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Ein Dienst zwischen Lust und Last

Nachricht 14. März 2012

In der evangelischen Kirche werden die Gemeinden von Laien geleitet. Es ist ein Dienst zwischen Lust und Last.

„Die Sitzung endet um 23.53 Uhr.“ Steht diese Uhrzeit am Ende des Protokolls einer Kirchenvorstandsitzung, gab es vermutlich wieder einmal gehörig Streit. Und mit Lust hatte diese Sitzung dann nicht viel zu tun. „Das sollte es aber“, sagt die Chefin der Bremer Freiwilligen-Agentur, Birgitt (rpt. Birgitt) Pfeiffer. „Wenn ein Ehrenamt nur noch Last und Mühsal ist, geht die Attraktivität verloren, die Leute bleiben weg.“ „Die Leute müssen auch noch nach einer langen Kirchenvorstandsitzung sagen, es war zwar lang, aber es hat sich gelohnt, und wir haben etwas Gutes erreicht“, betont die Expertin für Freiwilligendienste.

In ganz Niedersachsen sind am Sonntag (18. März) rund 3,5 Millionen evangelisch-lutherische Christen aufgerufen, ihren ehrenamtlichen Kirchenvorstand neu zu wählen. Viel Spaß und Lust am Amt hat nach eigenem Bekunden Hans-Hermann Kramer gehabt. Er wurde am Sonntag für ein halbes Jahrhundert Kirchenvorstandsarbeit auf der Insel Norderney geehrt. Wie Ebbe und Flut hat er viele Pastoren kommen und wieder gehen sehen.

Kirchenvorsteher vergleichbar mit Aufsichtsräten großer Konzerne

„Wir waren nie nur Gehilfen für den Pastor, sondern haben wirklich die Gemeinde geleitet“, sagt der 77-Jährige im Rückblick. Neben vielen schönen Dingen erinnert er sich auch an bittere Entscheidungen, etwa als die Kirchengemeinde ihren Kindergarten an die Kreisverwaltung abgeben musste, weil keine Erzieherinnen mehr auf die Insel kommen wollten.

Gelegentlich gab es auch handfeste Streitereien, sagt Kramer. Etwa mit einem Diakon, der eine „seltsame Auffassung“ hatte und die Arbeit auf der Insel nach Ansicht des Kirchenvorstandes mit einem Erholungsurlaub verwechselte.

Ein typischer Konflikt, sagt Gemeindeberater Matthias Wöhrmann aus Hannover. „Wenn es im Kirchenvorstand richtig knallt, dann geht es um Auseinandersetzungen zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.“ Die Kirchenvorstände seien in den vergangenen 20 Jahren selbstbewusster geworden. „Sie wollen nicht mehr nur die Entscheidungen der Pastoren abnicken, sondern etwas bewirken.“ Kirchenvorsteher seien heute vergleichbar mit den Aufsichtsräten großer Konzerne.

Ehrenamt für eine deutlich begrenzte Zeit

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Pastor Albert Wieblitz

Etwas bewirken will Katharina Powileit. Die junge Frau ist erst seit ein paar Wochen 18 Jahre alt und kandidiert erstmals für den Gemeindekirchenrat in ihrer Gemeinde Ocholt, die zur oldenburgischen Landeskirche gehört: „Ich will mich für die Jugendarbeit starkmachen“, sagt sie selbstbewusst. Seit Jahren ist sie als Betreuerin in der Konfirmandenarbeit aktiv. Sie will die Jugendlichen auch nach der Konfirmation in der Gemeinde halten.

Zweifel hatte sie jedoch wegen der langen Legislaturperiode von sechs Jahren. Für eine 18-Jährige ein kaum überschaubarer Zeitraum. Dieser Zweifel wird von immer mehr Menschen in der Kirche geteilt. Wer sich ehrenamtlich engagieren will, denkt an Zeiträume von ein bis zwei Jahren.

„Zu kurz für die komplexen Zusammenhänge, mit denen sich Kirchenvorsteher befassen müssen“, sagt Pastor Albert Wieblitz, Landespastor für Ehrenamtliche in der hannoverschen Landeskirche.

Ohne Kreativität geht die Lust am Ehrenamt verloren

Die Kirchenvorstände müssten sich aufgrund des demografischen Wandels und der knapper werdenden Gelder tief in die Personal- und Strukturdebatten einarbeiten. Da sei eine gewisse Kontinuität nötig. „Das ist nicht von Pappe und belastet auch mal die Seele. Burnout gibt es auch bei Kirchenvorstehern“, räumt Wieblitz ein.

Damit die Arbeit trotzdem Spaß macht und nicht in Frust umschlägt, bieten die Landeskirchen Auszeiten und Fortbildungen an. In der hannoverschen Landeskirche gibt es ein Projekt, in dem erfahrene Kirchenvorsteher neue Kollegen beraten und ihnen bei Problemen beistehen. Ein anderes Modell nutzt die reformierte Kirche. Zwar dauert auch hier eine Legislaturperiode sechs Jahre, doch wird alle drei Jahre die Hälfte des Presbyteriums neu gewählt.

„So erhalten wir die Kontinuität und bekommen trotzdem neue Leute hinzu“, sagt Kirchensprecher Ulf Preuß. Ein Modell, dass der Bremer Freiwilligen-Expertin Pfeiffer gefällt: „Aus der Wirtschaft wissen wir, dass Teams, die länger als vier Jahre zusammenarbeiten, ihre Kreativität verlieren.“ Und ohne Kreativität geht die Lust am Ehrenamt schnell verloren.

Text: epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen

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Ein Kirchenvorsteher berichtet

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Moritz Fischer-Kumbruch war bei der letzten Wahl 2006 der jüngste Kirchenvorsteher der hannoverschen Landeskirche. Er engagiert sich in seiner Gemeinde besonders für die Jugendarbeit.