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Bild: Jens Schulze

Bericht der Landesbischöfin: Dialogkompetenz

Bericht 15. Juni 2007

Im dritten Abschnitt ihres Berichts ging Bischöfin Dr. Margot Käßmann auf das Friedenspotential in den Religionen ein. Es sei wichtig, in einer Zeit, in der Religionen immer wieder Konflikte verschärften, auch die gegenteiligen Fakten zu sehen, so Käßmann. Ihrer Ansicht nach würden sie „allzu selten wahrgenommen“. Belege für das Friedenspotential fänden sich in einer Studie von Markus Weingardt. Weingardt führt über 40 Konflikte in der Welt auf, in denen religiös motivierte Akteure zur Verminderung von Gewalt beigetragen haben. So haben Christinnen und Christen im Konflikt zwischen Argentinien und Chile, buddhistische Mönche in Kambodscha oder der Friedensnobelpreisträger Bischof Belo maßgeblichen Anteil an Friedensverhandlungen gehabt. Hinter diesen Erfolgen stünde mühselige Arbeit ohne finanzielle Mittel „mit Kraft der Überzeugung und dem langen Atem, den Glauben schenken kann“.

Käßmann wies in diesem Zusammenhang aber auch auf das Ergebnis der Studie von Weingardt hin, dass die Friedensarbeit in Konflikten nur dann glaubhaft sein könne, wenn sie neben dem Vertrauen in die Konfliktparteien auch notwendige Kompetenzen hätten und über Kontakte verfügten. Insofern forderte sie eine Stärkung der Ausbildung in gewaltfreien Formen der Konfliktbearbeitung.

Ein zweiter Schwerpunkt der Ausführungen Käßmanns zum Thema „Dialogkompetenz“ waren ihre Gedanken zum christlich-islamischen Dialog. Käßmann konstatierte, dass das Christentum und der Islam sich in vielem fremd bleiben. Ein Problem läge darin, dass die Muslime eine große Zahl unterschiedlicher Organisationen haben und nur ein Bruchteil sich in ihnen organisierte. „Der Islam in Deutschland hat ein Repräsentationsproblem“, so Käßmann. Dazu komme, dass in Umfragen deutlich werde, dass die Deutschen große Ängste vor Terror und Unterdrückung durch Muslime haben. Diese Ängste seien ein Zeichen dafür, „wie selten wir uns begegnen in unserem Land“.

So sei der Dialog ein „gewichtiges Zukunftsthema“. Es gelte, die mutigen Stimmen wie der der Berliner Juristin Seyran Ates oder der Soziologin Necla Kelek zu unterstützen, die skandalöse Missstände von muslimischen Migrantenfamilien thematisierten. Ebenso unterstützenswert sei der Zentralrat der Muslime, der als einziger Verband das Recht zum Übertritt in einen anderen Glauben anerkennt und es nicht als Sünde ansehe, die bestraft werden müsse. Aus dem unverzichtbaren Dialog könnten auch Christinnen und Christen großen Gewinn ziehen. So scheine es, als ob muslimische Gläubige ihren Glauben und ihre Traditionen oft viel besser kennen würden als Christinnen und Christen. Hier könnte die Beantwortung von Fragen wie „Wie geht evangelisch?“, „Wer sind wir?“ und „Was glauben wir?“ eigene Identität stiften. Der Ziel des Dialogs läge darin, Respekt voreinander“ zu haben, so die Bischöfin weiter. Es müsse aber eine Offenheit geben, auch unterschiedliche Positionen - etwa zur Gleichberechtigung von Mann und Frau.- anzusprechen. Die evangelische Kirche habe „über die Jahrhunderte eine gute Streitkultur entwickelt“. Daran gelte es anzuknüpfen und daraus Kraft zu schöpfen.

Käßmann forderte schließlich eine „öffentliche Auseinandersetzung über die Herausforderungen einer multireligiösen Gesellschaft“. Sie wies auf das Projekt der hannoverschen Landeskirche hin, das unter dem Titel „Was ich glaube – Menschen verschiedener Religionen im Gespräch“ in einer Fernsehtalksendung Gemeinsamkeiten und Unterschiede ins Gespräch bringen will. Insgesamt aber ginge es bei dem Dialog um „Sprachfähigkeit“. „Erst wenn ich über meinen Glauben sprechen kann, wenn ich nicht sofort verunsichert bin durch eine andere Glaubensposition, ist ja Dialog möglich“, konstatierte Käßmann.