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Gott der Rache

Nachricht 02. Juli 2012

Gott, hau endlich einmal drauf! von Pastor Kay Oppermann

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So ist es richtig, Gott. Hau endlich einmal drauf! Welcher gläubige Mensch wünscht sich nicht, dass Gott für Gerechtigkeit sorgt? Ob Jude, Christ oder Muslim – alle erwarten, dass Gott nicht nur ein gerechter Richter sondern vor allem ein Friedenstifter in Wort und Tat ist. Diesem kann und darf es nicht gefallen, wenn gläubige Menschen in großer Zahl unterdrückt, misshandelt oder getötet werden.

Das dachte auch der Schreiber von Psalm 94 und anderer Texte im Alten Testament, in denen Gott zur Rache gerufen wird. Dies geschieht nicht etwa aus persönlicher Wut oder Mordlust, sondern aus reiner Verzweiflung. 

Mit Gottvertrauen und chancenlos?

Pastor Kay Oppermann
Pastor Kay Oppermann

Das entscheidende an diesem Psalm ist die historische Situation. Israel ruft Gott nicht als Verstärkung, sondern als einzigen Kämpfer. Dazu ist wichtig zu wissen: Weder im 20. Jahrhundert noch in den 2000 Jahren davor hat Israel aus sich selbst heraus die Kraft gehabt, sich vor Feinden zu schützen. Schon nach kurzer Zeit unter dem legendären König David fiel das Land zusammen und steht bis heute in der Kritik wegen seiner Verteidigungsstrategie.

Doch hier geht es nicht um U-Boote, sondern um Gebete und Gesänge. Das Volk Israel hat nach Davids überraschenden Sieg über den Riesen Goliath quasi immer genau so das Land verteidigt: mit Gottvertrauen und chancenlos. Ist es unter solchen Bedingungen nicht legitim, nach einem Gott der Rache zu rufen?

„Ich danke dir, dass du das gesagt hast.“

Meine Meinung: Rufen ja, wenn das Urteil über die Situation und die Umsetzung dieses Urteils allein Gott überlassen wird. Dann kann aus Rache Liebe werden und aus Gewaltphantasien Streicheleinheiten. Denn ein kritischer Blick in das Alte Testament zeigt, dass Gottes Antwort auf Rachewünsche keine „Himmlischen Heerscharen“, sondern Männer und Frauen mit weisen und manchmal auch tröstenden Worten waren. Warum fordern mich solche Worte wie in Psalm 94 trotzdem bis heute heraus?

Mir geht es nicht um einen „Heiligen Krieg“ und auch nicht um die Verzweckung Gottes als Heeresführer. Mir geht es um ... Gottvertrauen. Das bedeutet für mich, sich seinem Ratschluss, seiner Weisheit anzuvertrauen und sie zu akzeptieren. Das bedeutet auszuhalten, wenn Gott statt mit Rache mit tröstenden Worten antwortet. Es bedeutet zu akzeptieren, dass Emotionalität und Vernunft in größter Summe und genauester Abwägung noch weit entfernt sein können von Gottes Weg mit uns.

Denn wer nach dem Gott der Rache ruft, wird vielleicht dem liebenden Gott begegnen und hören: „Ich danke dir, dass du mir das gesagt hast. Erwarte bitte nicht, dass ich so bin, wie du mich gerne hättest.“

Kay Oppermann

Das Wochenthema
Unglaublich, unfassbar - Gott!

Ich bin dankbar, dass so mancher meiner Glaubenslehrer für den Heiligen Geist Bilder gefunden hat und dass unter die Decke meiner Heimatkirche ein Bild vom dreieinigen Gott gemalt war. Das half mir zu verstehen, was zunächst nicht in meinen Kopf wollte. Im Studium waren es dann das Gleichnis von den anvertrauten Talenten/Zentnern und der „Gott der Rache“, die mich herausforderten.  

In der Woche vom 2. - 8. Juli präsentieren Ihnen Theologinnen und Theologen aus dem EMSZ, der Pressestelle und der Bischofskanzlei ihre Geschichte zum Thema „Unglaublich, unfassbar - Gott“. Freuen Sie sich auf eine Sammlung unglaublicher Geschichten und Erfahrungen.

Ihr Kay Oppermann

Der Text zum Thema:
Gott der Rache
(Psalm 94,1 - 12)

O Gott, räche dich! Herr, du Gott der Vergeltung, erscheine in deinem strahlenden Glanz! Erhebe dich, du Richter der ganzen Welt! Gib den Hochmütigen, was sie verdient haben! Wie lange noch sollen sie hämisch lachen, wie lange noch schadenfroh spotten?

Einer versucht den anderen zu überbieten, sie schwingen große Reden und prahlen mit ihren Verbrechen. Herr, sie unterdrücken dein Volk! Alle, die zu dir gehören, leiden unter ihrer Gewalt. Brutal ermorden sie Witwen und Waisen, Ausländer schlagen sie tot. „Der Herr sieht es ja doch nicht!“, höhnen sie, „der Gott unserer Vorfahren merkt nichts!“ Ihr Dummköpfe! Seid ihr wirklich so unverständig? Wann kommt ihr Narren endlich zur Vernunft?

Gott, der den Menschen Ohren gegeben hat - sollte er selbst nicht hören? Er gab ihnen Augen - sollte er selbst nicht sehen? Er, der fremde Völker zurechtweist, sollte er nicht auch euch zur Verantwortung ziehen? Gott allein kann die Menschen zur Vernunft bringen. Er durchschaut ihre Gedanken und weiß: sie sind oberflächlich und hohl. Glücklich ist jeder Mensch, den du, Herr, zurechtweist und in deinem Gesetz unterrichtest!