Reformation war nicht nur Männersache

Wer die Beiträge und Diskussionen zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, die Glaubensrevolution vor 500 Jahren hätten allein Männer geprägt. Vielleicht fällt der Blick noch auf Katharina von Bora, die den Reformator Martin Luther (1483–1546) heiratete und an seiner Seite ein jahrhundertealtes gesellschaftliches Gefüge zum Einsturz brachte.

„Es gab aber noch mehr mutige Frauen, die am Beginn der Neuzeit ihre Glaubensüberzeugungen selbstverantwortlich und öffentlich vertraten“, sagt die Stader Pastorin und Luther-Expertin Sonja Domröse.

Zweifellos war es Luther, der die Werte und Normen seiner Zeit am Wortlaut der Bibel überprüfte und damit auch das am Ende des Mittelalters fest verankerte Rollenverständnis der Frau ins Wanken brachte. „Bis dahin galt: Die Ehefrau wirkte in der Regel im Haus, trat nicht öffentlich auf und war weithin von Bildung ausgeschlossen – gleichsam ein Wesen zweiter Ordnung“, blickt Domröse zurück. „Das Ideal war die Frau, die sich als Nonne im Kloster zu bewähren hatte.“

Doch Luther sprach vom „Priestertum aller Gläubigen“, zu dem nach evangelischem Verständnis alle Christinnen und Christen durch die Taufe gehören. Dahinter stand die Überzeugung, dass es keines Mittlers zwischen Gott und Mensch bedarf, sondern jeder Zugang zu Gott hat. „Egal, ob Mann oder Frau“, betont Domröse, die in dieser Überzeugung einen wichtigen Türöffner für die spätere Ordination von Frauen in das Pastorenamt sieht – ein Weg, den sie Jahrhunderte später selbst gegangen ist.

In ihrem Buch „Frauen der Reformationszeit“ schildert sie in elf Biografien den weiblichen Einfluss auf die Reformation in Deutschland. Auch in einer ARD-Dokumentation macht sie deutlich, dass Frauen in den Umbrüchen damals eine ganz eigene Rolle übernommen haben. Neben der Fürstin Elisabeth von Calenberg-Göttingen wird so die Lebensgeschichte weiterer adeliger Frauen wie Argula von Grumbach oder Ursula von Münsterberg erzählt. Aber auch Namen aus dem Bürgertum gehörten dazu.

Unter ihnen setzten sich Frauen wie Katharina Zell und Ursula Weyda mit ihren Schriften für die neue evangelische Lehre ein. Die gelehrte Italienerin Olympia Fulvia Morata verließ aus Glaubensgründen sogar ihre Heimat und floh in das Land der Reformation. Für alle galt: Wer sich für die Reformation einsetzte, ging ein hohes persönliches Risiko ein.

„Die männliche Vorherrschaft geriet ins Wanken, wo Frauen nur noch Gott als höchste Autorität für sich entdeckten und akzeptierten“, bilanziert Domröse. „Mit der Würdigung biblischer Frauengestalten nahmen die Streiterinnen der Reformationszeit den Kampf um ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche auf.“

Frauen wie Argula von Grumbach (1492–1568) kannten ihre Bibel ganz genau und wussten, wie Männer sie mundtot machen wollten – beispielsweise mit dem bekannten Zitat des Apostels Paulus „Das Weib schweige in der Gemeinde“. Mit Flugschriften ging die Adlige aus Bayern dagegen an und setzte sich für die Reformation ein. In den Jahren 1523 und 1524 veröffentlichte sie zahlreiche Publikationen mit hohen Auflagen. „Sie wusste sich klug zur Wehr zu setzen. Das hat andere Frauen ermutigt“, sagt Domröse.

Am meisten beeindruckt ist die evangelische Theologin von Katharina Zell (1497–1562). Die Straßburgerin bezeichnete sich selbst als „Kirchenmutter“, veröffentlichte eigene Schriften, predigte bei Trauerfeiern und stellte sich schützend vor Glaubensflüchtlinge. Sie regte ein geistliches Amt für Frauen an und war sozial engagiert. „Sie lebte vor, wie eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Männern im Dienst der Kirche schon vor einem halben Jahrtausend hätte gestaltet werden können.“

Im weiteren Verlauf der Reformation sei der Aufbruch der evangelischen Bewegung hin zu einer Geschlechtergerechtigkeit aber nicht weiter aufgenommen worden, bedauert Domröse. „Er wurde sogar teilweise aktiv zurückgedrängt.“ Trotzdem betont die Theologin das Engagement der reformatorischen Frauen vor 500 Jahren: „Jede einzelne Biografie ist ein Beispiel dafür, wie Frauen sich immer wieder in herausfordernden geschichtlichen Ereignissen engagiert und bewährt haben.“

Auf dem Bild: Auch Frauen wie Olympia Fulvia Morata prägten die Reformation.

Der Sonntagsmaler: Katharina - eine Liebe auf den zweiten Blick

Alte Kapelle erhält neuen Namen: „Katharina-von-Bora-Kapelle“

25 Die evangelische Kapelle in Deitersen bei Einbeck hat nach fast 250 Jahren einen Namen bekommen. Der Bau aus dem Jahr 1768 wurde nach der Frau des Reformators Martin Luther, Katharina von Bora (1499–1552), benannt, teilte der Kirchenkreis Leine-Solling mit. Die ursprüngliche Kapelle wurde 1761 im Siebenjährigen Krieg zerstört. Der Neubau hatte seitdem die einfache Bezeichnung: „Kapelle in Deitersen“. Die Idee für den Namen sei bei einem Ausflug in die Lutherstadt Wittenberg am Grab von Katharina von Bora entstanden, sagte Pastor Roland Ressmann. Die örtliche Kirchengemeinde sei geprägt durch die Arbeit von vielen Ehrenamtlichen, unter ihnen zahlreiche Frauen. Diese würden das Gemeindeleben durch ihr Engagement und mit neuen Aktivitäten mitgestalten, „wie schon zu Zeiten der Reformation“. Mit einem Fest am 7. Oktober hat die Gemeinde die Namensgebung gefeiert.

Katharina von Bora war eine sächsische Adelige und Nonne und gilt als bedeutendste Frau der Reformationszeit. Angeregt durch Luthers Schriften verließ sie das Kloster und heiratete im Alter von 26 Jahren den Reformator. Die Mutter von sechs Kindern betreute unter anderem die Finanzierung der Drucke der Lutherschriften. Respekt wurde ihr auch durch ihre Beiträge an Tischgesprächen und in Briefen entgegengebracht.

Auf dem Bild: Die Katharina-von-Bora-Kapelle in Deitersen. Im Vordergrund: Pastor Roland Ressmann und Kirchenvorsteherin Silke Henne.