Die Landeskirche diskutiert das „Fundament“

„Jetzt mitdiskutieren: www.kirchenverfassung2020.de“ – so lautete ein ungewöhnlicher Aufruf der Landeskirche, der das Jahr 2017 in besonderer Weise prägte. In einem nie dagewesenen Partizipationsprozess wurde über die Zukunft der Kirche debattiert. Nach mehr als 50 Jahren begann die hannoversche Landeskirche ihre Verfassung grundlegend zu überarbeiten und zu erneuern.

Dafür besuchten Mitglieder des Verfassungsausschusses über 70 Veranstaltungen zwischen Aurich und Göttingen, Osnabrück und Wolfsburg und stellten den Verfassungsentwurf in zahlreichen Gremien vor. Außerdem gab es mehr als 400 Rückmeldungen und Änderungsvorschläge. So wurde der Verfassungsprozess zu einer Mitgliederbefragung der besonderen Art ...

Zum Auftakt hatte ein Verfassungsausschuss den 75 Delegierten der Landessynode einen Entwurf zu einer Verfassungsrevision vorgestellt. Dies war auch höchste Zeit: Die bisherige Kirchenverfassung stammt aus dem Jahr 1965. Ein leitender Gedanke müsse dabei sein, Vielfalt und Kreativität in der Kirche zu ermöglichen, sagte der Vorsitzende des Landessynodalausschusses, Jörn Surborg, zu Beginn der Frühjahrstagung 2017 des evangelischen Kirchenparlamentes in Hannover. Es gehe darum, die „Zeit des Übergangs zu gestalten von der Volkskirche, wie sie sich nach 1945 in diesem Land entwickelt hat, zu einer Minderheitskirche, die hoffentlich den Anspruch und die Kraft behält, das Volk nicht aus dem Blick zu verlieren“, sagte Surborg. Vorgaben müssten dabei auf Notwendiges reduziert werden und Räume zum Verändern eröffnet werden.

Präsident Matthias Kannengießer stellte dem in Hannover tagenden evangelischen Kirchenparlament den ausführlichen Entwurf einer Revision mit 85 Einzelartikeln vor. Im Kern gehe es darum, den Gemeinden mehr Freiräume für die Zukunft zu ermöglichen. „Wir wollen die heutige Kirchenwirklichkeit besser in der Verfassung wiedergeben“, sagte Kannengießer. Die Verfassung dürfe kein „Korsett“ sein, sondern müsse Raum für neue Entwicklungen und Veränderungen bieten.

Nach dem Entwurf sollen die derzeit 1.266 Gemeinden der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland unter anderem mehr Möglichkeiten erhalten, sich als traditionelle Ortsgemeinde oder als themenorientierte „Personalgemeinde“ zu organisieren. Strukturen sollen schlanker werden, um Doppelarbeit zu vermeiden. So soll der sogenannte „Kirchensenat“, ein „Runder Tisch“ der kirchenleitenden Organe, entfallen. Seine Aufgaben sollen verteilt werden – so soll etwa künftig ein Personalausschuss über die Besetzung leitender Stellen entscheiden. In der Debatte sorgte vor allem dieser Punkt für Diskussionsstoff.

Der Entwurf räumt Jugendlichen mehr Beteiligungsmöglichkeiten in den Gremien ein. Die Kirchenkreise als mittlere Ebene zwischen Ortsgemeinde und Landeskirche werden ausführlicher beschrieben als bisher. Der Neufassung sind anders als bisher theologische Grundaussagen vorangestellt, die unter anderem Bezug auf die „Barmer Theologische Erklärung“ von 1934 nehmen. Damit hatte sich damals die „Bekennende Kirche“ gegen die Kirchenpolitik der Nationalsozialisten gewandt. Der Entwurf betont zudem, dass Juden nicht zum „Religionswechsel“ bewegt werden sollen.

Der Text von 1965 verwende noch eine „hoheitlich-aufsichtliche Sprache“, die nun durch eine einladende und „gendergerechte“ Sprache abgelöst werden solle. Das Konzept soll in den Gemeinden und Kirchenkreisen sowie in der Synode ausführlich beraten werden. Im Januar 2020 könnte die neue Verfassung in Kraft treten.

Kirchenverfassung 2020

Ein eingemauerter Grundstein und eine Säule – Symbole für die Verfassung einer Kirche? Zu sehen in der Michaeliskirche in Hildesheim.

Neue Verfassung soll Wirklichkeit besser abbilden

Herr Dr. Mainusch, als Jurist im Landeskirchenamt sind Sie mit anderen für den Entwurf der neuen Verfassung zuständig. Was ist der Hauptkritikpunkt an der alten Verfassung? Vieles hat sich in den letzten 50 Jahren verändert. Die jetzige Verfassung spiegelt nicht mehr die Wirklichkeit, in der wir heute leben. Die Sprache ist nicht mehr zeitgemäß und wenig einladend. In dem Entwurf für die neue Verfassung geht es deshalb um die Frage, wie wir unter den heutigen Bedingungen den „bestmöglichen Rahmen für die Wahrnehmung des Auftrags der Kirche“ schaffen können, wie es in Artikel 6 des Verfassungsentwurfs heißt.
Was müsste sich denn dafür in der Verfassung verändern? Wir möchten die kirchliche Wirklichkeit besser abbilden und Offenheit für neue Entwicklungen schaffen. Wir zeigen einige theologische Leitlinien auf, erinnern an den Öffentlichkeitsauftrag der Kirche und sprechen uns dafür aus, in der Landeskirche ein Zusammenleben in Vielfalt zu fördern. In besonderer Weise wollen wir die Mitwirkung und Beteiligung junger Menschen stärken. Denn sie repräsentieren die Kirche von morgen.
Wo sehen Sie die größten Änderungen, die der Verfassungsentwurf mit sich bringt? Wir wenden zum Beispiel das Subsidiaritätsprinzip konsequent an. Das heißt: Die jeweils kleinste Einheit (die Kirchengemeinde) ist mit der Durchführung von Aufgaben betraut. Nur wenn sie dies nicht leisten kann, übernimmt die nächsthöhere Ebene, der Kirchenkreis, diese Aufgaben. Dem Kirchenkreis kommt damit in diesem Entwurf eine besondere Bedeutung zu. Er ist so etwas wie die erste Gestalt der Gesamtkirche und ermöglicht die Erfahrung größerer Gemeinschaft und Vielfalt. Die wichtigste Änderung allerdings benennt Artikel 3: Neben „herkömmlichen“ Formen von Kirche wie der Gemeindebezirk, in dem ich wohne, sollen auch andere Formen kirchlichen Lebens möglich sein, von nicht rechtlich verfassten Formen bis hin zur Rechtsform der Personalgemeinde. Denn wir erleben eine Vielfalt von Zugängen zum Glauben. Dem muss auch eine Vielfalt der Formen kirchlichen Lebens entsprechen. Diese Vielfalt wollen wir unterstützen und fördern.
Wie ist dieses Nebeneinander von Ortsgemeinde und Personalgemeinde gemeint? Das ist ein echtes Experimentierfeld. Es bedeutet, dass es neben den Ortsgemeinden z. B. auch Gospelkirchen, Kulturkirchen und Jugendgemeinden geben kann. Auch Hochschulgemeinden, Gemeinden anderer Sprache oder sozial-diakonische Gemeinden sind denkbar. Gemeindeglieder können also der traditionellen Ortsgemeinde oder einer themenorientierten Personalgemeinde angehören. Über ihre künftige Gestalt und die Frage, ob sie der Ortsgemeinde gleichgestellt werden soll, wird allerdings lebhaft diskutiert.

 

Die neue Verfassung im Entwurf – Auszüge

Artikel 3 – Formen kirchlichen Lebens
(1) Kirche Jesu Christi geschieht in vielfältigen Formen kirchlichen Lebens. Sie eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Die Landeskirche unterstützt und fördert diese Formen und ihre Zusammenarbeit.
(2) Rechtliche Gestalt gewinnt kirchliches Leben insbesondere in den Kirchengemeinden und ihren Verbänden, in den Kirchenkreisen und ihren Verbänden, in der Landeskirche und ihren jeweiligen Einrichtungen sowie in den diakonischen und anderen Einrichtungen, die der Landeskirche nach kirchlichem Recht zugeordnet sind.
(3) Kirchliches Leben geschieht auch in nicht rechtlich verfasster Form. Dazu gehören Formen gemeindlichen Lebens in besonderen Lebenssituationen, an besonderen Orten, in Gemeinschaften mit besonderem geistlichem Profil sowie in Gemeinden auf Zeit.

Artikel 5 – Kirche, Staat und Gesellschaft
(2) Entsprechend ihrem Öffentlichkeitsauftrag nimmt die Landeskirche im Interesse aller Menschen Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens wahr und beteiligt sich am politischen Diskurs. Als Christinnen und Christen übernehmen ihre Mitglieder Mitverantwortung für die Gestaltung des demokratischen Gemeinwesens. Sie wirken an der öffentlichen Willensbildung mit und engagieren sich zivilgesellschaftlich.

Artikel 17 – Ortsgemeinde und Personalgemeinde
(1) Die Kirchengemeinde ist eine rechtlich verfasste Gemeinschaft von Mitgliedern der Kirche. Sie nimmt in ihrem Bereich den Auftrag der Kirche in eigener Verantwortung wahr. Sie wendet sich in Wort und Tat allen Menschen zu. Sie kann als Ortsgemeinde oder als Personalgemeinde gebildet werden.
(2) Die Ortsgemeinde ist der Zusammenschluss von Mitgliedern der Kirche in einem räumlich bestimmten Bereich. Der Personalgemeinde ordnen sich Mitglieder der Kirche nach anderen Kriterien als dem Wohnort zu, insbesondere nach geistlichem Profil, nach besonderen lebensweltlichen Bezügen oder in Anbindung an eine diakonische oder andere Einrichtung. Für Personalgemeinden können durch Kirchengesetz Regelungen getroffen werden, die von den Artikeln 20 bis 27 abweichen.