Bericht Lenke Krieg Ukraine

Nachricht Hannover, 19. Mai 2022
Bild: Jens Schulze

Der Vorstandssprecher des Diakonischen Werkes in Niedersachsen (DWiN), Hans-Joachim Lenke, rief die Kirchengemeinden und Kirchenkreise dazu auf, für Spenden an die Diakonie-Katastrophenhilfe zu werben. Das Hilfsprogramm der Diakonie Katastrophenhilfe werde weiter ausgebaut. Ein Schwerpunkt liege dabei in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen auf Polen.
Auch bittet er die Kirchengemeinden, die Gemeindehäuser für blau-gelbe Treffpunkte zu öffnen. „Wir können und müssen Gesellschaft zusammenhalten: Da haben wir als Kirche eine wichtige Rolle. Wir können Diskursräume öffnen und Position beziehen“, sagte Lenke. Es sei geplant, in die Haushaltsplanung der Landeskirche eine Erhöhung der Arbeit mit geflüchteten Menschen auf das Niveau der Jahre 2016 und folgende. einzubringen. Der Vorteil sei, dass keine Projektbeschreibung erforderlich ist, wohl aber ein Nachweis der ausgegebenen Mittel und nicht verausgabte Mittel zurückfließen können. Diese seien nun auch die Basis der Sonderausschüttung gewesen.

Größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg
Der Krieg in der Ukraine löste die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Laut UNO-Flüchtlingshilfe (Stand 10.05.2022) sind bisher 5,7 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Insgesamt 7,7 Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. 15,7 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Lenke wies auch darauf hin, dass der Hunger in der Welt, beispielsweise im Jemen, sich durch die Kriegsauswirkungen vergrößere.
„Anders als 2015/2016 sind derzeit überwiegend Frauen und Kinder unterwegs“, sagte Lenke. Etliche hätten einen Arbeitsplatz. Manche arbeiteten online weiterhin für die Firma in der Ukraine, aus Hannover oder Osnabrück. Viele der ersten „Welle“ seien bei Freunden und Verwandten untergekommen. In Deutschland sind inzwischen mehr als 400.000 Geflüchtete angekommen, davon in Niedersachsen mehr als 54.000 Menschen.
Viele der geflüchteten Menschen seien in der Ukraine geblieben und suchten Schutz in weniger umkämpften Gebieten. Viele suchten Schutz in den Anrainerstaaten, am meisten in Polen. 

Die Diakonie Katastrophenhilfe (DKH) hatte Ende Februar/Anfang März umgehend ein Hilfsprogramm für die Ukraine und die Nachbarländer initiiert und darum gebeten, nicht eigene Transporte zu organisieren, sondern um Geldspenden zu werben, weil die wenigen kleinen Grenzübergänge sonst verstopften und man vor Ort mit den vielen kleinen Hilfssendungen überfordert sei. 

Beispiele humanitärer Hilfe durch die Diakonie Katastrophenhilfe
Gemeinsam mit Partnerorganisationen konnte die DKH Soforthilfe in Form von Nahrungsmitteln, Trinkwasser, Hygiene-Sets oder die Bereitstellung von Notunterkünften gewährleisten. Auch werde den Geflüchteten in der Ukraine psychosoziale Hilfe angeboten.
Als konkretes Beispiel führte Lenke die Unterstützung des Rehabilitationszentrums „Centre of Saint Paul“ in Odessa an. Dort würden rund 2.000 Vertriebene versorgt und der Weitertransport an die slowakische Grenze organisiert. 

Auch werde mit der Diakonie in Polen dortigen Kirchengemeinden bei der Herrichtung und Ausstattung von Wohnraum geholfen und in mehreren Städten an der Grenze Bedarfsgüter bereitgestellt. 
Gemeinsam mit der Partnerorganisation AIDRom werden 10.000 Geflüchtete im östlichen und nordöstlichen Grenzgebiet zur Ukraine versorgt.

Eines der größten Bündnisse für humanitäre Arbeit und Entwicklungshilfe, das internationale kirchliche Netzwerk ACT Alliance, konnte von der Diakonie Katastrophenhilfe mit 1,2 Millionen Euro unterstützt werden, sodass 369.000 Personen davon profitierten, sei es mit dem Zugang zu staatlichen Hilfsmaßnahmen in den jeweiligen Ländern oder geschützten Räumen für Schwangere und Kinder oder Lernmaterialien für Kinder.

Geflüchtete in Deutschland
In Deutschland gelte es Integrationsangebote zu machen, sagte Lenke und lobte die Arbeit in den Kirchengemeinden. Die jetzige Situation sei eine andere als noch vor acht Wochen: damals wollten die Geflüchteten so schnell es geht zurück in die Heimat - nun wollten viele hier ankommen und sich integrieren. „In Deutschland erleben wir eine grandiose Welle der Hilfsbereitschaft. In vielen Gemeinden werden die Ärmel hochgekrempelt.“ Integration laufe dort gut, wo an die Runden Tische von 2015 angeknüpft werde, berichtete Lenke. 

Die Landeskirche hatte 2,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die nach FAG Kriterien verteilt wurden. Das DWiN hat die Abwicklung der Anträge übernommen, die die 400.000 Euro betrafen, die die Diakonie Katastrophenhilfe dem DWiN Verfügung gestellt hatte. Das Volumen sei nun ausgeschöpft.
In vielen Kirchengemeinden seien blau-gelbe Treffpunkte entstanden. Lenke selbst habe mit Landesbischof Ralf Meister den in Neustadt am Rübenberge und mit der Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe Doris Schröder-Köpf den blau-gelben Treffpunkt in Burgdorf besucht. Ihn hätten die Verantwortung, das Engagement, die Herzlichkeit und die offenen Ohren für die Belange der aus der Ukraine geflüchteten Frauen und Kinder beeindruckt.

Lenke richtete seinen Blick auf die Integration Geflüchteter und sagte: „Viele sind hier nun angekommen und wollen arbeiten.“ Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Geflüchteten sei zu vermeiden.
Einheitliche Kommunikationsstrukturen und klare Zuständigkeiten seien wichtig, wie es sich 2015/16 mit den runden Tischen bewährt habe. Eine schnellere Bearbeitung der Aufenthaltstitel und eine schnellere Eingruppierung in den Leistungsbezug seien erforderlich. Sechs bis acht Wochen seien zu lang. Auch müsse es eine schnellere Anerkennung von Berufsabschlüssen geben und die Kinderbetreuung sei auszubauen. „Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir als Land eine Willkommenskultur entwickeln. Der Fachkraftmangel allerorten ist ein eklatantes Problem. Wir brauchen Zuwanderung“, sagte Lenke und betonte: „Die Menschen, die nun bei uns Zuflucht suchen, sind eine Chance und verdienen eine Chance.“

Kinderbetreuung
Unter den Punkten, die noch stärker berücksichtigt werden müssten, nannte Lenke zuerst die Kinderbetreuung. Kirche und Diakonie hätten quasi als Leuchttürme in die Kinderbetreuung in Familienzentren investiert. Frühkindliche Bildung müsse ganzheitlich von der Familie her gedacht werden. Dort würden familienfreundliche und gemeinwesenorientierte Angebote gemacht. „Diese Netzwerke dienen der Stabilisierung unserer Gesellschaft und tragen in diesen Wochen auch dazu bei, dass den geflüchteten Familien aus der Ukraine schnell und unkompliziert geholfen wurde“, sagte Lenke und bedankte sich bei den Kirchengemeinden, Kita-Leitungen, den Haupt- und Ehrenamtlichen, die pragmatisch und lösungsorientiert Angebote vorhielten.

Es sei aber auch zu bedenken, dass die Kitas durch die zweijährige Corona-Pandemie an ihre Grenzen stoßen. Lenke lehnte es ab, das 26. Kind in die Gruppe aufzunehmen, nur weil das Ministerium jetzt die Möglichkeit dazu biete. Dies müsse vor Ort entschieden werden. Die Fachkräfte würden zwar fortgebildet im Umgang mit traumatisierten Kindern durch Krieg und Fluchterfahrung, doch bedeute die Aufnahme eines solchen Kindes immer auch eine zusätzliche Belastung, für die das Land kein zusätzliches Personal zur Verfügung stelle.

Ehrenamtliche
Die besondere Leistung der vielen Ehrenamtlichen bei der Betreuung der Geflüchteten stellte Lenke heraus, betonte aber zugleich, dass diese von Hauptamtlichen etwa durch Supervision begleitet werden müssten und auch, dass die Koordination von Ehrenamtlichen wichtig sei, hier aber oft hauptamtliche Unterstützung fehle.

Lenke führte weitere Defizite an. Es fehle an Wohnraum. Dieser werde dringend benötigt. Die Migrations- und Traumaberatung sei schon vor dem Ukrainekonflikt ausgelastet gewesen. Privat untergebrachte Flüchtlinge hätten einen nicht so guten Zugang zu den „Ankunftbasics“ (Jobcenter, Krankenkasse etc.) wie diejenigen, die in offiziellen Unterkünften untergebracht seien.

Menschen mit Behinderungen
Auch Menschen mit Behinderungen seien auf der Flucht. Vereinzelt konnten sie von diakonischen Trägern in Niedersachsen aufgenommen werden. Bei den Rotenburger Werken standen nach nur drei Tagen 16 Menschen mit Behinderungen und zehn Begleitpersonen vor der Tür und wurden dort aufgenommen. „Dass das klappt, finde ich großartig!“, sagte Lenke.

Die Synode hat auf einen Antrag von Ute Szameitat (Sprengel Lüneburg) hin beschlossen, den mündlichen Bericht an den Ausschuss für Diakonie zur weiteren Beratung zu überweisen und sich weitergehend mit der Förderung der Kindertagesstätten zu beschäftigen, insbesondere mit der Frage, wie diese zukunftsfähig sein könnten und wie eine zeitgemäße Ausbildung in diesem Bereich aussehen sollte.