Wenig Pastor*innen für viel Land

„Wir reiten die Welle“ – das war im vergangenen Mai das Motto einer großen Konferenz im Michaeliskloster Hildesheim zur Zukunft des Pfarrberufes. Welche Visionen gibt es für die Aufgaben und Arbeitsformen eines Pastors? Welche Erwartungen werden in Zukunft gestellt – und welche sind auch zu leisten?

Die Tagungsstimmung war bei bestem Frühsommerwetter locker und fröhlich, kreativ und schöpferisch. In der Pause trafen sich Eltern und Kinder zum gemeinsamen Mittagessen unter dem großen Zelt. Vorher und im Anschluss war wieder Kinderbetreuung angesagt. Netzwerke wurden gesponnen und Kontakte vertieft. „Was sehr viele Teilnehmende hervorgehoben haben: Dass man quer durch und unabhängig von Hierarchiestufen so gut ‚auf Augenhöhe‘ zusammengearbeitet hat – von Landeskirchenamt über Superintendenten und Pastoren bis hin zu Studierenden“, so das erste Fazit von Organisatorin Oberlandeskirchenrätin Dr. Nicola Wendebourg.

Dirk Wagner, als Pastor in Celle und Industrieseelsorger in Wolfsburg tätig, zieht an Tag zwei ebenfalls ein sehr positives Fazit zur Tagung: „Ich bin der Meinung, dass sich der Beruf des Pastors im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte noch mehr wandeln wird. Wir müssen schauen, dass wir dort sind, wo die Menschen sind – und nicht mehr erwarten, dass die Leute sonntags um 9.30 Uhr zu uns in den Gottesdienst strömen. Wir sollten Fragen stellen, was in den unterschiedlichen Gemeinden gewünscht wird, mit dem neuen Bedarf und dem Puls der Zeit gehen. Auch wenn das manchmal vielleicht schwerfallen mag ...“

Elsa Höffker ist „Land“-Pastorin der Kirchengemeinden Iber-Odagsen und Dassensen-Wellersen. Sie berichtet: „Ich habe mich für die Tagung angemeldet, weil ich noch 35 Jahre in meinem Beruf arbeiten werde. In unserer Kirche wird sich in den nächsten Jahren sehr viel verändern, und ich möchte gemeinsam mit anderen diese Veränderungen gestalten.“

Und wie hat sie die Konferenz, an der mehr als 200 Pastorinnen und Pastoren aus der Hannoverschen Landeskirche teilnahmen, empfunden? „Mir hat besonders gut gefallen, dass wir in der Michaeliskirche mit der Open-Space-Methode gearbeitet haben. Jeder, der wollte, konnte einen Workshop anbieten. Und zudem konnte ich in verschiedene Themenfelder hineinhorchen. Der Austausch über die Generationen hinweg hat toll funktioniert. Das war eine Atmosphäre der Wertschätzung!“

Elsa Höffkers wichtigster Impuls, den sie aus der Tagung mitnimmt: „Wir Pastorinnen und Pastoren werden immer weniger, daher müssen wir immer mehr zu Teamplayern werden. Das verlangt eine bestimmte Haltung, und wir können Wege einschlagen, die das Arbeiten im Team begünstigt und fördert. Doch auch in Bezug auf die Strukturen müssen hierfür wichtige Weichen gestellt werden.“ Und wie sieht nun ihre Vision von Kirche im Jahr 2030 aus? „Ich arbeite in einer Kirche, die mit Menschen auf dem Weg ist. Ich arbeite mit Kollegen, die Lust haben, Neues auszuprobieren, und das Scheitern nicht fürchten. Ich arbeite in einem Pfarrteam mit einer neuen Berufsgruppe der ‚Pfarramtsassistenten‘ zusammen. Sie übernehmen geschäftsführende Aufgaben, sodass ich mich auf das konzentrieren kann, was meine Aufgaben als Pastorin sind, nämlich den Menschen das Evangelium nahezubringen und sie seelsorglich zu begleiten.“ Teamwork wird, so Franziska Baden, das Berufsbild des Pastors in Zukunft bestimmen.

Sie ist seit Anfang 2018 Pastorin in Eschede. „Wir lernen während des Studiums viel über Teamspirit, und für uns ist es wichtig, uns mit den Kollegen auszutauschen. Diejenigen, die schon länger als Pastoren tätig sind, mögen das oft anders sehen. Aber bei der Konferenz wurde deutlich, dass genau dieser kollegiale Austausch Zukunftsvision sein wird. Immer weniger Pastoren teilen sich immer mehr Gemeinden: Wir sollten uns besser vernetzen und zukunftsorientierte, neue Wege finden. Die Atmosphäre bei der Konferenz war klasse, die kreativen Gedanken und wegweisenden Ideen spürbar.“ Auch Franziska Albrecht, Pastorin in Uslar, zeigt sich vom dreitägigen Seminar begeistert: „Es sind kreative Ansätze und innovative Ideen entstanden, jetzt müssen nach und nach die Strukturen dazu geschaffen

werden. Dabei sind Feedback-Runden und Befragungen sehr wichtig. Was wünschen sich die Menschen? Wie stellen sie sich ein lebendiges Gemeindeleben vor, an dem sie gerne teilnehmen möchten? In der heutigen, schnelllebigen Zeit benötigen die Menschen nicht mehr eine lebenslange, sondern eine punktuelle Begleitung. Sie möchten sich nicht dauerhaft binden. Projekte sind da ein tolles Modell. Und die Verantwortlichen sollten signalisieren: Du kannst dabei sein, wenn nicht, ist es aber auch in Ordnung.

Dann klappt es auch, dass sich Ehrenamtliche gerne an Kirchenaufgaben beteiligen! Du wirst nicht mehr in der gleichen Kirche getauft, konfirmiert, verheiratet ... – und darauf müssen wir uns einstellen!“ Am Ende des dreitägigen Workshops wurden die von den Teilnehmern gewählten „Top ten“-Themen bestimmt, die zur Weiterverfolgung der Thematik „Pfarrberuf 2030 – oder: wir reiten die Welle!“ vorgesehen sind.

Dabei spielen folgende Themen die Hauptrolle:

  1. Welche Strukturen braucht unsere Landeskirche im Jahr 2030?
  2. Orientierung an den Mitgliedern in ihrer Lebenswelt und 3. Formen der Zusammenarbeit in (multiprofessionellen) Teams.

Und wie ging es nach dem Seminar, wie geht es in Zukunft weiter? „Als Erstes haben erst einmal alle Teilnehmenden eine Dokumentation der Ergebnisse erhalten“, blickt Oberlandeskirchenrätin Nicola Wendebourg zurück. Die Vorbereitungsgruppe für die Tagung hat sich Ende Juni 2018 ein erstes Mal zusammengesetzt und überlegt, welche Themen auf welche Art weiterbearbeitet werden können.

Als Beispiele nennt sie: „Es erfolgte die Einspeisung in verschiedene Gremien, die Einbeziehung derjenigen, die auf der Tagung teilgenommen und zur Weiterarbeit Lust haben“, so Wendebourg.

Pfarrberuf 2030

Die hannoversche Landeskirche steht vor einem gigantischen Wandel. Darum ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. In Deutschlands größter Landeskirche zwischen Hann. Münden und der Nordsee arbeiten zurzeit noch etwa 1.800 Pastorinnen und Pastoren. Bis 2030 verliert die Kirche aber durch eine Ruhestandswelle rund ein Drittel dieser Pastorenschaft. Wir erhoffen uns deswegen auch wichtige Impulse, wie wir mit weniger Personal weiter verlässlich in der Fläche präsent sein können.
Oberlandeskirchenrätin Nicola Wendebourg

Mitgliederschwund und weniger Steuergelder

Etwa ein Jahr ist es her, dass rund 200 Pastorinnen und Pastoren in einem Open-Space-Prozess über die Zukunft ihres Berufes diskutiert und miteinander Lösungsansätze und Visionen entworfen haben. In Zukunft wird ein konstruktives, ausstrahlungsreiches und lustvolles Miteinander von Menschen mit verschiedenen Professionen und Kompetenzen wichtig sein. Pastorinnen und Pastoren sollten aus der „Solistenrolle“ herauskommen und bereit sein, „anderen Rollenträgern bislang pfarramtliche Kernaufgaben zu überlassen“ (Ergebnis der Gruppe „multiprofessionelle Teams“).

Es ist klar: Die Schlüsselrolle des Pfarramtes bleibt, aber sie wird sich im Blick auf die veränderten, komplexen Herausforderungen neu profilieren. Das wird Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der beruflich und ehrenamtlich Aktiven haben. Pastorinnen und Pastoren sind als Führungskräfte zugleich die Diener ihrer Mitarbeiter sowie „Ermöglicher“ oder „Helfer zur Freude“. In Zukunft wird ehrenamtliche Tätigkeit noch stärker als bisher eine Schlüsselfunktion in der Kirche einnehmen. 

Susanne Briese, Landespastorin für Ehrenamtliche im Haus kirchlicher Dienste