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Worte wie eine Herberge

Nachricht 06. Juli 2012

von Pastorin Stefanie Arnheim

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Ob er nicht einen Konfirmationsspruch für mich weiß, frage ich den Pastor. Eigentlich hat er keine Zeit, aber er überlegt kurz: "Psalm 139 ist mir selbst gerade wichtig."

Mein Konfirmationsspruch ist er nicht geworden, der 139. Psalm. Ein Lebensbegleiter trotzdem. So viel Vertrauen und Geborgenheit, so viel Weite und Freiheit sprechen daraus. "Von allen Seiten umgibst du mich, Gott... Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten..."

Was für eine schöne Sprache. Glaube ist poesiefähig. Mit den Worten der Väter und Mütter, der Geschwister von Generation zu Generation, weitet er meine engen Grenzen und birgt mich im Schatten von Gottes Flügeln. "Es gibt Worte, die sind wie eine Herberge", schreibt der Theologe Gerhard Ebeling.

Ein Haus der Hoffnung vor unseren Augen

Pastorin Stefanie Arnheim
Pastorin Stefanie Arnheim 

Psalmworte eröffnen solche Räume. Sie erzählen von Gottes heilsamer Gegenwart, von Aufmerksamkeit für jede und jeden Einzelnen und von Gemeinschaft. Sie nehmen Angst und Klage ernst, wissen um Sorge und Zweifel, trösten und fordern zum Leben heraus. Ein Haus der Hoffnung entwerfen sie vor unseren Augen, weil sie uns Bilder bieten und Worte leihen. Unmittelbar und nah, eine Muttersprache. Ich werde gehört.

Oder? "Gott, wie sind deine Gedanken so groß und so viel, ich kann sie nicht begreifen. Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand...", sagt der Beter. Es spricht für die Psalmen, so empfinde ich es, dass sie diese ratlose Spannung aushalten. Gott hält mit uns aus; der, für den es keinen Raum in der Herberge gab, so dass er schließlich in einem Stall unterkam.

Ein Sehnsuchtsort und Heimat auf Zeit

Wie einen willkommenen Gast nimmt Astrid Lindgrens Sommerroman "Ferien auf Saltkrokan" die Worte des Glaubens auf. Ein altes Schreinerhaus auf der Ostseeinsel ist Sehnsuchtssort und Heimat auf Zeit für Familie und Freunde geworden.

Eine Wohnung am äußersten Meer, zumindest in den Augen des kleinen Protagonisten Pelle. Schöpferisch und nachdenklich - so darf sie dann für mich auch sein, die Suche nach dem Unfassbaren und Unglaublichen.

Stefanie Arnheim

Das Wochenthema
Unglaublich, unfassbar - Gott!

Ich bin dankbar, dass so mancher meiner Glaubenslehrer für den Heiligen Geist Bilder gefunden hat und dass unter die Decke meiner Heimatkirche ein Bild vom dreieinigen Gott gemalt war. Das half mir zu verstehen, was zunächst nicht in meinen Kopf wollte. Im Studium waren es dann das Gleichnis von den anvertrauten Talenten/Zentnern und der „Gott der Rache“, die mich herausforderten.  

In der Woche vom 2. - 8. Juli präsentieren Ihnen Theologinnen und Theologen aus dem EMSZ, der Pressestelle und der Bischofskanzlei ihre Geschichte zum Thema „Unglaublich, unfassbar - Gott“. Freuen Sie sich auf eine Sammlung unglaublicher Geschichten und Erfahrungen.

Ihr Kay Oppermann

Der Text zum Thema:
Flügel der Morgenröte
(Psalm 139,1 - 14)

HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.