Besuchsdienst

„Feine Antennen“ in der Besuchsarbeit
Beim Besuchsdiensttag 2019 im Haus kirchlicher Dienste stand ein ganz besonderes Thema im Mittelpunkt: 60 Ehrenamtliche aus allen Teilen der Landeskirche beschäftigten sich mit Hypersensibilität, einer unterschätzten Begabung in unserer Gesellschaft.

Menschen mit hoher Sensibilität nehmen Reize ihrer Umwelt stärker wahr. Sie verarbeiten Eindrücke in besonderer Weise. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Hochsensibilität ist eine unterschätzte Begabung in unserer Gesellschaft. Der Besuchsdiensttag des Hauses kirchlicher Dienste, an dem 60 Ehrenamtliche aus den Besuchsdiensten der Landeskirche teilnahmen, beschäftigte sich mit diesem wichtigen Thema.

„In einer Schafherde gibt es Tiere, die immer den Kopf heben und gleich mitbekommen, wenn sich ein Mensch nähert. Sie sind die ersten, die sich dann in Bewegung setzen, die anderen Tiere folgen ihnen“, erzählte Pastorin Christiane Seresse aus Schaafheim in ihrem Einleitungsvortrag. Unter dem Titel „Feine Antennen“ informierte sie die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Besuchsdienstarbeit über Hochsensibilität. „Genau wie bei den Tieren gibt es auch unter den Menschen solche, die eine größere Wahrnehmungsfähigkeit haben als andere. Für Wahrnehmungsbegabte ist es beides zugleich: zum einen eine besondere Gabe, zum anderen eine ständige Herausforderung“, so die Referentin.

Bereits Iwan Pawlow stellte Anfang des 20. Jahrhunderts fest, dass etwa 15 Prozent der Menschen deutlich früher auf Lärm reagieren als die restlichen 85 Prozent. Seit den 90er-
Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich die Forschung zu diesem Thema stark ausgeweitet. Die Amerikanerin Elaine Aron prägte den Begriff „hochsensible Personen“ (highly sensitive persons = HSP) für die Menschen, die deutlich mehr Sinneseindrücke wahrnehmen als die Mehrheit.

Menschen mit einer besonderen Wahrnehmungsbegabung erleben Farben, Klänge und Stimmungen intensiver, nehmen aber auch insgesamt mehr Informationen aus ihrer Umgebung auf als der Durchschnitt. So sind sie in der Lage, vor Gefahren zu warnen, Unstimmigkeiten in Gruppen zu erspüren oder künstlerische Leistungen zu vollbringen. Doch diese Begabung hat auch ihren Preis. „Stellen Sie sich eine Bibliothekarin vor, der kurz vor Ende der Öffnungszeit nicht die üblichen zehn, sondern auf einmal über hundert Bücher zurückgegeben werden. Um die alle wieder an den richtigen Platz zu stellen, muss sie Überstunden machen“, so Seresse. Ähnlich geht es hochsensiblen Menschen nach einem ereignisreichen Tag. Sie brauchen mehr Ruhe als andere, um alles zu verarbeiten.

Viele Hochsensible erleben bereits in ihrer Jugend Ablehnung und Unverständnis. „Stell dich nicht so an!“, „Leg dir ein dickeres Fell zu!“ Die Folge ist oft ein negatives Selbstbild. Ein wertschätzender Umgang mit den positiven Seiten der Wahrnehmungsbegabung kann dabei helfen, dieses Selbstbild zu korrigieren und Verletzungen aus der Kindheit heilen zu lassen, betonte die Theologin.

In der anschließenden Diskussion wies Helene Eißen-Daub, Referentin für den Besuchsdienst im Haus kirchlicher Dienste, darauf hin, was diese Erkenntnisse für den Besuchsdienst in den Gemeinden bedeuten: „Wir können hochsensiblen Menschen, die wir besuchen, Raum geben, zu erzählen. Wir sollten ihre Verletzungen ernst nehmen. Es kann sein, dass ihnen zum ersten Mal jemand zuhört, der Verständnis für ihre Wahrnehmung der Welt hat. Auch wenn Sie selbst nicht hochsensibel sind, können Sie denen Raum geben, die es sind.“

In einem der nachmittäglichen Workshops bot Seresse eine Vertiefung des Themas an, in der sie unter anderem näher auf die Frage einging, welche Maßnahmen Hochsensible ergreifen können, um sich vor Reizüberflutung zu schützen. Regelmäßige Pausen, vor allem in der Natur, gehören dazu ebenso wie die genaue Beobachtung der Signale des eigenen Körpers. Aufgrund der positiven Resonanz sind weitere Fortbildungen zum Thema „Wahrnehmungsbegabung“ geplant.

Nachgefragt

„Wir machen uns auf den Weg und gehen dorthin, wo die Menschen leben“

Bild: Jens Schulze

Interview mit Pastorin Helene Eißen-Daub, Referentin für Besuchsdienstarbeit im  Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

 

Immer mehr Menschen sind einsam und haben nur wenige soziale Kontakte. Wie schätzen Sie diese gesellschaftliche Entwicklung ein?

Viele Menschen trauen sich nicht, sich „den anderen zuzumuten“. In einem schleichenden Prozess zerbröckelt die Brücke zu Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis. Wir müssen uns künftig als Brückenbauer verstehen: Anrufe für andere Menschen tätigen oder aktiv Kontakte herstellen. Die Partnerbesuche sind auf Regelmäßigkeit und Dauer angelegt, damit ein Vertrauensverhältnis entstehen kann.

Zur Mitarbeit im Besuchsdienst gehören Fortbildungen. Was sollte jemand mitbringen und lernen, der sich in diesem Besuchsdienst engagieren möchte?

Menschen, die Besuche machen, sollten dafür vor allem Zeit haben und die Verschwiegenheit wahren können. Das Wichtigste, was ein Mensch in der Besuchsarbeit lernt, ist, von der eigenen Person abzusehen, sich zurückzunehmen, wahrzunehmen und hinzuhören.

Welche Bedeutung hat das
Angebot der Besuche im sozialen Gefüge der Kirchengemeinden?

Die Besuchsdienstarbeit erweitert die Komm-Struktur der Kirche um die Geh-Struktur. Wir machen uns auf den Weg und gehen dorthin, wo die Menschen leben. Wir nehmen sie an ihren Orten wahr und bringen die Wertschätzung zu ihnen nach Hause.

Wie kann ich mich ehrenamtlich engagieren?

Zweimal im Jahr bietet das Arbeitsfeld Besuchsdienstarbeit im Haus kirchlicher Dienste landeskirchenweit Fortbildungen für die Leiter von Besuchsdienstgruppen an. Derzeit gibt es etwa 1.000 Besuchsdienstgruppen und circa 10.000 Besuchsdienstmitarbeitende. Bevor sie Besuche übernehmen, werden Ehrenamtliche bei einem Vorbereitungsseminar und in Fortbildungen entsprechend der Zielgruppe auf die Tätigkeit vorbereitet und in Gesprächsführung geschult. Sie lernen bestimmte Gesprächstechniken und ihre Anwendung in der Praxis.

Die Besuchsdienstarbeit ist einem großen Wandel unterzogen. In vielen Gemeinden wird die Frage nach einem neuen Konzept gestellt. Herausforderungen sind das Älterwerden der Mitarbeitenden, die Regionalisierungen der Gemeinden und die längeren Vakanzen. Die Frage der Sozialraumgestaltung rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt. Neue Zielgruppen sind unter anderem: Menschen an Lebensübergängen, junge Familien, Alleinerziehende, Geflüchtete, Neubürger oder Menschen eines Stadtteils. Besuchsdienste vernetzen sich mit anderen Anbietern und arbeiten mit ihnen zusammen. Informationen erteilt gerne Ihre Gemeinde vor Ort.

WAS BEDEUTET BESUCHSDIENST?

Besuchsdienst ist die Umsetzung des Gedankens des Priestertums aller Getauften. Die Entdeckung und die Förderung der Gaben, die Menschen empfangen haben, gehört zu den Grundaufgaben der Kirche.

  • Wir sind eine besuchende Kirche: Kirche steht in der Nachfolge Jesu und ist damit ihrem Wesen nach eine zu den Menschen gehende, Menschen (auf)suchende, besuchende.
  • Wir sind eine begrüßende Kirche: Als begrüßende Kirche besucht Kirche die Menschen in einer Haltung einer „Kultur der Bejahung“, die ernst nimmt, dass in der Taufe jeder einzelne Mensch ein von Gott erwarteter und hier auf Erden begrüßter Mensch ist
  • Wir sind eine Kirche nahe bei den Menschen: Als besuchende und begrüßende Kirche ist Kirche den Menschen äußerlich und innerlich nahe. Menschen schätzen ihre Unabhängigkeit, und so möchten sie nicht hohen Beteiligungswünschen begegnen. Gleichzeitig besteht in einer Welt der großen „Räume“ der Wunsch nach „Beheimatung“. Ein erster Kontakt durch einen Besuch öffnet den Blick zu einer „einladenden“ Kirche.
  • Wir sind eine sich ständig verändernde Kirche: Als besuchende Kirche lernt Kirche das Leben, die Themen, Werte, Bedürfnisse, Wünsche, Fragen der Menschen kennen. Die unterschiedliche und vielgestaltige Weise der Lebensentwürfe und Glaubensgestaltungen gilt es als Chance zu begreifen und als Kirche in die eigene Weiterentwicklung aufzunehmen.

„Meist sind wir einfach beim Menschen und hören zu“
Interview mit Gisela Eschment, evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Peter-Paul Hermannsburg

Warum haben Sie sich entschieden, im Besuchsdienst mitzuarbeiten?

Menschen, die erkrankt sind, zu besuchen und ihnen durch Zuwendung zu helfen, ist eine zutiefst diakonische Aufgabe einer Kirchengemeinde. Besonders für alte Menschen ist das von großer Bedeutung.

Wie sind Ihre Erfahrungen?

Bei Besuchen machen wir durchweg die positive Erfahrung, dass wir willkommen sind und die Menschen sich über die Zuwendung freuen.

Welche Bedeutung hat das Angebot eines Besuches für die Menschen in der Gemeinde?

Einige, die unseren Dienst in Anspruch nehmen, sind nicht unbedingt kirchlich. Und dennoch sagen
sie anerkennend: „Ach, das ist ja toll, dass die Kirche das macht!“ Manchmal wollen die Erkrankten beten, manchmal wollen sie geistlich in Ruhe gelassen werden – das respektieren wir und lassen uns bewusst auf die individuellen Bedürfnisse ein. Dort, wo tiefergehende Seelsorge gewünscht wird, steht selbstverständlich unser Gemeindepastor zur Verfügung. Meist sind wir einfach beim Menschen und hören zu.