"Orgeln" wird Weltkuturerbe

Jetzt ist es offiziell: In vielen Dorfkirchen schlummert ein Weltkulturerbe. Denn die Tradition von Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland ist in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen worden.

Insgesamt bewarben sich Länder mit 23 Traditionen um einen Platz auf der UNESCO-Liste, die bereits mehr als 360 Titel aus Bereichen wie Tanz, Theater, Musik und Handwerk umfasst. Das Entscheidungskomitee würdigte – neben der Kunst der neapolitanischen Pizzabäcker und der türkischen Pfeifsprache – die Kunst des Orgelbaus. Zum Beispiel der Arp-Schnitger-Orgel in Oederquart ...

Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten wurde am Ostersonntag 2017 die historische Arp-Schnitger-Orgel in der evangelischen St.-Johannis-Kirche von Oederquart in einem Festgottesdienst neu eingeweiht. Mehr als 650.000 Euro hat die Wiederherstellung des Instrumentes gekostet, die der barocke Orgelbaumeister Arp Schnitger (1648-1719) zwischen 1678 und 1682 errichtet hat.

Der Stader Regionalbischof Hans Christian Brandy bezeichnete das Instrument in seiner Predigt als „Kehdingens schlafende Königin“, die nun wieder wach  und lebendig sei. Eine Schnitger-Orgel stelle eine kulturelle Verpflichtung dar, der sich niemand entziehen könne, sagte Brandy mit Blick auf Kritik an den hohen Kosten: „Es ist eben ‚Weltklasse auf dem Dorf‘.“

Die Orgel in der Kirche des kleinen Dorfes nahe der Elbe im Nordkehdinger
Land zwischen Stade und Cuxhaven gilt unter Experten als einzigartig. „Es ist Schnitgers erstes selbstständiges Werk“, sagte Orgelbaumeister Rowan West aus Ahrweiler bei Bonn. Der Spezialist für Schnitger-Orgeln bekam 2013 den Auftrag, das Instrument in drei Bauabschnitten zu restaurieren.

Die Intonation des Instruments sei kompliziert gewesen, sagte West. „Den  Schnitger-Klang hinzubekommen, ist die schwierigste Aufgabe, die sich einem Orgelbauer im 21. Jahrhundert stellen kann. Dahinter liegen Geheimnisse und Bautechniken, die wir nicht mehr kennen, und hinter die wir jetzt, 300 Jahre später, erst Stück für Stück kommen.“ Die Restaurierung war notwendig geworden, weil ein durchgreifender Umbau vor mehr als 100 Jahren zum Verlust vieler Pfeifen aus der Schnitgerschen Werkstatt geführt hatte. Später wurden bei Sanierungsarbeiten zudem Kunststoffe und Filz verwandt, die sich langsam auflösten.

Die Landeskirche, die hannoversche Klosterkammer, die EU, Stiftungen, der Lions-Club, Firmen und viele Privatspender haben sich an den Restaurierungskosten beteiligt.

Orgelentdeckertage für Kinder: Einmal alle Register ziehen

Als die Orgel loslegt, lauschen 36 Kinderohren ganz gebannt: Sehr leise, sehr zart und sehr hoch ist der erste Ton, den Joachim Vogelsänger dem Instrument entlockt und den er gleich zur Melodie ausweitet. „Das kenne ich, das ist aus der Sendung mit der Maus“, ruft Janosch (5) begeistert.

Der Mann, der die bekannte Kindermelodie spielt, nickt. „Richtig, das ist die Babymaus“, sagt der Kirchenmusikdirektor und verspricht: „Jetzt kommen Papa, Mama und Opa Maus dazu.“ Laute und leise, hohe und tiefe, klare und scheppernde Töne – das klingt wie eine große Mäusefamilie.

Die Maus-Melodie gehört sicher nicht zum üblichen Musikrepertoire, das in der altehrwürdigen Lüneburger St.-Johannis-Kirche erklingt. Aber: Es sind auch nicht die üblichen Zuhörerinnen und Zuhörer, die Joachim Vogelsänger an diesem Morgen lauschen. Die Kinder des Kindergartens St. Johannis machen eine Entdeckungsreise zur Orgel – und haben dabei jede Menge Aha-Erlebnisse.

Veranstaltet werden die „Orgelentdeckertage“, an denen landeskirchenweit 18 Kirchen beteiligt sind, vom Musikvermittlungsprojekt VISION KIRCHENMUSIK und der Orgelakademie Stade. Die Lüneburger St.-Johannis-Kirche war schon bei der Premiere im vergangenen Jahr dabei, nun hat Kirchenmusikdirektor Joachim Vogelsänger neben Grundschulkindern erstmals einen Kindergarten zu Besuch.

Vogelsänger postiert sich mit seinen jungen Gästen im Kirchenschiff und nimmt das imposante Instrument von dort aus in Augenschein. Schließlich handelt es sich nicht um irgendeine, sondern um die berühmte „Bach-Böhm“-Orgel aus dem 16. Jahrhundert. „Die ist 464 Jahre alt, so alt wird kein Mensch“, stellt Vogelsänger klar. Und er hat noch eine Zahl: Aus 3.865 Pfeifen besteht die Orgel: „Die meisten sieht man nicht, die stecken innen drin.“

Mehr als für Zahlen interessieren sich die Kinder für die vielen Figuren und prachtvollen Verzierungen. Mit gereckten Hälsen zählen sie auf, was sie sehen: Sonne, Mond und viele „Engel, die Musik machen.“ Joachim Vogelsänger erklärt: „Engel sind ganz nah bei Gott. Sie machen Musik, um Gott zu danken, dass er uns ganz toll gemacht hat.“

Dann geht es hinauf zur Empore: Die Steintreppe fasziniert die Jungen und Mädchen, schließlich ist sie steil, alt und eng. Dass hier einst der 15-jährige Orgelschüler Johann Sebastian Bach hinaufstieg, erzählt Vogelsänger nebenbei: „Der hat die schönste Orgelmusik geschrieben, die es gibt.“

Als der Musiker auf der Orgelbank Platz nimmt und ihm die Kinder dicht auf die Pelle rücken dürfen, ist die Scheu komplett verflogen: Sie ziehen an den „dicken Knöpfen“ rechts und links und lauschen, wie sich der Klang verändert. Sie staunen, dass man auch mit den Füßen spielen kann und singen mit Orgelbegleitung „Halte zu mir, guter Gott“. „Du kannst ganz gut Orgel spielen“, attestiert Emma (5) dem Kirchenmusikdirektor zum Abschluss. Mit Emily (4) ist sie sich einig: „Orgel ist cool. Das will ich auch lernen.“

STICHWORT Orgelbaumaßnahmen

Insgesamt wurden 2017 in der hannoverschen Landeskirche 24 Orgelbaumaßnahmen durch das Landeskirchenamt kirchenaufsichtlich genehmigt (2016: 41; 2015: 40; 2014: 33). Darüber hinaus wurden weitere Orgelprojekte gefördert und begleitet. Vor Ort kümmern sich Orgelrevisoren um die wertvollen und zum Teil historischen Instrumente. Weiterhin gibt es Hunderte von sanierungsbedürftigen Orgeln (insbesondere Orgeln mit Schimmelbefall), bisher konnte aber nur ein Teil der Maßnahmen beantragt bzw. begonnen werden. Auf einer Warteliste werden anstehende Orgelbaumaßnahmen
in einem Gesamtvolumen von ca.
5,35 Millionen Euro und einem erwarteten Finanzierungsanteil
der Landeskirche von ca. 1,6 Millionen Euro
geführt. Darüber hinaus wurde 2017 die Überarbeitung
der Aufstellung aller Orgeln der Landeskirche geplant.

Da gibt´s nur eins: Staunen! So wie Kinder beim Orgelentdeckertag
in Lüneburg.