Eine Kirche geht wählen

Sie sind die Führungskräfte der Landeskirche: Rund 10.000 Kandidatinnen und Kandidaten für die Kirchenvorstände stellten sich am 11. März 2018 zur Wahl. Beteiligt waren 1.262 Kirchen- und Kapellengemeinden der Evangelisch- lutherischen Landeskirche Hannovers. 4.008 Frauen und 2.840 Männer wurden gewählt und leiten seitdem die Gemeinden. Eine Reise am Wahltag, Zahlen und Daten sowie ein Blick in eine „etwas andere“ Zukunft berichten von dieser Kirchenvorstandswahl, die vielleicht „die letzte ihrer Art“ war ...

Eisdorf

Am Tag der Kirchenvorstandswahl reiste Landesbischof Ralf Meister durch den Osten der Landeskirche. Er startete mit einem Vorstellungsgottesdienst der Konfi rmanden im Kirchenkreis Harzer Land. Obwohl der Gottesdienst schon um 9.30 Uhr begann, kamen schon früh am Morgen viele Wählerinnen und Wähler in Eisdorf an die Urne. Mit dabei war auch der Erstwähler Jannik, der heute wählen durfte, weil er einen Tag zuvor 14 Jahre alt geworden war

Nienstedt

Auch in der Kirchengemeinde Nienstedt wurde am Wahltag der Vorstellungsgottesdienst der Konfi rmanden gefeiert. Die Leitung der Gemeinde liegt überwiegend in den Händen der ehrenamtlichen Gemeindekuratorin Vera Fröhlich, die dem Landesbischof den Kirchraum zeigte und stolz präsentierte, was die Gemeinde in Sachen KV-Wahl vorbereitet hatte.

Meine

Auf dem Weg in den Kirchenkreis Peine legte Landesbischof Ralf Meister einen spontanen Zwischenstopp in dem kleinen Ort Meine ein. Die WahlhelferInnen vor Ort waren sichtlich überrascht über den prominenten Besuch und berichteten stolz, dass bei ihnen im Wahllokal eigentlich durchgehend Betrieb herrsche. 

Calberlah

n der Christuskirchengemeinde Calberlah im Kirchenkreis Gifhorn wurde der Landesbischof mit Suppe versorgt.

Ralf Meister nutzte die Gelegenheit für Gespräche am Mittagstisch. Außerdem gratulierte er der Kirchengemeinde zu ihrem 50-jährigen Bestehen.

Essenrode

Bei einem zweiten spontanen Zwischenstopp in Essenrode bekam der Landesbischof eine kleine Kirchenführung von einem engagierten Gemeindechronisten. Dieser erklärte begeistert, dass erste Zeugnisse über die St.-Johannis- Kirche bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. 

Eickenrode

In dem 200-Seelen-Dorf Eickenrode stand die Wahlurne in einem Gasthaus. Hier dankte Landesbischof Ralf Meister dem Wahlvorstand zwischen frischen Waffeln und Feierabend-Bierchen.

Groß Schwülper

Beim spontanen Zwischenstopp in Groß Schwülper staunte der Landesbischof über die vielen Aktionen, die sich die dortige Kirchengemeinde überlegt hatte, um ihre Mitglieder zum Wahlgang zu motivieren.

Loccum

In Loccum ist man bischöflichen Besuch gewohnt. Pastorin Corinna Diestelkamp war trotzdem über den Spontanbesuch überrascht und hieß den Landesbischof dieses Mal außerhalb der Klostermauern im Gemeindehaus am Markt herzlich willkommen.

Raddesdorf

Nach einem langen Wahltag hielt Pastor Jens Mahlmann in Raddesdorf im Kirchenkreis Stolzenau-Loccum eine Abendandacht. Landesbischof Ralf Meister ergänzte mit einem Grußwort an alle Helfer*innen. Anschließend wurden im Gemeindesaal die Ergebnisse bekannt gegeben. Mit einer Wahlparty und einem reichhaltigen Buffet gratulierte man hier den neu gewählten Kirchenvorsteher*innen. 

Kirchenvorstandswahl 2018

Aufgaben

Die Kirchenvorstände leiten zusammen mit den Pastorinnen und Pastoren die Gemeinden vor Ort. Sie sind u.a. für Gebäude, Ländereien, Friedhöfe, Kindertagesstätten, Personal und Finanzen einer Kirchengemeinde zuständig. Sie entscheiden über Schwerpunkte der Gemeindearbeit, Gottesdienste und Amtshandlungen, die Ordnung der Konfirmandenarbeit, die Kollekten und die Gemeinderäume.

Wahlbeteiligung

Die Gesamtzahl der Wählerinnen und Wähler betrug 352.755. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von 15,37 Prozent (-3,31 Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Wahl 2012). Hier betrug die Zahl der Wählerinnen und Wähler 8.353. Das entspricht einer Wahlbeteiligung in dieser Altersgruppe von 14,88 Prozent. Die höchste Wahlbeteiligung hat der Sprengel Hildesheim- Göttingen mit 18,74 Prozent erreicht. Dahinter folgen Lüneburg (15,67 Prozent), Hannover (14,86 Prozent), Stade (14,40 Prozent), Osnabrück (13,99 Prozent) und Ostfriesland- Ems (13,29 Prozent).

Mehr Frauen gewählt

Ein Blick in die Statistik zeigt, diese Führungskräfte sind überwiegend weiblich. Am 11. März 2018 wurden 58,53 Prozent Frauen in die Kirchenvorstände gewählt. Das Durchschnittsalter der Kirchenvorstände betrug am Wahltag 50,55 Jahre (2012: 50,94).

Jugend wählte mit

Erstmals durften bei dieser Kirchenvorstandswahl bereits Mitglieder wählen, die 14 oder 15 Jahre alt waren. Mit 100 Prozent Wahlbeteiligung in dieser Altersgruppe erreichte die Kirchengemeinde Klein Schneen im Kirchenkreis Göttingen den ersten Platz. Auf Platz zwei schaffte es die Kirchengemeinde Eickenrode im Kirchenkreis Peine mit 80 Prozent Wahlbeteiligung, gefolgt von der Kirchengemeinde Steina im Kirchenkreis Harzer Land (75 Prozent Wahlbeteiligung) und der Johanniskirchengemeinde Otternhagen im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf (71,42 Prozent). Landeskirchenweit lag die Wahlbeteiligung in dieser Altersgruppe bei 14,88 Prozent.

Berichte in den Medien

Ergebnis der Wahlen sind nicht nur neue Leitungsgremien, sondern auch ein Imagegewinn für die Kirche, sagt Pastor Joachim Lau, der die Wahlkampagne „Kirche mit mir“ geleitet hat: „Erfreulich ist, dass die Wahl in den Medien eine ungewohnt intensive Aufmerksamkeit erfahren hat und ein neues Bewusstsein für die Aufgaben der Kirchenvorstände erreicht werden konnte.“ Im Printbereich sei beispielhaft deutlich geworden, was auch unabhängig von den Wahlen gelte: „Kirchliche Themen, die einen starken Vor-Ort-Bezug haben und in der Kirche engagierte Menschen in den Mittelpunkt stellen, werden medial sehr gut aufgenommen“, so Joachim Lau.

Unterstützung für Gewählte

Kirchenvorstände bekommen in der Landeskirche Hannovers praxistaugliche Unterstützung für ihre Arbeit. Dazu gehört ein Handbuch mit den nötigen Hintergrundinformationen für die KV-Arbeit. Auch „KV-Fachberatung“ kann helfen.

... und wie geht’s weiter im Jahr 2024?

Herr Dr. Mainusch, als Jurist im Landeskirchenamt sind Sie auch für die Kirchenvorstandswahl zuständig. Die Beteiligung bei der Kirchenvorstandswahl im Jahr 2018 ist auf gut 15 Prozent gesunken. Stellt sich bei diesem Wert die Frage nach der Legitimation der Kirchenvorstände?

Dr. Rainer Mainusch: Nein, das sehe ich nicht so. Wir haben uns nach der letzten Kirchenvorstandswahl die Entwicklung der Wahlbeteiligung in den vergangenen 50 Jahren angesehen. Bei der Wahl 1970 lag die Wahlbeteiligung unter 15 Prozent. Wir hatten bis Ende der 80er-Jahre üblicherweise Beteiligungen in dieser Höhe. Erst 1988 stieg die Wahlbeteiligung durch die Einführung einer landeskirchenweiten Kampagne zur Wahl an und lag bis 2012 bei etwa 20 Prozent. Erst 2018 ist sie wieder deutlich unter 20 Prozent gefallen. Man kann also nicht sagen, dass die Wahlbeteiligung bei Kirchenvorstandswahlen fortlaufend gesunken ist. Sie war immer niedrig. Man wird anders als im staatlichen Bereich nicht sagen können, dass Nichtwählen im kirchlichen Bereich eine Form von Protest ist.

Warum wird dann derzeit in der Landeskirche so umfangreich über die kommende Wahl 2024 diskutiert?

Mainusch: Die derzeitige Form der Kirchenvorstandswahlen entspricht nicht mehr unserer heutigen Bedeutung als eine zivilgesellschaftliche Organisation. Die Wahlen sind aufgezogen wie eine kleine Kommunalwahl, so als wären wir noch eine staatsanaloge Institution, die annähernd 90 Prozent der Bevölkerung repräsentiert. Das macht den Pfarrämtern, den Gemeindebüros, den Kirchenämtern und den vielen ehrenamtlich Beteiligten viel Arbeit. Dieser Aufwand entspricht weder der Wahlbeteiligung von rund 15 Prozent noch dem Anteil von Kirchenmitgliedern an unserer Bevölkerung. Wir stehen vor der Frage, wie wir mit weniger Aufwand mehr erreichen können.

Was heißt das mit Blick auf die Wähler?

Mainusch: Wir werden es leichter machen, sich an der Wahl zu beteiligen. Denn schließlich sind Kirchenvorstandswahlen eine Einladung an alle unsere Mitglieder, an der Leitung der Kirche mitzuwirken. Die Einladung zur Beteiligung ist einer der zentralen Gedanken unserer neuen Verfassung. Wir wollen daher prüfen, ob wir auch in unserer Landeskirche auf eine allgemeine Briefwahl zugehen. 59 Gemeinden haben das 2018 getestet. Dort bekamen alle Mitglieder gleich die kompletten Wahlunterlagen zugeschickt, die Beteiligung ist dadurch gestiegen. 82 Prozent der Test-Gemeinden sagen, sie würden das wieder machen wollen. Übrigens: In Bayern ist bei der Kirchenvorstandswahl im Herbst 2018 durch die allgemeine Briefwahl die Wahlbeteiligung von knapp 20 Prozent auf 27 Prozent gestiegen.

Würde es trotzdem noch Wahllokale geben?

Mainusch: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir den Gemeinden einen Verzicht auf Wahllokale vorgeben. Die Frage ist eher, ob wir den Kirchengemeinden die Möglichkeit geben, zu entscheiden, ob sie weiterhin Wahllokale möchten oder nicht.

In anderen Kirchen werden die Vorstände auf Gemeindeversammlungen gewählt. Da kommen dann die Mitglieder, die sich besonders für die Gemeinde interessieren.

Mainusch: Eines ist klar: Wir möchten daran festhalten, dass die Kirchenvorstandswahlen wirklich Wahlen sind, nicht nur ein Treffen bei einer Gemeindeversammlung. Wir haben einen Öffentlichkeitsauftrag, der über die Kerngemeinde hinausgeht, und wir stehen als Kirche für das gesamte Gemeinwesen. Die allgemeine Wahl ist für uns auch ein Anlass, uns flächendeckend mit einer Wahlkampagne ins Gespräch zu bringen. Und wir erreichen damit auch Menschen, die normalerweise eben nicht zur Kerngemeinde gehören.

Wenn Sie davon sprechen, das Wählen leichter zu machen, wäre es dann nicht konsequent, 2024 auch online wählen zu können?

Mainusch: Das können wir für 2024 ausschließen, die Zeit für die Vorbereitungen, die rechtlichen wie die technischen, wäre zu knapp. Denn Online-Wahlen werden in Deutschland noch nicht mal im staatlichen Bereich durchgeführt, und es gibt daher keinerlei Standards. Bei Online- Wahlen in den USA hat es immer wieder Pannen gegeben. Ich hätte auch Sorge, dass es sehr teuer wäre und Menschen abschreckt.

Es gab auch Gemeinden, die Schwierigkeiten hatten, genügend Kandidatinnen und Kandidaten zu fi nden. Ist die Amtszeit von sechs Jahren zu lang?

Mainusch: Wir werden allgemein überlegen, wie wir die Arbeit in den Kirchenvorständen noch attraktiver machen können. Da wird zu sprechen sein über die Länge der Amtszeit, aber auch über die Aufgaben von Kirchenvorständen und über die Mindestzahl der Kandidatinnen und Kandidaten für einen KV. Wir haben vor, der Synode, dem Kirchenparlament, im Sommer 2020 einen ersten Zwischenbericht vorzulegen.

Auch in der Kirche ist die Beteiligung junger Leute erwünscht. Wird darüber nachgedacht, im neuen Wahlgesetz für die Kirchenvorstände eine Quote für junge Leute festzuschreiben?

Mainusch: Wir werden das auf jeden Fall diskutieren. Bei der Wahl für die neue Synode im Herbst 2018 gibt es die Vorgabe für die Wahlaufsätze, dass mindestens 20 Prozent der Kandidierenden jünger als 30 Jahre sein sollen. Wir werden uns ansehen, wie sich das auswirkt und was wir daraus für die Kirchenvorstandswahlen herleiten können.

Wie läuft die Entscheidung über das neue Kirchenvorstandsbildungsgesetz?

Mainusch: Wir sind uns jetzt schon sicher, für dieses wichtige Gesetz wird es wieder ein Stellungnahme-Verfahren geben, wie wir das gerade bei der neuen Kirchenverfassung erprobt haben. Alle Mitglieder unserer Landeskirche werden die Möglichkeit haben, sich zum neuen Wahlrecht zu äußern. Die Frühjahrssynode 2022 soll dann beschließen, damit alle Änderungen noch rechtzeitig vor der Wahl 2024 umgesetzt werden können.