"Das sind wir der Wahrheit schuldig"

Nachricht Hannover, 24. November 2022

Vize-Präsident Rainer Mainusch berichtet der Landessynode über die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und den Stand auf EKD-Ebene.

Vizepräsident Dr. Rainer Mainusch

„Wir konnten viele weitere Schritte gehen. Aber es gibt noch viel zu tun.“ Rainer Mainusch, Juristischer Vize-Präsident der Landeskirche und Leiter der Rechtsabteilung im Landeskirchenamt, informierte die Landessynode an ihrem dritten Tagungstag über den Sachstand im Kampf gegen sexualisierte Gewalt innerhalb der Landeskirche sowie die weiteren Planungen

Er lieferte neben zentralen Stichworten auch klare Zahlen: In 37 Kirchenkreisen hat es Veranstaltungen zur Sensibilisierung, zum Aufbau von Schulungskonzepten oder Beratungen gegeben, fünf weitere sind bereits terminiert. 321 Mitglieder der Landeskirche haben sich bereits schulen lassen, 24 sind als Multiplikator*innen ausgebildet und können damit die Fachstelle für sexualisierte Gewalt in der Schulung unterstützen.

Die Fachstelle im Landeskirchenamt sei inzwischen voll besetzt. Mareike Dee hat sich dort nach der Sommertagung der Landessynode vor allem der Ausarbeitung und Entwicklung von Schutzkonzepten gewidmet, dies auf Basis der von der Landessynode verabschiedeten Grundsätzen. Das System von Schulungen umfasse verschiedene Module. Darunter die verpflichtenden Grundschulungen, orientiert am EKD-Standard „Hinschauen-helfen-Handeln“ (Kinder/Jugendliche, Leitung), sowie die 3-tägigen Schulungen und nachlaufende Vernetzungstreffen für Multiplikator*innen. Hinzu kommen zielgruppenspezifische Schulungen beispielsweise zur Notfallseelsorge, der Öffentlichkeitsarbeit oder der Arbeit in Schulen.

Im kommenden Jahr sind Themenschwerpunkte geplant beispielsweise zu digitaler sexualisierter Gewalt, zu sexualisierter Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen, zur Plausibilitätsprüfung sowie zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Der Themenkomplex sexualisierte Gewalt ist, so Mainusch, inzwischen auch in der Ausbildung von Pastorinnen und Pastoren fest verankert. Gegenwärtig liefen bereits Gespräche, um diese Module auch bei anderen Einrichtungen zu übernehmen. Absprachen mit dem Landesjugendpfarramt zu den Inhalten der Juleica-Schulung liefen ebenfalls. Gleiches gelte für Anwärter*innen und Auszubildenden im Verwaltungsbereich.

Neben der Prävention gilt laut Mainusch der zweite Fokus der Aufarbeitung. Zwei entsprechende Prozesse seien im September und Oktober erfolgt: Diese befassen sich zum einen mit einem Fall im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte aus den 1970-er Jahren sowie zum anderem mit der landeskirchlichen Verantwortung für Pastor Klaus Vollmer, der im Bereich der Missionarischen Dienste tätig gewesen ist. Im Kontext dieses Falles widmet sich eine Tagung Anfang Dezember mit EKD-weiter Beteiligung dem Grenzbereich „spiritueller Missbrauch – sexualisierte Gewalt“. Ein dritter Aufabreitungsprozess, der sich ebenfalls mit Gemeinschaft beschäftigt, die auch im Gebiet der Landeskirche Hannovers tätig war, werde gegenwärtig vorbereitet und soll im 1. Quartal 2023 starten.

Alle genannten Prozesse führe die Landeskirche noch auf Basis selbst entwickelter Eckpunkte, da gegenwärtig noch keine verbindlichen Grundlagen zwischen der EKD und der UBSKM, der Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs, vorlägen. Bis zu deren Verabschiedung gelten für Aufarbeitungsprozesse der Landeskirche Hannovers folgende Aspekte:  Mitglieder der Kommission stehen nicht in institutioneller Verbindung zur Kirche. Sie arbeiten völlig unbeeinflusst und werden durch die Landeskirche Hannovers umfassend unterstützt. Die Veröffentlichung gestalten die Mitglieder einer Kommission vollkommen selbständig.

Die Landeskirche beteilige sich überdies an einer EKD-weit angelegten Studie eines Forschungsverbundes mit insgesamt 6 Teilprojekten (ForuM-Studie). Sie unterstützt die Studie mit folgenden Aspekten: mit einer Einzelfallstudie zum Handeln eines Pastors, der von den 1970er Jahren bis gegen Ende der 1990er Jahre zunächst in Wolfsburg und dann im KK Hittfeld tätig war; sie liefert wie alle Landeskirchen umfangreiches Material zu statistischen Angaben über sexualisierte Gewalt und unterstützt die Quellenstudien vor allem zu Fallakten der Aufarbeitungskommission, die über Leistungen in Anerkennung erlittenen Unrechts gewährt. Dies sind seit 1945 angelegte Disziplinarakten im Landeskirchenamt und im landeskirchlichen Archiv. Im zweiten Teilschritt gehe es um die Erhebung, wo noch weiteres Material vorhanden sein könne. Bereits begonnen habe die Identifikation und Aufbereitung der Daten für die Forschungsgruppe innerhalb der Fälle aus Archiv und Disziplinarakten von Pfarrpersonen.

In Zusammenarbeit mehrerer Landeskirchen und der EKD sei für den Januar 2023 die Beauftragung einer Literatur Vorstudie geplant: „Verharmlosung von Pädosexualität im reform- und sexualpädagogischen Diskurs im Raum der evangelischen Kirche“. Dabei, so Mainusch, gehe es um Helmut Kentler, einen Professor für Sozialpädagogik an der Uni Hannover. Kentler war unter anderem auch  Referent in Loccum.

Für das kommende Jahr stellte Rainer Mainusch zwei Punkte in den Mittelpunkt: „Wir werden einen neuen und ausführlicheren Interventionsplan in der Fläche der Landeskirche vorstellen und etablieren.“ Für Mitte 2023 hofft Mainusch auf die lang erwartete Vereinbarung zwischen der EKD und der UBSKM. Darin soll es unter anderem um einen einheitlicher Standard nicht nur für Aufarbeitungsprozesse, sondern auch für Betroffenenbeteiligung gehen. Auf EKD-Ebene sei gelungen, mit dem neuen Beteiligungsforum ein Modell zu entwickeln, das sich in erster Phase bewährt hat. Mareike Dee, die leitende Fachkraft der Landeskirche für Prävention, sei darin vertreten. Es seien darin regionale Aufarbeitungskommissionen vorsehen mit Vertreter*innen der beteiligten Bundesländer, Betroffenen und externen wissenschaftlichen Fachleuten. Die Landeskirche Hannovers werde einer regionalen Aufarbeitungskommission im Verbund mit den anderen vier niedersächsischen Kirchen sowie Bremen vertreten sein. „Wir warten nur noch auf die Vereinbarung zwischen EKD und UBSKM, damit wir zügig die Arbeit aufnehmen können“, sagte Mainusch.

Mainusch dankte am Ende der nunmehr vollständig besetzten Fachstelle, die sich neben dem Aufbau des Schulungskonzeptes und -betriebes vor allem der Begleitung von Betroffenen und der Aufarbeitung von Altfällen widme. Mainusch dankte dabei unter anderem ausdrücklich Christiane Plöhn, die die Leiterin der Fachstelle, Karoline Läger-Reinbold, in der Zeit ihrer schweren Erkrankung vertreten kann. Der Synodale Christian Berndt (Sprengel Lüneburg) dankte seinerseits Rainer Mainusch für sein Wirken innerhalb der Landeskirche im Kampf gegen sexualisierte Gewalt.

Mainusch endete mit einer bewegenden Ankündigung: „Es gibt noch viel zu tun. Dies sind wir vor allem den Betroffenen, aber auch unserer Kirche und auch schlicht der Wahrheit schuldig.“