500 Jahre – und kein bisschen leise

Das Jahr 2017 wird als ein beschwingtes und fröhliches Festjahr in Erinnerung bleiben. Denn im 500. Jahr der Reformation kamen 12.000 Ko nfirmanden zu einem Camp nach Wittenberg, trafen sich 100.000 Besucher beim „Fest für alle“ in Hannover – und regten 50 Thesentüren in Osna brück zur Erinnerung an Luthers 95 Thesen aus dem Jahr 1517 an …

Als Landesbischof Ralf Meister mit dem Rundgang über das Konfirmanden- Camp beginnt, erklingt von fern bereits der Soundcheck aus dem Großzelt. „Bless the Lord“ stimmt die Band das eingängige Taizé-Lied an – ein Hit im Reformationssommer 2017. „Ich bin überwältigt“, sagt Meister und lässt seinen Blick über das Gelände inmitten der Natur schweifen. „Als ehemaliger Pfadfinder habe ich schon unglaublich viele Lager gesehen. Hier merkt man sofort, wie viel Know-how drinnen steckt!“

In der Zeltstadt am nördlichen Rand von Wittenberg treffen in diesem Sommer junge Menschen aus 18 Landeskirchen der Bundesrepublik zusammen. Gemeinsam mit ihren Pastoren und Teamern sowie einem großen Organisatorenteam vor Ort erleben sie das KonfiCamp „Trust & Try“, in dem es genau darum geht: einander vertrauen zu lernen und Neues auszuprobieren.

Dazu finden die Jugendlichen sportliche, kreative und intellektuelle Herausforderungen. Zwischen Hüpfburgen und Menschenkickern liegt hier eine mobile Backstube, dort eine Leseinsel, dahinter stehen Pavillons für diverse Workshops. An den insgesamt elf Camps von Mai bis September beteiligten sich rund 12.000 Konfirmanden. Sie schlafen in 132 Zelten für je zwölf bis 14 Personen, kommen zu Andachten und Essenszeiten in vier Unterzentren zusammen und feiern alle miteinander im Großzelt für bis zu 1.500 Menschen.

Auch in dieser Woche reisen wieder so viele Gäste in Wittenberg an – diesmal aus der Landeskirche Hannovers, der Mitteldeutschen Kirche (EKM) sowie einer österreichischen Partnergemeinde. „Für uns ist es das elfte und letzte Camp, aber für die Teilnehmer, die heute ankommen, ist es einmalig“, sagen die Teamer. Meister will alles ganz genau wissen: Wie funktioniert die Versorgung so vieler Menschen? Und wie der Hygienebereich, dort, wo außerhalb des Reformationssommers Reitturniere stattfinden. Er begegnet der 28-jährigen Sabrina aus der Programmleitung, die dem Bischof verrät: „Ich habe mich in diesem Jahr hier taufen lassen!“ Darauf vorbereitet wurde sie im „Begegnungsraum Taufe“, der Präsenz der Hannoverschen Landeskirche in der Wittenberger Altstadt zur Weltausstellung Reformation. Im Gemüsegarten des Camps erklärt Volunteer Tobias, wie die freiwilligen Helfer im Frühjahr Erdbeeren, Kohlrabi, Mini-Tomaten und Klatschmohn angepflanzt haben. Mittlerweile wachsen die Stauden schon über manche Konfirmandenköpfe hinweg.

Immer wieder kommen dem Bischof Gruppen entgegen. Besonders die aus der Heimat begrüßen ihn freudig: Konfis, die ihr Gepäck in die Schlafzelte tragen, das Areal mit tragbaren Lautsprecherboxen unter dem Arm erkunden oder beim Essenszelt anstehen, um ihr Geschirr für die nächsten Tage zu erhalten. Ein Mädchen läuft auf Meister zu und fragt: „Gibt es hier einen Besen? In unserem Zelt ist es dreckig.“

Am Abend werden die Konfirmanden begrüßt, lernen die Teamer und Lieder kennen, die sie durch die nächsten Tage begleiten werden – und sehen auch den Bischof auf der Bühne. Beim Abendbrot im Essenszelt überlegt Meister, was er ihnen später erzählen wird. An sein eigenes „legendäres“ KonfiCamp erinnert er sich noch gut. Mehr an die Freizeit als an die Inhalte, gibt er zu. Sein Pastor habe schon damals in ihm die Idee gezündet, nach dem Abitur Theologie zu studieren. „Und mein Konfirmandenspruch ist bis heute mein liebster Bibelvers: Psalm 86,11“, sagt er.

Wenn dieses letzte KonfiCamp am Sonntag zu Ende geht, haben die Organisatoren ein paar Wochen Zeit, um das Gelände aufzuräumen. Die Stadt würde eine Nachnutzung begrüßen, heißt es, und auch um das nun bewährte Konzept von „Trust & Try“ wäre es schade, würde die XXL-Freizeit nicht über das 500. Reformationsjubiläum hinaus fortgeführt. Gerade Gemeinden mit wenigen Konfirmanden und begrenzten Möglichkeiten genießen die Gemeinschaft in Wittenberg und den leichten Zugang zur Geschichte der Reformationsbewegung an deren Ausgangsort.

Das KonfiCamp im Zentrum Deutschlands, vor den Toren des evangelischen Jerusalems, soll nach diesem Jahr nicht vorbei sein, wünscht sich die Campleitung. Und der Bischof hofft, „dass die Konfirmanden den Spirit des Lagers mitnehmen, sich noch lange an diesen Sommer erinnern und sich dann vielleicht auch selbst in der Kirche engagieren.“

Landesbischof Meister auf dem Konficamp in Wittenberg

Mit Camps und Zelten vertraut: Landesbischof Ralf Meister zu Besuch im KonfiCamp. Er wurde 2017 zum Vorsitzenden der Stiftung „Pfadfinden“ des Verbandes „Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (VCP) gewählt.

vergnügt.erlöst.befreit: „Fest für alle“ in Hannover

Der Besucheransturm hat alle Erwartungen übertroffen. Rund 120.000 Menschen drängten sich am Sonnabend in Hannover nach Veranstalterangaben bei einem „Fest für alle“ der evangelischen Kirche durch die Altstadt. Anlass war das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr.

Alle Bürger, egal welcher Konfession, Religion oder Weltanschauung, seien willkommen, denn die Reformation sei von ihrem Ursprung her eine Bürgerbewegung gewesen, betonte der hannoversche Stadtsuperintendent Martin Heinemann: „Wir feiern Geburtstag und freuen uns über alle, die kommen.“ Das gelte auch für Einkäufer und Passanten, die an dem Wochenende in der Stadt seien. Unter dem Motto „vergnügt.erlöst. befreit.Leben“ organisierten die Initiatoren den ganzen Tag bis 24 Uhr ein umfangreiches Musik- und Kulturprogramm rund um die zentralen Kirchen, Häuser und Plätze der City. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister lobte die lockere Fröhlichkeit der Angebote: Posaunenmusik am Historischen Museum, Plattdeutsch vor dem Ballhof-Theater und Thesenanschläge rund um die Marktkirche. Die Kirche präsentierte sich bunt, musikalisch und kreativ. Von Verhüllungskunstwerken über Posaunenmusik bis hin zu Hip-Hop mit Rapper SPAX war alles dabei.

Rund um die Marktkirche informierten kirchliche Einrichtungen in weißen Pavillons über ihre Arbeit. Die Johanniter etwa präsentierten eine ihrer Rettungshundestaffeln. Die Friedensarbeit vom Haus kirchlicher Dienste zeigte einen „Crazy-Quilt“, den rund 80 Beteiligte aus Fetzen einer Uniform und Botschaften zu Krieg und Frieden zusammengenäht hatten. Die Flughafenseelsorge, das diakonische Zahnmobil für Obdachlose und das Evangelische Flüchtlingsnetzwerk mit seiner fahrenden Fahrradwerkstatt waren ebenfalls vertreten.

Für besonderes Aufsehen sorgte Künstlerin Kerstin Schulz, die zum einen in der Marktkirche ein begehbares Zimmer aus 500.000 Bleistiften aufgebaut hatte. Zum anderen hatte sie das Luther-Denkmal vor der Kirche in lilafarbenes Geschenkpapier gehüllt. „Viele finden das ganz furchtbar, andere loben die Aktion“, sagte sie.

Am Stand der Evangelisch-reformierten Kirche konnten Besucher schließlich selbst gewählte Bibelverse per Hand aufschreiben. Die Seiten sollen später als „Neue Hannover Bibel“ hochwertig eingebunden werden. Auf eigens aufgestellten Flächen konnten an vielen Orten individuelle Thesen angeschlagen werden. Auf einer großen Wand der Diakonie waren etwa Forderungen nach kostenloser Bildung für alle und nach mehr Investitionen in den Frieden zu lesen.

Zahlreiche Zuhörer verfolgten am Nachmittag verschiedene Podiumsdiskussionen, unter anderem mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. Er forderte mehr Qualitätsjournalismus: „Journalisten müssen das wirklich Wichtige aus der großen Flut von Informationen auswählen.“ Nachrichten über den weltweiten Hunger mit mehr als 20.000 Toten täglich spielten im Vergleich zu Klatschmeldungen etwa gar keine Rolle.

Die ehemalige Landesbischöfi n Margot Käßmann hatte das Fest eröffnet und an die Internationalität des Reformationsjubiläums erinnert. Es werde gemeinsam mit Christen aus Afrika, Asien, Nord- und Südamerika gefeiert, sagte die EKD-Reformationsbotschafterin. „Gerade in Zeiten, in denen Nationalismus neu wächst, ist das ein Zeichen: „Wir sind Geschwister im Glauben über nationale Grenzen hinweg und lassen uns nicht länger gegeneinander ausspielen.“

Visionen für die Zukunft: Schüler gestalten 50 Thesentüren

Die Schülerinnen und Schüler der Alexanderschule Wallenhorst sind stolz auf ihre Tür.

In den Kunsträumen von 40 Schulen aus Stadt und Landkreis Osnabrück sind in den Wochen vor den Sommerferien 50 Thesentüren entstanden. Zur Kulturnacht wurden sie vor dem Dom in Osnabrück aufgestellt. „Reformation ist auch ein Bildungsthema. Deshalb waren uns von Anfang an Angebote wichtig, die es Jugendlichen und Schülern ermöglichen, ihre Gedanken und Anknüpfungspunkte zum Thema Reformation und Gesellschaft mit eigenen Mitteln zum Ausdruck zu bringen“, so Birgit Klostermeier, Landessuperintendentin im Sprengel Osnabrück und Sprecherin für die Trägergemeinschaft „500 Jahre Reformation – Region Osnabrück“. Das Projekt „Türen in die Zukunft“ bot dafür einen sehr praxisorientierten Rahmen.

Anknüpfend an den legendären Thesenanschlag 1517 in Wittenberg sind es im Reformationsjahr 2017 Schülerinnen und Schüler aus Stadt und Landkreis Osnabrück, die ihre Forderungen und Vorstellungen zur Zukunft der Gesellschaft auf einer massiven Thesentür zum Ausdruck bringen. Von Grundschule über Waldorfschule bis zu Berufsbildenden Schulen sind alle Schulformen bei dem Projekt „Türen in die Zukunft“ vertreten. Für die Aufstellung der 50 massiven Holztüren, durch die man auch durchschreiten kann, stellte das Bistum den Platz vor dem Dom zur Verfügung. Bei herrlichem Sommerwetter fanden die Türen während der Kulturnacht am 26. August große Beachtung und viel Bewunderung. „Ein tolles Projekt“ und „Mich bewegt das sehr, zu sehen und zu lesen, wie junge Menschen ihre Welt wahrnehmen“, so einige Rückmeldungen an dem Informationsstand.

Wunsch und Wirklichkeit beim Thema Pflege bilden die Schülerinnen und Schüler der Diakonie Pflegeschulen in Osnabrück auf Vorder- und Rückseite ihrer Tür ab. Am Ratsgymnasium stellen sich die 6. Klassen aus dem evangelischen Religionskurs im Zusammenhang mit dem Freiheitsbegriff die Frage „Was hat uns in der Hand? Wovon werden wir gesteuert?“ In neongelber Farbe haben die Schüler der Klasse 8b der Alexanderschule Wallenhorst ihre persönlichen Erfahrungen in der Gesellschaft als Schlagworte auf eine lackschwarze Tür gesprayt. Sie bleibt einen Spalt offen, als Zeichen der Hoffnung auf einen Ausweg. An den Berufsbildenden Schulen am Pottgraben gestalten die medizintechnischen Fachangestellten ihre Tür als zweigeteilten Blick auf die Welt: schwarz-weiß und negativ auf der einen, visionär und hoffnungsvoll auf der anderen Seite. Mit Blick auf das offene Portal des Doms steht ein Türrahmen, dessen Türblatt zum Weg geworden ist, der auf die Ökumene hinweist.

Während der Kulturnacht am 26. August haben Besucher ihre eigene These auf die noch unbearbeitete 50. Tür genagelt. Als Erstes kamen die Kinder – mit ganz klaren Vorstellungen von einer besseren Welt. „Friedlich, schön, die Menschen sollen sich verstehen“, dichtete Cedric. „Krieg soll verboten werden“, nagelte Lennard daneben. Am Ende der Nacht war die Bürgertür voller Thesen. „Den ganzen Tag über sind die Türen ein Magnet. Die Leute setzen sich intensiv damit auseinander und kommen ins Gespräch. Darüber freuen wir uns total, denn so haben wir uns das gewünscht“, sagen Jana Cordes und Brigitte Neuhaus, die den Informationsstand „Türen in die Zukunft“ betreut haben.