Null Toleranz bei sexuellem Missbrauch

Die hannoversche Landeskirche verfolgt auch weiterhin ihre „Null-Toleranz-Linie“ bei sexuellem Missbrauch. „Durch konsequentes Handeln in jedem Einzelfall wollen wir zeigen, dass jedes Opfer bei uns Hilfe erwarten kann und nicht beschwichtigt oder in die Ecke gestellt wird“, erklärt Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch das Vorgehen der Landeskirche.

Für die Zeit von 1946 bis 2014 zählen die Autoren einer Studie über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche 3.677 minderjährige Opfer und 1.670 Kleriker als Täter. Die hannoversche Landeskirche hat Mainusch zufolge bislang 108 Fälle von sexualisierter Gewalt bearbeitet und dafür seit 2012 rund 1,3 Millionen Euro Entschädigungen in Einzelsummen von 2.500 bis zu 35.000 Euro gezahlt. Insgesamt 98 Fälle hätten sich in diakonischen Einrichtungen ereignet. Zehn sexuelle Misshandlungen seien zwischen 1945 bis 2005 von kirchlichen Mitarbeitern wie Pastoren begangen worden.

Mainusch betonte, dass die größte evangelische Landeskirche in Deutschland bereits 2012 eine Ansprechstelle geschaffen habe, in der Opfer umfassend beraten würden. Zur Intervention setze die hannoversche Landeskirche bereits seit 2003 auf einen Krisenplan, sagte Mainusch. Als oberstes Prinzip gelte dabei, dass die komplette strafrechtliche Verfolgung in der Hand des Staates liegen müsse: „Sobald wir eine Straftat vermuten, werden sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und tatverdächtige Hauptamtliche zum Opferschutz vom Dienst suspendiert.“ Die Zusammenarbeit mit verdächtigten Ehrenamtlichen werde sofort beendet. „Wichtig ist für uns als erster Schritt der Gang zu einer staatlichen Behörde und keine eigene Untersuchung.“ Allerdings habe die hannoversche Landeskirche zusätzlich zu staatlichen Ermittlungen seit 1998 insgesamt 16 Disziplinarverfahren geführt. Entscheidend für die Aufarbeitung sei es, Opfer sexuellen Missbrauchs zu ermutigen, diesen Missbrauch offenzulegen, betonte der Oberlandeskirchenrat: „Wir müssen akzeptieren, wenn Menschen nichts sagen wollen.

Aber wenn sie etwas sagen, ist es unsere Aufgabe, ihnen zu signalisieren, dass genau das gewollt ist.“ Mainusch begrüßte auch die Idee einer zentralen Anlaufstelle für Opfer sexualisierter Gewalt bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Opfer hatten in der Vergangenheit beklagt, dass es in den evangelischen Kirchen keinen einheitlichen und transparenten Umgang mit Missbrauchsfällen gebe. In Fällen von sexuellem Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter muss die Kirche aus Sicht des evangelischen Kirchenjuristen Rainer Mainusch die Täter zur Not auch gegen den Willen der Opfer anzeigen.

Die Kirche müsse bedenken, dass es auch andere Betroffene geben könne und weitere Menschen gefährdet sein könnten, so Mainusch: „Wir können nicht von vornherein sagen: Wenn ein Opfer kein Strafverfahren wünscht, sehen wir davon ab, die Staatsanwaltschaft einzuschalten.“ Geboten sei vielmehr absolute Transparenz. Nur so könne Aufklärung geleistet und verloren gegangenes Vertrauen wieder aufgebaut werden. Datenschutzrechtliche Bedenken, dass ein Arbeitgeber Personalakten nicht von sich aus staatlichen Ermittlern überlassen könne, ließ der Jurist nicht gelten.

Die staatlichen Regelungen zur Strafverfolgung ließen auch nach kirchlichem Recht eine Übermittlung von Daten zu. Außerdem betonte Mainusch: „Die Kirchen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Als solche stehen sie in einer besonderen Verantwortung, den Rechtsstaat bei der Strafverfolgung zu unterstützen, wenn kirchliche Mitarbeitende als Täter verdächtigt werden.“ Der Jurist erinnerte daran, dass nach dem Strafgesetzbuch eine strafbare sexuelle Handlung vorliegt, wenn sie von einiger Erheblichkeit ist. Nur wenn diese Schwelle „offenkundig unterschritten“ werde, könne auf eine Anzeige verzichtet werden. Dies könne etwa bei Jugendfreizeiten der Fall sein, wenn sich Minderjährige durch Berührungen gerade erst volljähriger Betreuer belästigt fühlten.

In solchen Fällen sei es wichtiger, das Jugendamt einzuschalten oder die Täter zu ermutigen, sich selbst anzuzeigen. „Wo auch nur ein Anflug von Zweifel besteht, ob eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung vorliegen könnte, sollte der Fall zur Anzeige gebracht werden“, betonte Mainusch. Keinen Sinn ergebe eine Anzeige allerdings, wenn die verdächtige Person bereits gestorben oder die staatliche Verjährungsfrist „offenkundig abgelaufen“ sei.

In solchen Fällen werde die Staatsanwaltschaft nicht ermitteln. Es könne jedoch aus anderen Gründen ein Interesse geben, die Wahrheit herauszufinden oder einen Vorgang aufzuarbeiten. Das setze dann aber eine unabhängige wissenschaftliche Begleitung voraus.

HOTLINE BEI SEXUELLEM MISSBRAUCH

Zentrale Rufnummer
0511 – 700 88 16

Dienstags von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 17 Uhr bieten erfahrene Mitarbeitende der Telefonseelsorge der Evangelisch- lutherischen Landeskirche Hannovers allen eine Beratung an, die aktuell oder in der Vergangenheit Opfer sexualisierter Gewalt oder sexueller Belästigung sind oder waren. 

Infos zum Umgang mit sexualisierter Gewalt

Definition Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt ist jede Form von Gewalt, die mittels einer sexuellen Handlung ausgeübt wird. Eine sexuelle Handlung ist jede Handlung mit oder ohne Körperkontakt, die einen sexuellen Bezug hat und unser Recht auf die sexuelle Selbstbestimmung verletzt. Die sexuelle Selbstbestimmung ist ein Rechtsgut und garantiert uns, zu jedem Zeitpunkt frei über die eigene Sexualität entscheiden zu können. Ein besonderer Aspekt dieser Freiheit ist die ungestörte sexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In pädagogischen Kontexten differenziert man drei Formen der sexualisierten Gewalt: So gibt es grenzverletzende, übergriffige sowie strafrechtlich relevante Formen der sexualisierten Gewalt.

Gerade in der pädagogischen Arbeit kann es schnell zu Grenzverletzungen wie einer unbeabsichtigten Berührung oder verbalen Verletzung kommen. Im Unterschied zu den Grenzverletzungen geschehen sexuelle Übergriffe jedoch nicht unbeabsichtigt. Sie finden gezielt statt und verletzen die Intimsphäre eines Kindes, Jugendlichen oder Schutzbefohlenen.

Zu den strafrechtlichen Formen sexualisierter Gewalt zählen vor allem die Straftatbestände gem. §§ 174 bis 184j StGB.

"Präventiv tätig werden"

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers fördert Kinder, Jugendliche und andere Schutzbefohlene in vielfältiger Weise über ihren christlichen Glauben hinaus. Als anerkannter, freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe schätzen wir entsprechende Qualitätsmerkmale sehr, zu denen auch Konzepte für den Schutz vor sexualisierter Gewalt gehören. Die bereits erwähnte Null-Toleranz- Linie reicht jedoch nicht aus, um sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Hierzu sind fachliche Standards in den kirchlichen Arbeitsbereichen und Kirchengemeinden notwendig. Diese schützenden Standards lassen sich mittels einer Risikoanalyse ableiten. Dabei ist die Risikoanalyse stets Bestandteil eines umfassenden Schutzkonzeptes und mit ihr werden Gefahren sowie Risiken in der praktischen Arbeit ermittelt. Entsprechend dieser Risiken und Gefahren werden im Folgenden einheitliche Verfahren zum Schutz vor sexualisierter Gewalt für die praktische Arbeit entwickelt. Viele Mitarbeitende vertreten die Meinung, sie berücksichtigten bereits Maßnahmen zum Kinderschutz.

Als Präventionsbeauftragte merke ich jedoch an, dass sich diese Maßnahmen zumeist auf die Abwehr einer Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII) durch außenstehende Dritte beziehen. Daneben geht es jedoch auch um den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt durch kirchliche Mitarbeitende. Einige Menschen können und wollen nicht an sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext glauben. Jedoch belegen die Zahlen etwas anderes. Zunächst möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es sich bei allen genannten Fallzahlen nur um die bekannt geworden Fälle handelt. Gerade im Bereich der sexualisierten Gewalt ist von einem hohen Dunkelfeld im Hinblick auf die Fallzahlen auszugehen.

Letztlich bestätigen die Zahlen vor allem eines: Sexualisierte Gewalt war und ist in unserer kirchlichen Arbeit möglich. Dies lässt sich nur durch die Implementierung von Schutzkonzepten verhindern. Die Täter, die im Übrigen aus allen sozialen Schichten kommen, dürfen keine gewaltbegünstigenden Strukturen vorfinden. Zu diesem Zwecke ist ein Konzept entstanden, das neben Präventionsmaterialien auch die verbindliche Schulung der Mitglieder der Kirchenkreiskonferenzen vorsieht.

Es handelt sich um Arbeitshilfen zu den wesentlichen Bausteinen eines Präventionskonzeptes, die wissenschaftliche und fachliche Standards zum institutionellen Schutz vor sexualisierter Gewalt vermitteln. Mit einer Schulungsinitiative werden die Mitarbeitenden in die Lage versetzt werden, strukturiert und prozessorientiert ein Schutzkonzept zu entwickeln. Gerne unterstützen und beraten wir hierzu auch vor Ort. Es ist unser Ziel, sexualisierte Gewalt aktiv zu verhindern.

Cindy Dagott, Präventionsbeauftragte