. 15 Teilnehmer drängen nach der Andacht zum Aufbruch. Zunächst geht es auf einem schönen Weg an der Innerste bis nach Hasede. Dort werden die Pilger schon erwartet. Die „BI-GiesenSchacht“ informiert zum geplanten Kaliabbau, möglichen Umweltschäden und damit dem ersten Schmerzpunkt. Schattenlos wandert die Gruppe weiter durch die Hildesheimer Börde bis nach Groß Lobke.

Über diesen Abschnitt schreibt Elisabeth Albers: „Wir persönlich leben in unserem Dorf von der Fernwärme einer Biogasanlage. Ich habe gehört, dass es zu teuer wäre, andere Biomasse als Mais zu nutzen. Hier bestimmt das Geld und nicht das Leben. Ist denn der Boden nicht dazu da, die Menschen zu ernähren? Sind wir nicht aufgefordert, ihn für die nachfolgenden Generationen nachhaltig zu bewirtschaften?“

Von Groß Lobke nach Sievershausen | 21 km

Start ist um 9 Uhr, St.-Andreas-Kirche, Groß Lobke. Zu den acht „Dauerpilgern“ und den vieren, die mehrere Tage mitgehen, kommen vier Tagespilger hinzu, sodass sich 16 Pilger zur Andacht mit Landessuper-
intendentin Petra Bahr vor der Kirche versammeln. Im Anschluss geht es über Feldwege zum Mittellandkanal. Im Blick immer das Kohlekraftwerk Mehrum. Es liegt still, da sich eine Kohleverstromung aktuell nicht rentiere. Vielleicht führt die Ökonomie doch zu sinnvollen ökologischen Entscheidungen? Von einer Stelle im freien Feld bietet sich ein Blick auf einen Windpark, das Kraftwerk und eine Biogasanlage. Was ergibt Sinn? Einfache Antworten sind nicht parat, die Gruppe hat Redebedarf. Am Abend gibt es viel zu erzählen.

Von Sievershausen nach Ehlershausen/Burgdorf | 27 km

Start ist um 9 Uhr, Kirche Sievers-
hausen. Die Gruppe begibt sich mit 19 Personen auf den längsten Streckenabschnitt.  Sarah Vogel von der Arbeitsgemeinschaft evangelische Jugend in Niedersachsen, die den Pilgerweg mit organisiert hat, ist ab jetzt auch dabei und übernimmt den ersten Fahrdienst. Der Kindergarten lädt in seinen Garten zur Rast. Die Kinder staunen, als die Pilger sich mit einem Lied verabschieden. Sowieso wird Singen zum festen Bestandteil im Tagesablauf.

Über abwechslungsreiche Wege durch Feld und Wald geht es zum nächsten Hoffnungspunkt in Hänigsen, der „Kunstspirale“ im Dorftreff. Elisabeth Albers beschreibt: „Ein Treffpunkt für alle Generationen. Hier spürt man, wie Menschen mit viel Herz und Engagement etwas aufgebaut haben, was der Gemeinschaft dient.“

Mit Gisela Fähndrich ist eine gute Bekannte aus dem Antikriegshaus dazugekommen, die auf einen Schmerzpunkt in der Nähe hinweist. Im ehemaligen Kaliwerk Riedel mussten Zwangsarbeiter im Krieg in der Munitionsfabrik arbeiten. Viele kamen später bei einer Explosion ums Leben. Noch heute lagert Munition in den Stollen, und keiner weiß, was sie dort anrichtet.

Gespräche tun gut, aber auch das gemeinsame Schweigen, Singen und Beten. Man begibt sich zur Übernachtung vertrauensvoll in unbekannte Hände und Häuser.

Von Ehlershausen nach Oldau | 26 km

Start ist um 9 Uhr, Martin-Luther-Kirche, Ehlershausen. Es beginnt die Heide, nächster Stopp ist Hambühren und damit wieder ein Schmerz- und Hoffnungspunkt. Pastorin Bernschein von der Auferstehungskirche feiert mit der Gruppe eine Andacht in der einzigen noch benutzten „Bunkerkirche“ Deutschlands. Abends wird das Anne-Frank-Haus Oldau, ein weiterer Friedensort der Landeskirche, erreicht.

Pilgerfreier Tag

Heute begibt sich die Gruppe nicht auf eine Streckenwanderung, aber es liegt dennoch ein schwerer Weg vor ihr. Mit Sarah Vogel lernen die Pilger die Gedenkstätte Bergen-Belsen und den Friedhof für russische Kriegsgefangene kennen. Die Verbrechen und Morde der NS-Zeit werden auf erschreckende Weise deutlich. Auf dem Weg wird viel über die eigene Geschichte gesprochen, die Eltern und Großeltern und ihre Erlebnisse. Dabei ist allen klar geworden, wie wichtig es ist, sich mit seiner eigenen Geschichte zu befassen und die Erinnerung wachzuhalten.

Von Oldau nach Hermannsburg | 17 km

Um 9 Uhr startet die Gruppe zur „Rampe“ bei Bergen. Dort, etwa 6 Kilometer vom ehemaligen Eingang des KZ Bergen-Belsen, kamen die Transporte bis 1945 an. Der CVJM und die AG Bergen-Belsen haben neben den heute noch von der Bundeswehr genutzten Gleisen einen Gedenkort aufgebaut. Ein Transportwaggon steht auf Schienen, und Informationstafeln erzählen von den Jahren 1942 bis 1945.

Es entwickeln sich angeregte Gespräche zur Erinnerungskultur. Wie wertvoll, wenn unterschiedliche Blickwinkel ins Gespräch kommen – und dies bei gegenseitiger, persönlicher Wertschätzung.

Von Hermannsburg nach Unterlüß | 20 km

Um 9 Uhr beginnt die Friedensandacht im Evangelisch-Lutherischen Missionswerk. Wieder ein Hoffnungspunkt, der den Wert von moderner Missionsarbeit anschaulich macht. Das ELM in Hermannsburg pflegt schon lange Partnerschaften mit Gemeinden in Afrika, Asien und Südamerika und will jetzt dieses Ringen um Gerechtigkeit und Frieden auch an unterschiedlichen Orten in Hermannsburg sichtbar machen.
Später geht es nach Unterlüß mit dem größten Rüstungswerk Niedersachsens: Rheinmetall. Dort wurde ein Friedenscamp aufgebaut, für heute ist ein Aktionstag mit Blockaden und mehr als 300 Beteiligten geplant. Ein eindrucksvolles Erlebnis für die Pilger.

Bild: Kruegener

Von Unterlüß zur Woltersburger Mühle | 24 km

Um 7 Uhr kommt Leben ins Gemeindehaus. Gute Geister aus der Kirchengemeinde bereiten das Frühstück. Immer wieder erstaunlich, wie viel Gastfreundschaft und ehrenamtliche Unterstützung die Pilgergruppe erfahren darf.
Es ist ein wichtiges Prinzip der Wanderung, dass jede und jeder den Weg so gestalten kann, wie es guttut. So vertreten heute sieben Pilger die Gruppe bei der Demo gegen den Rüstungskonzern Rheinmetall, und sieben setzen den Weg bis Uelzen fort. Am Hundertwasser-Bahnhof treffen sich alle wieder und gehen den letzten Abschnitt zur Woltersburger Mühle gemeinsam. Abends wird ein Rückblick auf die erlebte Zeit gehalten, und alle spüren, wie erfüllt sie sind.

Abschluss

Um 8.30 Uhr beginnt eine Andacht im Raum der Stille. Jeder benennt in der Runde das, was er mit den anderen teilen möchte. Es braucht Zeit und Ruhe.

Anschließend erläutert Gerard Min-nart die Entwicklung der Woltersburger Mühle zu einem Friedensort. Das Gemeinwesen mit Tagungsort beherbergt ein Dienstleistungszentrum, in dem Langzeitarbeitslose und Geflüchtete einen Platz finden, Kunst und Kultur beheimatet ist. Das neueste Projekt ist ein „Friedensweg“. Dieser führt über sieben Stationen, die sich dem Thema „gerechter Frieden“ widmen. Der Weg stellt sich als gutes Fazit der Eindrücke des Pilgerwegs heraus. Die Erfahrungen von Gemeinschaft, Spiritualität und Unterwegssein für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung dürfen hier nochmals erfahren werden.

Nun ist alles rund. Die gemeinsame Pilgerzeit geht zu Ende. Es wird vieles bleiben und im Alltag begleiten. Silke Pfahlert aus Hildesheim, die fast den ganzen Weg mitgegangen ist, hat das Schlusswort: „Überall im Land setzen sich Menschen auf unterschiedlichste Weise dafür ein, die Welt ein klein bisschen besser zu machen. Ihr Handeln findet oft unbemerkt von der öffentlichen Aufmerksamkeit statt – aber: Es geschieht und schenkt Hoffnung. Frieden auf der Welt – ein großes Thema. Alles fängt mit kleinen Schritten an. Man muss nur losgehen. Und Gott geht mit.“

Pilgerweg

Welche Eindrücke sind geblieben?

Wer die Schüsse und das Rollen der Panzer auf dem Friedhof von Bergen-Belsen erlebt hat, dem wird bewusst, wie wichtig Friedensarbeit ist.

Wer als Wanderer die Autos auf der Landstraße erleben muss, dem wird bewusst, dass der Mensch ein friedliches Verhältnis zu einer Mobilitätswende mit in die Friedensarbeit einfließen lassen sollte.

Wenn ich als Pilgerwanderer Durst habe, Schmerzen erlebe oder den Anschluss an die Gruppe verloren habe, erkenne ich elementare Dinge, die in dieser Situation nicht mehr selbstverständlich vorhanden sind. Es wird mir bewusst, wie es Menschen ergeht, die ungleich schlimmere Situationen erleben, die unfreiwillig eine lebensgefährliche Wanderung ins Ungewisse machen müssen.

Wer als Pilgerwanderer die Schönheit der Natur erlebt und auch das Sterben der Bäume und die Berichte von Bürgerinitiativen über Umweltschäden und Tierquälerei, dem wird bewusst, dass auch die Beendigung des Kampfes gegen die Natur mit zum Frieden gehört.

Wer sich die Berichte im Friedenscamp in Unterlüß über Rheinmetall angehört hat, dem wird bewusst, dass die Gewinne dieses Unternehmens mit Kriegen, Leichen und Flüchtlingen bezahlt werden.

1.000 Kilometer Radfernweg auf den Spuren der Mönche

Bild: Martin Elsen

Die Kirchtürme von jahrhundertealten Kirchen prägen bis heute die norddeutsche Landschaft. Für den Mönchswegradler sind sie Wegmarken: Von Bremen über den Sprengel Stade bis auf die Ostseeinsel Fehmarn verbindet der Mönchsweg über 100 Kirchen miteinander und führt weiter bis nach Dänemark.

Reisende auf dem Mönchsweg schätzen neben den kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten die verschiedenen Landschaften wie Marsch, Geest und östliches Hügelland, die sie zwischen Weser und Elbe bis hin zur Ostsee durchfahren. 2007 wurde in Schleswig-Holstein der erste Abschnitt über 340 Kilometer eröffnet. Seit 2011 führt in Dänemark der „Munkevejen“ über rund 450 Kilometer weiter von Rødbyhavn bis zum Roskilder Dom. Auf deutscher Seite kam 2014 ein 190 Kilometer langer Abschnitt von Bremen bis Wischhafen hinzu, der über die Elbe in Glückstadt anschließt. Der insgesamt knapp 1.000 Kilometer lange Radfernweg folgt den Spuren der Mönche, die das Christentum im Mittelalter in den Norden brachten, durch die drei Bundesländer Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein sowie durch Dänemark.

Gemeinsam unterhalten der Trägerverein Mönchsweg e.V. (Schleswig-Holstein) und die Trägergemeinschaft Bremen-Niedersachsen eine zentrale Geschäftsstelle. Hier erhält jeder Gast eine kostenlose Infobroschüre mit Unterkunftsverzeichnis, einen Radpilgerpass, eine Radwanderkarte oder eine Beratung zur Reise. Die Website www.moenchsweg.de liefert umfangreiche Informationen zu den Kirchen am Weg, den Orten und Regionen sowie zu Unterkünften und Tourenangeboten. Anlaufpunkte sind zum Beispiel die Bibelgärten an der Johannis-der-Täufer-Kirche in Horstedt, die Klostermeile im Klosterpark Harsefeld oder der Klostergarten St. Marien in Himmelpforten.

Bild: Brandy