Aussprache zum Bischofsbericht

Nachricht 27. November 2019

"Die Frage nach der Schöpfung ist eine Frage nach Gott"

Der Bericht des Landesbischofs hatte eine engagierte Aussprache zur Folge. Die Synodale Christine Lührs (Sprengel Osnabrück) votierte dafür, die Belange der Landwirtschaft stärker in den Blick zu nehmen, weil viele Landwirte um ihr Überleben kämpften. „Es gibt eine große Diskrepanz in der Gesellschaft, denn der Anspruch an die Landwirtschaft ist hoch, aber wir werden nicht eingebunden in gesellschaftliche Prozesse und Gesetzgebung.“ Ihr Wunsch sei es, dass Landwirte nicht als Feindbild gesehen werden: „Wir wollen keine Subventionen, sondern eine gerechte Entlohnung.“ Die Stimme der Landwirte sollte Lührs zufolge auch in der Synode deutlicher gehört werden. Landesbischof Ralf Meister entgegnete, das Gespräch mit der Landwirtschaft sei nach wie vor wichtig für die Kirche. „Wir brauchen die Stimmen der Landwirte in der Synode, keine Frage.“ Kirche koppele sich nicht ab von den Landwirten und Landwirtinnen.

Die Synodale Dr. Bettina Sigmund aus dem Sprengel Ostfriesland stellte die Frage nach dem Auftrag der Kirche zur Bewahrung der Schöpfung. Sie stellte daher den Antrag, den Bischofsbericht an die Ausschüsse der neuen Synode weiterzuleiten. 

Die Jugenddelegierten Claas Goldenstein und Jonas Jakob Drude meldeten sich jeweils mit einem Statement zu ethischen Fragen zu Wort. Goldenstein verwies auf umweltethische Implikationen: „Die Natur ist eine unverfügbare Vorgabe. Wir sind als Menschen unverfügbar.“ Dies sei ein anderer Zugang zum Weltverständnis als der naturwissenschaftliche, der auf Reichweitenvergrößerung und Verfügbarkeit ausgerichtet sei. Drude fragte, was mit der „Würde der Tiere“ gemeint sei und was dieser Begriff für die Theologie zu bedeuten habe? Die Antwort des Bischofs lautete: „Tierschutzethik ist etwas anderes als Tierrechtsethik.“ Seit 2002 sei der Tierschutz im Grundgesetz verankert und hier müsse „unsere Generation das richtige Verhältnis finden zu Tieren.“ Dies sei noch nicht gelöst, aber die Debatte darüber könne man als Kirche nicht ignorieren. 

Der Göttinger Theologieprofessor Dr. Florian Wilk unterstrich, wie notwendig es sei, als Kirche Schöpfungsverantwortung wahrzunehmen. Das Christus-Bekenntnis sage, dass mit Jesus Christus Gott angefangen habe „die Schöpfung wiederherzustellen und zu erneuern.“  Wer nach dem Reich Gottes trachte, der warte auch auf eine Erneuerung der Schöpfung. „Es ist also eine theologische Notwendigkeit, als Kirche Schöpfungsverantwortung zu übernehmen.“

Die Synodale Dr. Karin Köhler (Sprengel Hildesheim) bezog sich in ihrem Beitrag auf die EKD-Denkschrift „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“. Hier seien wichtige Grundsätze formuliert, aber: „In der Umsetzung ist bei uns noch ganz viel Luft nach oben.“ Sie stellte daher den Antrag, das Landeskirchenamt möge prüfen, wie ökofaire Beschaffung auf Ebene der Kirchengemeinden und – kreise gefordert und gefördert werden könne. Der kirchliche Entwicklungsdienst könnte etwa personell und finanziell gestärkt und darüber hinaus eine zentrale Beschaffungsplattform gegründet werden. 

Der Synodale Dr. Fritz Hasselhorn (Sprengel Osnabrück) freute sich über die Beteiligung der Synoden im Gesprächsprozess zur Entwicklung der Konföderation. Skeptisch äußerte sich hingegen Dr. Jens Rannenberg, Synodaler aus dem Sprengel Lüneburg. Er blickte auf die Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen Ausschüssen der Landessynoden zurück und beschrieb, dass diese Arbeit, wenn konkrete Fragen gefehlt hätten, nicht immer leicht gewesen sei. Teilweise sei die gemeinsame Arbeit sogar eingeschlafen. Vor diesem Hintergrund sehe er die praktische Arbeit in der Konföderation kritisch.

Positiv zur Konföderation hingegen dann die Einschätzung Jörn Surborgs aus dem Sprengel Hildesheim-Göttingen. Er verstehe die Bedenken Jens Rannenbergs, doch sei ein neuer Konföderationsvertrag in Kraft getreten, auf dem aufbauend viel Zusammenarbeit zwischen den niedersächsischen evangelischen Kirchen möglich geworden sei. Auch die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Dr. Stefanie Springer sieht die „letzten sechs Jahre als eine sehr erfreuliche Entwicklung.“ Auf dem „kleinen Dienstweg“ seien zwischen den Kirchen vielerlei Abstimmungen erfolgt. Sie beobachte ein Profitieren voneinander zwischen all den niedersächsischen Kirchen.

Rolf Bade (Sprengel Hannover) hob in seinem Beitrag zur Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachen hervor, dass vom Ziel der „einen evangelischen Kirche in Niedersachsen“ nicht abgerückt werden dürfe. Auch angesichts des prognostizierten Rückgangs der Zahl der Kirchenmitglieder bis zum Jahr 2060. In der Vergangenheit sei versucht worden, ein Zusammenwachsen als top-down Prozess zu gestalten. Doch sei der Weg von unten wohl der erfolgversprechendere. Das belegten Beispiele wie das gemeinsame Predigerseminar in Loccum, die EEB, die Geschäftsstelle der Konföderation oder auch die gegenseitigen synodalen Besuche. Vielleicht müsse auch ein Zusammenwachsen der Kirchen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten möglich sein, so Rolf Bade. Es sei absehbar, dass die anderen Kirchen der Konföderation am Konföderationsvertrag festhalten wollen. Er empfahl der Landessynode diesem zu folgen und die Synode beschloss dies auch später mit großer Mehrheit.

"Ich habe Antisemitismus ganz nah erlebt", gab Heike Conrads in der Aussprache zum Bischofsbericht Einblick in ihren Berufsalltag als Leiterin einer Grundschule. Erst kürzlich habe sie ein Elternpaar kennengelernt, das ihr von Ausgrenzungen aufgrund seiner jüdischen Herkunft berichtet habe. So fände das Kind dieser Eltern kaum Spielkameraden und sei von einer Geburtstagsfeier wieder ausgeladen worden. Die Familie wünschte sich ein Klima des Verständnisses und der Achtung für ihr Kind. "Ich möchte Mut machen, Antisemitismus nicht kleinzureden und dagegen anzugehen", so Conrads. 

Tief betroffen zeigte sich auch Hildegard Holtorf: "Wie kann es sein, dass es in diesem Land mit dieser Geschichte Antisemitismus gibt?" Sie fühle sich hilflos, gestand die Synodale. Dabei hat sich laut Dr. Katja Lembke nicht die Quantität antisemitischer Äußerungen verändert, sondern vielmehr die Qualität: "Dass man das heute sagen darf." Ihr stelle sich die Frage nach der Aufgabe der Kirche: "Bauen wir Brücken, wo setzen wir Grenzen?" Nach einigen vor fünf Jahren initiierten sogenannten Dialogforen in Kirchenkreisen der Landeskirche gestand auch Landesbischof Ralf Meister seine Ratlosigkeit ein: "Wir sind an die Menschen nicht herangekommen." 

Auch das Thema Religionsunterricht im Bischofsbericht reizte die Synodalen in der Aussprache zu Beiträgen. Für Rolf Bade sollte der bischöflichen Dank an die 8722 Religions-Lehrkräfte von der Landessynode unterstützt werden. Ein Gedanke, den Johanna Schröder aufgriff und den Ortsgemeinden nahelegte, Kontakt zu den Religionslehrkräften in ihrem Umfeld zu suchen.

Für den sogenannten konfessionell-kooperativen Religionsunterricht regte Bade eine neue Bezeichnung als "christlicher Religionsunterricht" an. Angesichts des teils dramatischen Unterrichtsausfalls sollte sich die Landeskirche weiterhin konsequent für die Erteilung des Religionsunterrichts wie auch des Faches Werte und Normen einsetzen, so Bade. 

Landesbischof Ralf Meister stimmte der Forderung zu, gab jedoch zu bedenken, dass dem enormen Unterrichtsausfall mit Worten allein nicht begegnet werden könne. Aber ob eine Klage von Erziehungsberechtigten und volljährigen Schülerinnen und Schülern zu Gunsten des Religionsunterrichts nützlich sein könnte? "Wer weiß, wie da die Resonanz wäre", so Meister.

Eine Sorge um die Zukunft des Instituts für Ethik und Theologie an der Leuphana Universität Lüneburg äußerte Dr. Antje Roggenkamp. Dort würde der Studiengang Religionspädagogik durch Nichtbesetzung von Professorenstellen ausgetrocknet. "Die Synode sollte da nicht zusehen", forderte die Synodale.

Der Synodale Bernd Rossi (Sprengel Hildesheim) wollte angesichts des "Jahres für Freiräume" wissen, nach welcher Systematik die Landeskirche entscheide, ob Projekte verstetigt werden oder nicht. In seiner Antwort sagte Meister: "Die neue Synode wird über die künftigen Schwerpunkte entscheiden. Aber es kann neue Projekte nur geben, wenn andere dafür beendet werden."

Die beiden Synodalen Marie-Luise Brümmer (Sprengel Hannover) und Ruth Scheffler-Hitzegrad (Sprengel Stade) wollten Genaueres zum gesellschaftlichen Aktionsbündnis "United4Rescue" wissen. Der Landesbischof verwies darauf, dass bei diesem Thema mittlerweile eine "enorme Dynamik" zu spüren sei. Die Rheinische Landeskirche werde sich an dem Projekt beteiligen, die katholische Kirche nicht. "Das Schiff ist auch ein Stück symbolische Politik, aber eben genauso eine ganz konkrete Maßnahme."