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Bild: Jens Schulze

Vortrag Meyer-Blanck: Bildungsgerechtigkeit

Bericht 02. Juni 2010

Herausforderung, theologische Begründung und Einsichten

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Prof. Dr. Michael Meyer-Blanck, der als Theologe an der Universität Bonn lehrt, führte zu Beginn des Thementages „Bildung“ am Donnerstagvormittag mit einem Vortrag in die Thematik ein.
Titel: Bildungsgerechtigkeit – gesellschaftliche und pädagogische Herausforderungen - theologische Begründung und Einsichten“

Dabei lenkte er zunächst seinen Blick auf die gesellschaftlichen Herausforderungen, um diesen dann in einem zweiten Schritt theologische Einsichten gegenüber zustellen, von denen sich kirchliches Handeln leiten lassen sollte. Das biblische Gerechtigkeitsverständnis sollte das kirchliche Bildungsverständnis und kirchliche Handeln prägen, um den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen.

Schon bei dem Wort „Gerechtigkeit“ werde deutlich, dass es biblisch gesehen keine Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit gibt. So sollten Christen für mehr Chancen der Schwachen eintreten, aber immer geleitet von einem Bildungsverständnis, wie es der Theologe Friedrich Schleiermacher 1820 formulierte. Für ihn ist der Mensch dann vollkommen persönlich gebildet, wenn er die Möglichkeit bekommt, seine Fähigkeiten und Begabungen auszubilden und sie in die Gemeinschaft einzubringen.

Gleiche Chancen für alle könne nicht heißen, so Meyer-Blanck, dass alle den gleichen Bildungsstand bekommen, sondern dass jede und jeder in der ihr oder ihm eigenen und gemäßen individuellen Art gefördert wird. Dadurch erlangt er dann Zufriedenheit und Anerkennung. Wenn dies nicht gelingt, dann liege gerade hierin ein Potential für jugendliche Gewalt.

Im Vortrag wurde das Wächteramt der Kirche deutlich. Sie müsse mit dem ihr eigenen Bildungsverständnis das „höher, schneller, weiter“ der Leistungsgesellschaft aufbrechen, ja „entideologisieren“.

Kirche könne alle ihr eigenen Formen nutzen, um eine „Befähigungs- und Teilhabegerechtigkeit“ zu ermöglichen, wie es auch die neueste Orientierungshilfe der EKD zur Bildung fordert.

Das Verständnis von evangelischer Bildungsgerechtigkeit sei geprägt durch Luthers Erkenntnis, dass wir nicht durch unsere Werke, sondern durch Glauben vor Gott gerecht sind. Daraus ergebe sich, dass unsere Würde und Person nicht durch unsere Leistungen begründet seien.

Bildung müsse aber Subjektivität und Individualität fördern, denn nur so sei es möglich, sich als freies Subjekt zu erfahren. Meyer-Blanck wendet sich gegen eine Bildung zur Gleichmacherei, wie es zu totalitären Staaten gehöre.

Meyer-Blanck setzt dazu einen Kontrapunkt, indem er fordert, die Kirche könne Themen einbringen, die sich nicht nur auf das Erklärbare reduzieren. Auch das Nicht-Verstehbare und das Böse müssten als Themen im Lehrplan auftauchen, weil sie zum Leben gehören.

Auch am Spiel der Kinder könne sich kirchliches Bildungsverständnis orientieren. Im Spiel gehe es nicht um Nützlichkeiten, sondern um den Moment und den Genuss.

Mitgefühl und Genuss gehörten zu den höchsten pädagogischen Zielen.
So könne Bildung dem Menschen gut tun wie eine anstrengende und beglückende Bergwanderung.