Ein schlafender Riese namens Gemeindebrief

Zum ersten Mal wurde in Hannover der Gemeindebriefpreis der Evangelisch- lutherischen Landeskirche Hannovers verliehen. Der mit 1.500 Euro dotierte 1. Preis für das beste Gesamtprodukt ging an den Gemeindebrief „Kirche für die Stadt“ aus Göttingen. Den 2. und 3. Preis erhielten Gemeindebriefe aus Osnabrück. Insgesamt wurden zehn Gemeindebriefe aus ganz Niedersachsen ausgezeichnet.

„Gemeindebriefe sind nach wie vor die kirchlichen Publikationen mit der größten Breitenwirkung und bilden als Visitenkarten die Vielfalt des Gemeindelebens ab“, sagte Landesbischof Ralf Meister bei der Preisverleihung. Projektleiter Marcus Buchholz ergänzte: „Die Jury hat sich bei der Auswahl aus 188 Bewerbungen schwer getan, die zehn Besten herauszusuchen“. Am Ende zählten aber in allen Kategorien die klaren Regeln: Grafische Gestaltung, redaktionelle Qualität, inhaltliches Profil, Aufmerksamkeitswert und die Einbettung im Öffentlichkeitskonzept der Gemeinde.

Nahezu 1.000 Gemeindebriefe gibt es im Bereich der größten Landeskirche Deutschlands – jeweils mit eigenen Redaktionen, regelmäßiger Berichterstattung, Verantwortlichen für Texte, Bilder, Anzeigen, Druck und Verteilung. Umfragen haben ergeben, dass sie intensiv gelesen werden. Sie sind damit das in Reichweiten stärkste Printprodukt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Platz 1: Göttingen will alle erreichen
„Kirche für die Stadt“ nennt er sich, der Gemeindebrief der Göttinger Innenstadtgemeinden. Mit einem Sonderthema pro Quartal: Kirche und Staat, Organspende, Reformation, Einsamkeit – zahlreiche kirchennahe, gesellschaftlich-ethische, aber auch seelsorgerliche Schwerpunkte standen bereits auf der Agenda und wurden teilweise sogar strittig diskutiert. „Ja, es wird auch mal leidenschaftlich hier“, gibt Pastor Martin Hauschild zu. Er ist bei der heutigen Redaktionssitzung in der Rolle des Chefredakteurs anzutreffen und hat mittels Laptop und Beamer die zu besprechende Version des nächsten Gemeindemagazins an die Wand projiziert. „Ich meine, wir sind etwas textlastig diesmal“, stellt Hauschild selbst fest, und sein Stellvertreter, Pastor Harald Storz, pflichtet ihm bei: „Richtig. Stimmung erzeugt man über Bilder, nicht über Worte.“ Also wird hier noch ein Foto versetzt und dort noch ein Bild vergrößert. Seit dem Gründungsjahr 2012 sind inzwischen 21 Ausgaben des Gemeindemagazins erschienen. „Dabei stehen wir hier in Göttingen in Konkurrenz zu vielen anderen bunten Stadtmagazinen. Und genau das ist unser Anspruch: Wir können es mit den anderen Blättern aufnehmen“, ist sich das Team einig.

Dass auch Menschen das Magazin lesen, die keiner der sechs Gemeinden angehören, komme auch vor. „Mich sprach schon ein Mann an, der das Blatt dennoch von A bis Z liest“, berichtet Julia Beyer. Und Eva Hildermeier ergänzt: „Oder die Kioskbesitzerin, die regelmäßig fragt, wann denn das nächste Heft erscheint.“

Nicht nur die Redaktionsmitglieder haben dank ihres gemeindeübergreifenden Magazins die Möglichkeit, über den Tellerrand ihrer eigenen Gemeinde hinauszuschauen. „Das Kalendarium wird zum Beispiel sehr geschätzt und ist ein Riesenvorteil“, finden die Göttinger.

Platz 2: Osnabrück will begeistern
Im Redaktionsteam des Gemeindebriefes der St.-Katharinen-Gemeinde Osnabrück ist jeder Profi in seinem Bereich. Bei Pastorin Andrea Kruckemeyer (Foto/rechts) laufen die Fäden zusammen. Ihr Anspruch: „Wir legen Wert auf gute Fotos. Sind Fotos nicht gut genug, kommen sie nicht in den Gemeindebrief“.

Beim Blick in den Gemeindebrief von St. Katharinen wird deutlich: Die Macher setzen auf Liebe zum Detail, Offenheit und Eigenständigkeit. Nur weil ein Artikel so richtig in keine Rubrik passe, sei das kein Grund, ihn nicht zu veröffentlichen.

Auch ungewöhnliche Formate haben ihren Raum. Zum Thema Arbeit im Kirchenvorstand hat es beispielsweise einen Fragebogen gegeben. Auch der Input an Texten und Bildern von Gemeindegliedern und Gemeindegruppen sei sehr gut, berichten die Redaktionsmitglieder.

Und wenn sie das Ziel ihrer Arbeit auf den Punkt bringen sollen? „Wir möchten zeigen, so kann Kirche sein. Kirche ist nicht verstaubt“, formuliert Andrea Kruckemeyer. Und Diakonin und Autorin Lisa Neumann ergänzt: „Wir wollen begeistern.“

Der Gemeindebrief ist das „Leitmedium“ der Kirche

Noch zwei Stunden bis zum Andruck, für drei Meldungen ist noch Platz: Kirchenvorstand, Bachkonzert, Kindergottesdienst – Themen gibt es genug. Die Zeit drängt, der Gemeindebrief muss in den Druck. In gut 10.000 Briefkästen soll er in einer Woche liegen: unser Gemeindebrief. Er kommt zu den Menschen – gratis, einfach so.

Kirche, konkret, vor Ort: Der Gemeindebrief ist nach wie vor das Leitmedium von Kirchengemeinden in Deutschland. Das zeigt das Ergebnis der EKD-Mitgliedschaftsuntersuchung aus dem Jahr 2014. Es wurde gefragt, durch welche Medien sich die Mitglieder der evangelischen Kirche über kirchliche und religiöse Themen und Inhalte informieren. 18 Prozent der Befragten geben an: über den Gemeindebrief.

Der Gemeindebrief ist das Bindeglied für viele Gemeinden, die zusammen wachsen wollen, auf der Suche nach einem neuen Profil sind. Der Gemeindebrief ist ein Geh-Medium: Im Gegensatz zum Internet, bei dem Inhalte von den Nutzern gefunden werden, wenn sie auch gesucht und besucht werden, „geht“ er auf direktem Weg zu den Menschen im Ort und lädt zur aktiven Beschäftigung ein.

Der „schlafende Riese“, das ist der Gemeindebrief. Das war 1995 das Ergebnis einer Studie der Evangelischen Publizistik, und das belegen ebenso aktuelle Ergebnisse. So hat etwa die Mitgliederbefragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD ergeben: 42 Prozent aller Befragten nehmen ihre Kirchengemeinde durch den Gemeindebrief wahr, 20 Prozent durch die Tageszeitung, nur 19 Prozent durch den Gottesdienst. Unter den 21- bis 25-jährigen Befragten sind es sogar 43 Prozent, die etwas über ihre Kirchengemeinde durch den Gemeindebrief erfahren. Die aktuellen Ergebnisse der Befragung „Wie geht´s der Kirchengemeinde“ durch das Sozialwissenschaftliche Institut dokumentieren: „An vorderster Stelle wichtiger Aufgabenbereiche sind Gottesdienst, Konfirmandenarbeit, Arbeit mit Kindern, Gemeindebrief positioniert.“

Der Gemeindebrief unterliegt dabei neuen Herausforderungen: Gerade in Regionalisierungs- oder Fusionsprozessen von Kirchengemeinden bildet der Gemeindebrief das entscheidende Scharnierstück. Damit wird das Profil der Gemeinden geschärft, das einheitliche Gesicht von Kirche im Stadtteil oder Landkreis in der Öffentlichkeit präsentiert.

Die hohe Auflage der Gemeindebriefe, die extrem große Reichweite und der Stellenwert des Gemeindebriefes bei vielen Kirchengliedern, aber auch Distanzierten erfordern ein hohes Maß an Professionalität an die Redaktionen vor Ort. Layout, Themenauswahl, journalistischer Anspruch, Finanzierung sind dabei die Schlagworte. Und übrigens: Mit einer Auflage von mehr als 115 Millionen Exemplaren jährlich bilden die Gemeindebriefe den größten Bereich der Evangelischen Publizistik. Von 81 Prozent der evangelischen Gemeinden in Deutschland wird ein Gemeindebrief herausgegeben, das sind rund 14.000 Stück, die in einer durchschnittlichen Auflage von mindestens 1.000 Exemplaren meist vierteljährlich erscheinen.

Der Gemeindebrief kann sogar noch mehr: Die Untersuchungen über Gemeindebriefe zeigen deutlich: Der Gemeindebrief ist ein wichtiges Medium der Gemeindearbeit und wesentliches Instrument zur Mitgliederkommunikation: Er informiert und begleitet die Menschen. Der Gemeindebrief trägt zur Mitgliedergewinnung bei, indem er über Angebote und Aktivitäten der Gemeinde berichtet. Und: Der Gemeindebrief vermittelt das Gefühl der Heimat- und Gemeindeverbundenheit und schenkt Glaubensgewissheit. Mehr geht nicht.

Auf dem Bild: Projektleiter Marcus Buchholz, Pastor und Journalist

Gemeindebrief in der Landeskirche

Weitere Auszeichnungen für folgende Gemeindebriefe

3. Preis:
Gemeindebrief der Michaelis-Kirchengemeinde und der Nordwest-Kirchengemeinde Osnabrück

Sonderpreis Andacht:
Gemeindebrief der Martin-Luther-Kirchengemeinde Hannover-Ahlem

Sonderpreis Format:
Gemeindebrief „Unsere Gartenkirche“ der Gartenkirche St. Marien, Hannover

Sonderpreis Foto:
Gemeindebrief „Kontakte“ der Kreuzkirchengemeinde und der St.-Johannis-Kirchengemeinde Langendamm

Sonderpreis Jugend:
Kirchenkreismagazin des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz

Sonderpreis Kinder:
„Kirchennews für Kids“ der Kirchengemeinden Aschendorf und Dörpen

Sonderpreis Reformation:
Gemeindebrief „kirche³“ der Kirchengemeinden Hassel, Eystrup und Haßbergen

Sonderpreis Thema:
Gemeindebrief „Brücke“ der Christus-, Kreuz- und Martin-Luther-Kirchengemeinden in Nordhorn

Das Redaktionsteam des Gemeindebriefes der St.-Kathrinen-Gemeinde

Eine Umfrage unter den 188 eingesendeten Gemeindebriefen zum Gemeindebriefpreis liefert spannende Ergebnisse über die Gemeindebrieflandschaft in unserer Landeskirche:
Wie hoch ist die Reichweite? Fast 1,8 Millionen Leserinnen und Leser erreichen die eingesendeten Gemeindebriefe pro Ausgabe. Ein üblicher Leser-pro-Exemplar-Faktor (LpE) liegt bei etwa 2,5. Dabei wird unterstellt, dass auf ein verbreitetes Printexemplar etwa 2,5 Leser kommen. Die Auflage der 188 eingereichten Gemeindebriefe liegt bei einer Stückzahl von 713.423 pro Ausgabe. Multipliziert mit dem Faktor 2,5 landen wir bei 1.783.557 potenziellen Leserinnen und Lesern. Was für eine Zahl, was für eine publizistische Größe!
Wer bekommt den Gemeindebrief? 78,7 Prozent der Gemeinden verteilen den Gemeindebrief in alle Haushalte im Dorf oder Stadtteil. 18,1 Prozent geben ihn ausschließlich an die Mitglieder weiter. Bei 3,2 Prozent ist es unterschiedlich. In 126 Fällen wird der Gemeindebrief zusätzlich an öffentlichen Orten ausgelegt, wie etwa Banken, Apotheken oder Arztpraxen.
Wie oft erscheint der
Gemeindebrief?
Bei 68,6 Prozent erscheint der Gemeindebrief vierteljährlich. 12,8 Prozent veröffentlichen ihren Brief alle zwei Monate, also sechsmal im Jahr.
Wer sind die Partner? 147 Gemeindebriefe haben keinen Partner, 39 Gemeindebriefe werden von mehreren Gemeinden gemeinsam herausgegeben. In zwei Fällen ist er ein ökumenisches Produkt.
Wie wird verteilt? 141 Gemeindebriefe werden durch Ehrenamtliche verteilt, in 18 Fällen gibt es zusätzlich einen Postversand.
Wie viele arbeiten in der Redaktion mit? Die typische Mitgliederzahl einer Redaktion liegt bei vier bis fünf Personen. (18,1 und 18,6 Prozent). Selten sind es nur zwei Personen (3,7 Prozent) oder mehr als acht.
Welches Programm wird
benutzt?
Die meistgenutzten Programme zur Erstellung eines Gemeindebriefes sind InDesign (45 Prozent) und Publisher (21 Prozent), 11 Prozent produzieren den Gemeindebrief mit Word. Andere Programme wie Scribus oder Quark- Express bilden die Minderheit.
Welche Bildquellen? 95,7 Prozent der Redaktionen geben an, eigene Bilder zu drucken, weitere typische Quellen sind gemeindebrief.de oder Pixelio.de. Bilder-e wird mit ansteigender Tendenz genutzt.
Wie wird der Gemeindebrief
finanziert?
70,2 Prozent finanzieren den Gemeindebrief über Anzeigenschaltung mit. 37,8 Prozent nehmen Spenden für die Gemeindebriefarbeit ein.
Was sind die  Wünsche für die Zukunft? Viele Redaktionen (37,2 Prozent) wünschen sich eine Optimierung in der Redaktionsarbeit, 26,6 Prozent) möchten Schwerpunktthemen in Zukunft setzen, auch die Themen Verteilung und Layout stehen auf der Wunschliste.