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Bild: Jens Schulze

Flüchtlinge: Vom Krisen- in den Alltagsmodus

Bericht 23. November 2015
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Bild: Jens Schulze 

Oberlandeskirchenrat Dr. Christoph Künkel begann seinen Bericht damit, dass er darum bat, in der Flüchtlingsdebatte mehr Gelassenheit walten zu lassen. Sicherlich würde vieles unter den aktuellen Herausforderungen nicht gelingen „Wir können stolz darauf sein, dass dieses Land in der Lage ist ein solches Maß an Hilfe zu bewerkstelligen“, so Künkel. Am Anfang stand die Konzentration auf die Versorgung mit ganz elementaren Dingen. Dies führe auf Dauer allerdings zu einer Entmündigung der Hilfebedürftigen. Es entstehe sehr schnell Frust auf beiden Seiten. Die einen seien frustriert, weil sie sich nicht selbst kümmern dürfen, die anderen, weil ihre Hilfe nicht immer gewollt sei.

Flüchtlinge hätten eine enorme Risikobereitschaft bewiesen, allein dadurch, wie sie ihre Flucht durchgeführt und durchlebt hätten. Ihr Wille zur Selbstgestaltung des eigenes Lebens würde ihnen aber nach einer ersten Zeit der Ruhe entzogen. Dies geschehe auch durch zu große Hilfsbereitschaft.

Sowohl in Kirche als auch im Staat gäbe es genügend Mittel zur Bewältigung der Anforderungen. Pointiert formulierte Künkel, dass immer noch mehr von Steuerflüchtlingen aus dem Land geschafft würde als für die Bewältigung der aktuellen Aufgaben in der Flüchtlingsarbeit benötigt würden.

Künkel mahnte, dass der Begriff „Flüchtlinge“ ein schwieriger Sammelbegriff sei, denn hinter jedem Flüchtlingsschicksal stehe ein Mensch mit einem individuellen Schicksal. Der Begriff „Flüchtling“ weise auf eine Vergangenheit hin und reduziere einen Menschen auf ein einziges Merkmal.

Das staatliche Handeln reduziere sich zurzeit zur sehr auf die rechtsstaatliche Behandlung der Flüchtlinge. Dabei würden die Menschen zunehmend zu Objekten, die behandelt und nicht zum eigenständigen Handeln ermutigt würden.

Künkel empfahl, immer wieder Abstand zu nehmen vom eigenen Handeln und dieses ständig zu reflektieren. „Uns muss die Frage beschäftigen wie Flüchtlinge zu Mitbürgern werden können. "Was möchtest du, was ich dir tue?“ Die Hilfe zur Selbsthilfe greife in vielerlei Hinsicht leider nicht. Es müssten Perspektiven entwickelt werden. Das Umschalten vom Krisenmodus in den Alltagsmodus sei jetzt gefragt. Besonders die Frage nach einer dauerhaften Unterkunft, die den Menschen angemessen ist, müsse gelöst werden. Dies sein eine besonderere Herausforderung für Metropolregionen.

Integration in den Arbeitsmarkt sei wichtig. In Schweden dauere die Integration in den Arbeitsmarkt neun bis zehn Jahre. Daran könne man die Größe der Aufgabe ermessen. Die diakonischen Einrichtungen würden hier besonders gefordert sein. „In diesen Arbeitsfeldern müssen wir auch neue Wege gehen. Die Kompetenzen sind vorhanden. In dieser Situation muss auch das Thema Jugendwerkstätten neu diskutiert werden."

Künkel stellte klar: „Wir müssen die Konkurrenz unter den bedürftigen Menschen verhindern. Die bisherigen Aufgaben im Blick auf die diakonischen Zielgruppen dürfen unter den neuen Aufgaben nicht leiden.“

Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track ergänzte den Bericht aus bildungspolitischer Sicht. Die Integration der zu erwartenden 30.000 jungen Menschen in den Alltag niedersächischer Schulen sei eine große Aufgabe. Aber nur so sei der Zugang zu Bildung und Arbeitsplatz möglich. Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit sei auch für Flüchtlinge wichtig. „Wir müssen dabei auch die fördern, die Hilfe in der Bildung anbieten, damit die Angebote erweitert werden“, so Gäfgen-Track.