Der eigenen Taufe auf der Spur

Einen „Erlebnis-Raum für alle Sinne“ gestaltete die hannoversche Landeskirche in Wittenberg. Das Thema: Die Taufe. Dies war der Beitrag der Landeskirche zur Weltausstellung in Wittenberg anlässlich des 500. Reformationsjubiläums.

Der Erlebnis-Raum in der Altstadt sollte „an die eigene Taufe erinnern, darüber informieren oder dazu einladen, sich vielleicht irgendwann taufen zu lassen“, sagte der geistliche Vizepräsident des evangelischen Landeskirchenamtes, Arend de Vries. Auf 120 Quadratmetern erwartete die Besucher ein Ort, „der die Sinne anspricht und einen Zugang zum Taufverständnis und Christsein ermöglicht“, sagte Projektleiterin Ulrike Tüpker. „Taufe kann man nicht gestalten, deshalb sollen die Räume Immaterialität ausdrücken“, erläuterte die Innenarchitektin.

Der „Erlebnis-Raum Taufe“ ist der Beitrag der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zur Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Der erste, in blaues Licht getauchte Raum solle zum Ruhen und Erfahren einladen. Tablets, die in die Sitzgelegenheiten eingelassen sind, hielten Informationen zum Thema Taufe bereit. Zudem gab es eine Multimedia- Präsentation in einem zweiten Raum. „Wir haben uns bewusst für ein sehr abstraktes Werk entschieden, das assoziativ arbeitet und einen mitnimmt durch die Höhen und Tiefen des Menschseins, mit allen Brüchen und allem Schönen, aller Emotionalität und Gemeinschaft“, sagte die Kulturmanagerin Tüpker. Landesbischof Ralf Meister sah den Film zum ersten Mal und fand ihn „beeindruckend und richtig spacig, aber gelungen“. Er spiele mit dem Medium Wasser, das für Christen bei der Taufe ihr Leben verändere, sagte er: „Dieser Moment stellt alles auf eine Vertrauensbasis mit Gott. Und diese Basis heißt: Du bist nie allein, Gott ist immer an deiner Seite.“ Martin Luther (1483–1546) soll daher mit Kreide immer wieder auf seinen Tisch geschrieben haben: „Ich bin getauft.“ Das dürfen dem Reformator auch die Besucher des Erlebnis-Raumes an einem Tisch nachmachen.

„Wir brauchten ein Thema, das für unsere Landeskirche steht und ganz grundlegend etwas mit Reformation zu tun hat“, erläuterte Arend de Vries, der als geistlicher Vizepräsident für das Reformationsjubiläum in der Landeskirche zuständig war. Seit dem Jahr der Taufe 2012 gebe es immer wieder große Tauffeste in der hannoverschen Landeskirche. Daran knüpfe der „Erlebnis-Raum“ nun an. Hier könnten Menschen sich über die Bedeutung der Taufe informieren, und sich auch ganz persönlich an ihre eigene Taufe erinnern lassen.

Gleich im Eingangsbereich hatte man Lust, die Schuhe auszuziehen und die Füße hochzulegen. Der flauschige Flokati-Teppich trug zu der besonderen Atmosphäre in dem früheren Ladenlokal entscheidend bei. Abseits des Trubels der Wittenberger Fußgängerzone konnten sich die Besucherinnen und Besucher mithilfe von Tablets, die in die blauen Sitzgelegenheiten eingelassen sind, über unterschiedliche Aspekte des Themas Taufe informieren. „Warum ist das traditionelle Taufkleid den Kindern meistens zu groß?“, lautete eine Frage im Tauf-Quiz. Grün leuchtete die passende Antwort auf: „Weil der Täufling im Laufe seines Lebens noch in das Kleid, ebenso wie in den Glauben hineinwachsen wird.“

Im letzten Ausstellungsraum, dessen Wände mattgolden schimmern, stand in der Raummitte ein historisches Taufbecken. „Wir haben uns die Mühe gemacht, einen 500 Jahre alten und 500 Kilo schweren Taufstein aus der Kirche in Hülsede, einer Gemeinde in unserer Landeskirche, hierher zu schaffen. Es gibt wohl kein passenderes Zeichen, um an 500 Jahre Reformation zu erinnern“, sagte Arend de Vries. An diesem alten Taufbecken konnten sich Besucherinnen und Besucher mit Wasser ein Kreuz auf die Stirn oder die Hand zeichnen lassen.

„Der Taufstein am Ende der Inszenierung macht deutlich, dass alles in einer uralten Tradition ruht“, sagt Landesbischof Ralf Meister. „Und das kann man kaum anschaulicher machen als mit diesem viele Jahrhunderte alten Taufstein“.

Zwischen Taufwasser und Tablets: Eine Begleiterin berichtet

100 Frauen und Männer aus den verschiedenen Sprengeln der Landeskirche kamen hier zusammen und führten durch die Taufausstellung; unter ihnen viele Mitarbeitende aus dem Landeskirchenamt, aus dem Haus kirchlicher Dienste und aus der Bischofskanzlei. Wie es die Helferinnen und Helfer erlebt haben? Sabine Brombach betreute für eine Woche gemeinsam mit sieben anderen Ehrenamtlichen die Besucherinnen und Besucher im „Erlebnis-Raum Taufe“ auf der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Hier schildert sie ihre Eindrücke:

„Eine Woche lang mehrstündige Aufenthalte in den Räumen haben mich geprüft und zum Ende hin gelassener werden lassen. Eitelkeit, Selbstdarstellung oder Freizeitlaune haben keine Chance. Es geht um das Erlebnis Taufe als Chance zum Erleben für unsere Besucher, und wir sind als Mitwirkende im Raum zusammen mit dem Raum ein Teil des Erlebnisprozesses.

Es ist spannend, sich in der Wahrnehmung des Raumes auf Details einzulassen: Da stimmt alles! Die Farben vom Blau des Eingangsraums bis hin zu den warmen Tönen im Taufraum, die schmeichelnde Beschaffenheit der Stoffe, die unterschiedliche Bequemlichkeit der Sitze, das durchlässige Licht der beschrifteten Transparente, die orchestrale Musik mal als Hintergrund, mal als laute Herausforderung empfunden ... selbst die Farbe der Wasserflaschen fügt sich in die Innenarchitektur. Dies alles bedarf der Achtung und Pflege: das Taufwasser, der Teppich, die Tablets.

Alle Mitwirkenden sind aufgerufen, ihre Positionen stündlich zu wechseln, um der Fülle der Aufgaben begegnen zu können. Hatte ich Lust auf Kommunikation, Wetter und Kontakt, bat ich darum, vor der Eingangstür arbeiten zu können. Im Filmraum tätig zu sein, brachte mich in Auseinandersetzung mit meinem Unbewussten. Es empfiehlt sich daher ein dosierter Umgang mit den Bildern. Das Erlebnis Film sollte die Besucher auf den letzten Raum vorbereiten – ein bewusstes Finale.

Ich habe immer in der Ecke vor dem Ausgang gesessen, um den eintretenden Besuchern die Gelegenheit zu geben, allein die kraftvolle Wirkung des alten Taufsteins in der Mitte des Raums zu erfahren. Der Wunsch, an diesem Taufstein zu handeln, eine Erinnerung hervorzuholen oder ihren Glauben zu bekräftigen, entstand bei den meisten Besuchern ohne Anregung. Ich habe die Erfahrung gemacht, in dem Moment der Beziehung selbst die richtigen Worte zur Tauferinnerung gefunden zu haben.

Der geschützte Raum und der monumentale runde Stein, an dem über 500 Jahre Segnungen stattgefunden hatten, stellte uns alle gemeinsam in eine jahrhundertealte Tradition. Wir Mitwirkende waren Teil des Ganzen, die sich in den Dienst der Idee des Raums und des Erlebnisprozesses stellen – und wir spürten: Es sind die leisen Dinge, die wirken.“

Auf dem Bild: Sabine Brombach, Nadine Biere und Hannelore Gerstenkorn (von rechts nach links) waren Teil des Teams von Ehrenamtlichen im Erlebnis-Raum Taufe.

„Unsere Tochter feierte vor ein paar Tagen ihren zweiten Geburtstag – in Frieden“, erzählen Nedjla und Fakher Haji Ibrahim. „Das macht uns glücklich, aber ein bitterer Geschmack bleibt bei den Gedanken an ihren ersten Geburtstag auf der Flucht. Wie Splitter schießen diese Gedanken immer wieder in den Kopf.“