Ein Pastor will das Dorf vernetzen

Pastor Ralph-Ruprecht Bartels möchte ein ganzes Dorf mithilfe von Tablet-PCs vernetzen und so die Lebensmöglichkeiten älterer Menschen im ländlichen Raum verbessern. Unter dem Motto „Das vernetzte Dorf“ baut er als Referent im Haus kirchlicher Dienste (HkD) seit Septembe r 2017 ein Projekt für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers auf.

„Das Dorf regelt seine Angelegenheiten selber! Diese Mentalität ist in den Dörfern noch tief verwurzelt, und hier möchte ich ansetzen“, sagt der Theologe. „Bei vielen Menschen ist eine große Bereitschaft da, sich gegenseitig zu helfen, das hat sich in der Flüchtlingskrise gezeigt. Mir geht es darum, neue Wege zu finden, damit die Nächstenliebe, die Menschen in sich tragen, anderen zugute kommt.“ In vielen kleinen Dörfern, gerade im südlichen Niedersachsen, gibt es keine öffentlichen Orte mehr, an denen sich Menschen zufällig begegnen können. Der Bäcker, die Post und der Lebensmittelladen haben geschlossen. Ohne ein Auto ist es für ältere Menschen schwer, sich zu versorgen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die Tablet-PCs, die nicht größer sind als ein Schreibblock und bei denen man direkt auf dem Bildschirm tippen kann, sollen hier Abhilfe schaffen. „Sie sind wesentlich einfacher zu bedienen als zum Beispiel ein Laptop und daher auch für ältere Menschen ohne Computererfahrung geeignet“, so Bartels. Es soll eine Kommunikationsplattform im Internet eingerichtet werden, über die zum Beispiel Hilfsangebote und -gesuche ausgetauscht werden können. „Dort kann jemand schreiben: ‚Ich fahre morgen zum Supermarkt, soll ich jemandem etwas mitbringen oder soll ich jemanden mitnehmen?‘“, beschreibt Bartels seine Vision. „So kommen die Menschen dann auch im realen Leben miteinander in Kontakt, wenn das Brot vorbeigebracht wird oder man gemeinsam zum Einkaufen fährt.“ Später soll auch getestet werden, ob es möglich ist, Gottesdienste im „vernetzten Dorf“ als Lifestream zur Verfügung zu stellen.

Bartels ist mit seiner Idee nicht allein. Einige Projekte gibt es bereits in anderen Landeskirchen und auch von staatlicher Seite auf dem Gebiet. Im Emsland gibt es das Projekt ‚Dorfgemeinschaft 2.0‘, in Baden-Württemberg das Projekt ‚Sonia‘, das auch wissenschaftlich ausgewertet wird. Hier zeigt sich bereits, dass Senioren eine solche Möglichkeit der Kommunikation schätzen und sie ihnen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. „In Hessen gibt es zwei kirchliche Projekte“, erzählt Bartels. „In der kurhessischen Kirche ‚Unser Dorf: Wir bleiben hier!‘ und in der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau ‚meinDorf55+ – Trotz Alter bleibe ich hier!‘“ Er wird mit den Initiatoren im Gespräch sein, um die Erfahrungen für den Aufbau eines Projektes in der hannoverschen Landeskirche zu nutzen.

Das vernetzte Dorf

Dorfgespräch im Internet: Digital ins Jahr 2030?

Henriettes Kühlschrank ist leer. Sie lebt in einem kleinen Dorf, der nächste Supermarkt ist acht Kilometer entfernt. Ihren Führerschein hat Henriette schon vor Jahren abgegeben. Seitdem ist es ein Problem, die tägliche Versorgung sicherzustellen. Der letzte Dorfladen ist geschlossen worden, und damit fiel auch ein wichtiger Ort der Begegnung weg. Doch heute nimmt sich Henriette ihr neues Tablet zur Hand. Mit dem Finger tippt sie auf das Symbol für den „Marktplatz“ und tippt ein: „Wer kann mich morgen zum Einkaufen mitnehmen?“ Automatisch wird ihre Anfrage an die virtuelle Pinwand angeheftet. Zwei Stunden später gibt das Tablet eine kurze Melodie von sich und Henriette schaut nach. Gernot aus dem Unterdorf hat sich gemeldet: „Komme morgen gegen 16.00 Uhr bei dir vorbei!“. Henriette freut sich – nicht nur auf das Einkaufen, sondern auch darauf, mal wieder mit jemandem etwas schwatzen zu können.

Demografischer Wandel und wirtschaftliche Entwicklung machen das Leben in ländlichen Regionen immer mehr zum Problem. Solange ein eigenes Auto Mobilität gewährleistet, lässt sich der Alltag regeln. Ohne Auto wird es dagegen schwierig, sich mit den Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen oder an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Seit einiger Zeit ist daher ein Trend zum Zuzug in die städtischen Ballungsräume zu beobachten.

Der ländliche Bereich ist davon in zweifacher Hinsicht betroffen. Zum einen entvölkert er zunehmend, zum anderen fallen Haus- und Grundstückspreise. Das hat den Effekt, dass Menschen, die ihr Haus verkaufen wollen, um sich eine Wohnung in der Stadt zu beschaffen, vor dem Problem stehen, dass der Verkauf nicht genug einbringt, um sich den teuren Wohnraum im Ballungsgebiet leisten zu können. Sie sind daher gezwungen, in ihrem Dorf zu bleiben, und müssen sich im Alter mit der schwierigen Versorgungslage arrangieren.

„Ein Dorf regelt seine Angelegenheiten selber“ – dieses tief in der Mentalität der Dorfbevölkerung verwurzelte Prinzip ist ein Ansatzpunkt für die Aktivierung ehrenamtlichen Engagements. Die in vielen Dörfern latent vorhandene Bereitschaft, das Leben gemeinsam zu organisieren, muss geweckt und gefördert werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine solche Plattform digital zu gestalten. Da sind zunächst die kommerziellen Angebote wie Facebook oder Whatsapp, die zum Teil schon in Dorfgemeinschaften genutzt werden. In neuster Zeit boomen Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de oder wirnachbarn.com. Im nicht-kommerziellen Bereich geht es um die Entwicklung einer eigenen Kommunikationssoftware, wie es z. B. in dem Projekt „meinDorf55+“ der hessisch-nassauischen Landeskirche (recht erfolgreich) ausprobiert wird.

Um die Idee des vernetzten Dorfes umzusetzen, wird auf die (immer noch) vorhandene Infrastruktur der Kirchengemeinden zurückgegriffen – Kirchen, Gemeindehäuser und hauptwie ehrenamtliches Engagement sind Schätze, die eingebracht werden können. Vorhandene Gemeindegruppen (z. B. Männer-, Konfirmandenoder Jugendgruppen) könnten in die notwendige Schulungsarbeit mit einbezogen werden (generationenübergreifendes Lernen). Nach einer entsprechenden Schulung könnte es zu Patenschaften kommen, die eine kontinuierliche Begleitung und Hilfestellung gewährleisten. Durchaus eine Win-win-Situation, da die Jugendlichen in ihren Kompetenzen wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Gemeindehäuser könnten mit WLAN ausgestattet werden, um dort „Tablet- Cafés“ zu veranstalten, um Seniorinnen und Senioren in der Handhabung von Tablets zu unterrichten. Ein derartiges Angebot findet gegenwärtig im Michaelis Weltcafé des Diakonischen Werks in Hildesheim statt. Das „vernetzte Dorf“ lebt von der Idee des Gemeinwesens, also der Einbeziehung der vor Ort Wohnenden über die Grenzen von Kirchenund Vereinszugehörigkeit hinaus. In Gesprächen mit Ortsbürgermeistern, Gemeindeverwaltungen, Ehrenamtlichen aus Vereinen und Wohlfahrtsorganisationen (DRK, Sozialverband etc.) wird die Projektidee vermittelt und um Mitarbeit geworben. Eine Art „Runder Tisch Dorfleben“ soll alle die zusammenbringen, die am sozialen Miteinander Interesse haben.

Soziales Netz im demografischen Wandel

Landesbischof Ralf Meister sieht den demografischen Wandel in den nächsten Jahren auch als eine Chance für die Weiterentwicklung von Kirche. „Zwar werden wir trotz all unserer guten Initiativen und Anstrengungen kleiner werden“, sagt der Bischof der größten evangelischen Landeskirche im Gespräch: „Das ist zwar bedauerlich, aber kein Grund zur Depression.“

Die Kirche werde künftig vermutlich nicht mehr so als Gesamtsystem bewirtschaftet werden können wie heute. Dies eröffne aber auch Möglichkeiten, schwerfällige Bürokratien und Hierarchien abzubauen und kreatives Engagement an der Basis stärker zu fördern. „Wir werden Toleranz lernen müssen, um alternative Schwerpunktsetzungen in den Kirchengemeinden zuzulassen.“

In etwa zehn bis zwölf Jahren werde es in der hannoverschen Landeskirche mit heute rund 1.800 Pastorinnen und Pastoren voraussichtlich 600 Theologen weniger geben. Dagegen stünden die etwa 1.650 Kirchengebäude zwischen Hann. Münden und Cuxhaven dann immer noch, betonte Meister. In keinem anderen Land der Welt gebe es so viele sakrale Bauten wie in Deutschland. Wenn Pastoren im stark ländlich geprägten Niedersachsen mehrere Kirchengemeinden gleichzeitig versorgten, stießen sie irgendwann an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. „Wir müssen in viel größerem Ausmaß als bisher in die Ausbildung, Begleitung und Anerkennungskultur für Ehrenamtliche investieren.“

Dies bedeute auch, dass sich das Berufsbild des Pastors verändern werde. „Pastorinnen und Pastoren werden künftig noch viel stärker als bisher in der Gewinnung, Ausbildung und Begleitung von Ehrenamtlichen tätig sein“, betonte Meister. Entsprechend geschulte Laien könnten dann vom Gemeindemanagement bis zu Gottesdiensten leitende Aufgaben übernehmen und gestalten. Voraussetzung dafür sei, die strukturellen Vorgaben radikal zu reduzieren, so dass Haushaltsführung und Gemeindemanagement fachkundig vor Ort geleistet werden könnten.

Das Gemeindeleben könne dann durchaus auch mit Menschen gestaltet werden, die vielleicht keine Mitglieder seien. Bei seinen Besuchen von Kirchengemeinden auf dem Lande erlebe er immer wieder „ein hohes Engagement, eine außergewöhnliche Identifikation mit dem Dorf und eine dichte soziale Gemeinschaft, die sich weit über die für sie willkürlichen Grenzen der Kirchenmitgliedschaft bewegt“, unterstrich der Theologe.

Der Erhalt der Gebäude sowie die Pflege der Einrichtungen und Traditionen spiele für viele eine große Rolle. „Wer sich in der Kirche engagiert, denkt gemeinwohlorientiert.“ Dabei gehe es nicht unbedingt um missionarischen Eifer: „Vielmehr haben die Menschen Freude daran, mit anderen gemeinsam Dinge auf die Beine zu stellen, um ein kleines Unternehmen wie eine Kirchengemeinde ‚marktfähig‘ zu halten und zu einem sozialen Mittelpunkt zu machen“, sagte Meister und fügte hinzu: „Was dem Dorf dient, dient der Kirche, und was der Kirche dient, dem Dorf. Das war in der Vergangenheit so und wird auch in Zukunft so bleiben.“