"Eine Oase, um Gott zu begegnen"

„Ich werde hier menschenfreundlich und liebenswürdig behandelt. Eine große Liebe ist die Grundlage für diese Lebensführung.“ Mit diesen Worten beschreibt im Jahr 1457 ein Reisender seine Erfahrungen im Kloster Bursfelde. Im Jahr 2018 blickt Bursfelde zurück auf 925 Jahre Klosterkirche und 40 Jahre Geistliches Zentrum. Bursfelde steht weiterhin vielen Menschen offen.

In seiner Festtagspredigt anlässlich des „Doppeljubiläums“ verglich Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes, die Angebote zur Einkehr und geistlichen Begleitung in Bursfelde mit einer Oase: „In Bursfelde finden Menschen einen Raum der Stille, wo sie allein sein können, um sich selbst und möglicherweise auch Gott zu begegnen.“

Dies sei möglich durch die Gastfreundschaft, die hier durch die Jahrhunderte bis heute gelebt worden sei. de Vries sagte mit Blick auf die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter des Klosters: „Man sieht es Ihnen vielleicht nicht immer an, aber Sie können zum Engel für andere Menschen werden, weil Gott Sie in Dienst nimmt, ob Sie nun an der Pilgerscheune sitzen, im Garten tätig sind, an der Pforte oder in der Küche, ob Sie Seminare leiten und Kurse anbieten.“

Die Klosterkammer Hannover, die im Jahr 2018 ihr 200-jähriges Bestehen feiert, verwaltet rund 800 Gebäude in Niedersachsen, auch das Kloster Bursfelde. „Wir sind dazu da, dass in diesen Gebäuden der äußere Rahmen in Ordnung ist“, sagte Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer, in seinem Grußwort. Oberlandeskirchenrat Dr. Klaus Grünwaldt würdigte Bursfelde als einen Ort, dessen Impulse zum geistlichen Leben in die ganze Landeskirche ausstrahlten. „Eine lebendige Spiritualität kann dem Ausbrennen vorbeugen. Deshalb braucht die Landeskirche Bursfelde heute, morgen und übermorgen!“

40 Jahre Geistliches Zentrum Kloster Bursfelde

  • 1977 Martha und Werner Anisch planen gemeinsam mit vier jungen Ehepaaren in Göttingen eine Lebens- und Dienstgemeinschaft für das Kloster Bursfelde. Die Gebäude, mit Ausnahme der Klosterkirche, befinden sich in einem erbärmlichen baulichen Zustand. Der Park ist verwildert.
  • 1978 Das Projekt startet. Viele Göttinger beteiligen sich an der mühsamen praktischen Aufbauarbeit.
  • 1980 Die Vision der gemeinsamen Lebensgemeinschaft erweist sich als nicht tragfähig. Werner und Martha Anisch entscheiden sich dafür, das Projekt Bursfelde alleine weiterzuentwickeln.
  • 1981 Zahlreiche Ora-et-labora-Tage und Baufreizeiten werden durchgeführt. Schwerpunkt ist die Arbeit mit jungen Erwachsenen. Erste Meditationstage und Einkehrwochenenden finden statt.
  • 1985 Familie Strothmann zieht nach Bursfelde. Heinz Strothmann erhält ein Sonderpfarramt. Das Backhaus wird renoviert und als Gruppenraum für Bibeltage und Seminare genutzt.
  • 1987-1989 Die alte Schmiede wird kernsaniert und ausgebaut.
  • 1990-1992 Das Tagungshaus wird kernsaniert. Neue MitarbeiterInnen für Haus und Garten werden fest angestellt.
  • 1993 Zur 900-Jahr-Feier des Klosters findet eine Festwoche statt, zu der die Apsis der Ostkirche umgestaltet wird; die Kreuzigungsgruppe wird aufgestellt.
  • 1995 Abt Prof. Dr. Lothar Perlitt gründet den Konvent des Klosters.
  • 1998 Pastor Klaus Dettke übernimmt die Leitung des Geistlichen Zentrums. 
  • 2000 Das spirituelle Leben bekommt neue Impulse: Angeboten werden nun Oasentage, Frauen-Wochenenden, Stille Tage, Wochenenden für Studierende und Klosterwallfahrten sowie Management-Seminare.
  • 2003 Die Stiftung Kloster Bursfelde wird der Öffentlichkeit vorgestellt.
  • 2004 Einzelexerzitien werden angeboten; sie werden zu einem Kernangebot des Geistlichen Zentrums.
  • 2007 Die Landeskirche übernimmt die Trägerschaft des Geistlichen Zentrums, die bisher der Kirchenkreis gehabt hat.
  • 2006-2008 Die Weiterbildung „Geistliche Begleitung“ wird in das Programm aufgenommen.
  • 2008 Erste Kurzexerzitien werden angeboten – Werner und Martha Anisch werden in den Ruhestand verabschiedet.
  • 2009 Beginn des Umbaus zur Erweiterung des Tagungshauses. Neue Seminarangebote ergänzen das Programm: Sabbattage für Hauptamtliche in der Kirche, Kurzexerzitien, spirituelles Wandern, christliches Handauflegen.
  • 2012 Die Pilgerherberge wird eröffnet, zahlreiche ehrenamtliche PilgerbetreuerInnen gewonnen.
  • 2015 Ein Sternpilgern nach Bursfelde zum 10-jährigen Bestehen des Pilgerweges Loccum- Volkenroda findet statt. Neben der Pilgerherberge wird ein Kreativraum eingerichtet. Erste Kreativexerzitien beginnen.
  • 2017 Klaus und Renate Dettke werden in einem großen Festgottesdienst nach fast 20-jähriger Tätigkeit im Geistlichen Zentrum in den Ruhestand verabschiedet.
  • 2018 Pastor Klaus-Gerhard Reichenheim wird neuer Leiter des Geistlichen Zentrums.
  • 2018 925 Jahre Klostergründung Bursfelde und 40 Jahre Geistliches Zentrum werden gefeiert.
  • 2018 Die Klosterkammer Hannover feiert ihr 200-jähriges Bestehen mit einem großen Fest auf dem Klostergut Wöltingerode.

So klingt das Kloster Bursfelde

Kochen mit Leib und Seele

Auf ihrer Tour durch die norddeutschen Klöster macht Fernsehpastorin Annette Behnken gemeinsam mit einem Fernsehteam des NDR Station im idyllischen Weserbergland. Im Geistlichen Zentrum Kloster Bursfelde bei Hannoversch Münden kehren jedes Jahr von April bis Oktober Hunderte von Pilgern ein. Und weil die Sinnsuche hungrig macht, gibt es in der Klosterküche ein Menü, das leicht und lecker ist und Schwung gibt für die nächste Etappe auf dem Weg zu sich selbst.

Mit Köchin Monika Meyer-Bertram bereitet Annette Behnken vor laufenden Kameras als ersten Gang einen bunten Salat zu, verfeinert mit in Rotwein eingelegten Birnen. Als Hauptgericht wird eine Wirsing- Spätzle-Pfanne serviert. Den Abschluss bildet ein köstlicher Apfel- Zimt-Crumble mit Himbeeren. Für das Wohl der Pilger ist in Bursfelde Diakon Klaas Grensemann zuständig. Der gebürtige Ostfriese kümmert sich um die Herberge, die in einer ehemaligen Scheune untergebracht ist. Vor dem Saisonstart muss das Gebäude erst einmal bezugsfertig gemacht werden. Gemeinsam mit Ehrenamtlichen hilft Annette Behnken beim Matratzenschleppen, packt an beim Aufstellen der Betten und richtet den gemütlichen Gemeinschaftsraum ein. Wer zwischendurch Ruhe sucht, findet sie in der alten Klosterkirche.

Das romanische Gotteshaus steht das ganze Jahr über für Besucher offen. Innen ist es still und besinnlich. „Viele, die hierher kommen, haben Fragen im Gepäck“, sagt Pilgerbetreuer Grensemann. „Ein Thema unter die Füße kriegen, nennen wir das in Ostfriesland.“ Morgens werden in der Klosterkirche die Kerzen entzündet. Die abgebrannten Stumpen landen nicht im Abfall, sondern kommen in einen Kerzenkocher: Mit Pastorin Silke Harms stellt Annette Behnken aus den Wachsresten neue Kerzen her. „Wer das Kloster verlässt, soll etwas mitnehmen von hier“, sagt die Theologin. „Die recycelten Kerzen sind dafür ein Symbol.“ Als es Abend wird, sind alle Arbeiten abgeschlossen. Auf die fleißigen Helfer wartet in der frisch eingerichteten Herberge eine Belohnung: das köstliche Klostermenü, das alle gemeinsam genießen.

TIPP: Die nächsten Sendungen beim NDR-Fernsehen im Jahr 2019 sind zu sehen jeweils um 15 Uhr am 11. August, 13. Oktober, 3. November und 8. Dezember.

STICHWORT: KLOSTERKIRCHE BURSFELDE

 Die Benediktinerabtei Bursfelde wurde im Jahr 1093 gegründet und hat seitdem eine wechselvolle Geschichte erlebt. Im 15. Jahrhundert war sie Zentrum der klösterlichen Reformbewegung (Bursfelder Kongregation). Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde das Kloster Bursfelde evangelisch. Bis 1672 lebte noch eine Mönchsgemeinschaft mit ihrem Abt in Bursfelde, später wurde das Kloster säkularisiert. 1978 wurde es ein Evangelisches Einkehr- und Tagungshaus und entwickelte sich zum Geistlichen Zentrum Kloster Bursfelde. Erhalten sind die romanische Basilika und der Westflügel des Klosters, der 1722 zum Gutshaus umgebaut wurde.

Geistlich begleiten

Schweigen – das ist etwas, was in unsere Welt und in unsere Zeit nicht so richtig zu passen scheint. Doch es lässt sich erlernen und kann dann ganz neue Gedankenwelten eröffnen und lässt geistig zur Ruhe kommen. Das jedenfalls haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Weiterbildung „Geistlich begleiten“ im Kloster Bursfelde erfahren. Drei Jahre lang machten sich hauptund ehrenamtlich in der Kirche Tätige in sieben Kurseinheiten auf einen gemeinsamen geistlichen Weg. Und dabei kam sowohl der eigene Glaube und die persönliche Beziehung zu Gott in den Blick wie auch die Ausstrahlung der eigenen Glaubensüberzeugung auf die Arbeit in der Kirchengemeinde. Zum Programm der aus 16 Personen bestehenden Gruppe gehörten zahlreiche Exerzitien, also geistliche Übungen.

Darunter unter anderem auch das gemeinsame Schweigen, das geübt werden muss, weil es so gänzlich anders ist als die ständige Kommunikation, die sonst den Alltag prägt. „Dabei geht es nicht um Weltabgewandtheit“, macht Referentin Silke Harms deutlich, „sondern vielmehr darum, achtsam und bewusst einen freigehaltenen Raum zu schaffen und letztlich besser zuhören zu können.“

Es geht um Entschleunigung, eine Reflexion des Tages und um die intensive Auseinandersetzung mit Bibeltexten, wie es in dieser Intensität allein und neben dem normalen Alltag kaum möglich ist, sagt die Theologin. „Glaube braucht unbedingt auch andere Menschen“, stellt Superintendentin Dr. Andrea Burgk-Lempart fest, eine der Teilnehmerinnen.

„Für mich war es eine der besten Entscheidungen der letzten Jahre“, sagt Pastor Hans-Jürgen Strübing mit einigem Nachdruck. Dem stimmt auch der Richter i. R. und Prädikant Wolfgang Godglück zu und erklärt: „Ich kann heute nicht mehr ohne die hier erlernten Rituale, sie gehören für mich inzwischen zum Alltag dazu.“ Das Einüben fester Gebetsformen hilft, eigene Worte für Gottesdienste zu finden, und schafft einen Rahmen, der einerseits Kraft gibt, andererseits aber auch den Blick in die Weite führt.

So zählte beispielsweise eine Schriftbetrachtung in sechs Schritten zu dem, womit sich die Teilnehmer beschäftigten. Sie beginnt mit einer Vorbereitung aufs Lesen, beinhaltet die Imagination dessen, was passiert, also sozusagen eine innere Verfilmung des Textes, und auch die Identifikation mit den handelnden Personen. Was sich für Außenstehende mühsam anhören mag, ist aber eine erprobte Methode, die davor bewahrt, Texte zu oberflächlich zu lesen. Daneben machte jeder auch eigene Entdeckungen, welche Kursinhalte sie oder ihn auf dem persönlichen geistlichen Weg weiterbringen. „Spirituelles Körperlernen als ein Bestandteil der Weiterbildung finde ich wichtig“, sagt Pädagogin Heidrun Schulze, „da Geistliches mit Körperlichem vereint erfahrbar ist.“

Und auch die Schweige-Exerzitien gehörten zum Schönsten dieser intensiven gemeinsamen Zeit, darin sind sich die Kursteilnehmenden einig.