Bild: biloba / photocase.com

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Kirchenvorstand - warum eigentlich?

Nachricht 05. Februar 2012

„Jede Kirchengemeinde muss einen Kirchenvorstand haben.“

Was so lapidar daher kommt, ist ein grundlegender Satz aus unserer Kirchenverfassung und aus unserer Kirchengemeindeordnung. Dahinter steht eine lange Geschichte und eine sehr klare Absicht. Die Geschichte beginnt vor beinahe 2000 Jahren. Damals, als sich die ersten christlichen Gemeinden bildeten, sprach kein Mensch von Kirchenvorständen. Warum auch? Die Christinnen und Christen trafen sich in den Häusern. Sie waren eine kleine überschaubare Zahl von Menschen, die sich begeistern ließen von Gottes froher Botschaft.

Eine Organisation mit Immobilien und Personal waren sie jedenfalls nicht. Und auch viele Jahrhunderte später, im Mittelalter, da gab es dann zwar eine Großorganisation, aber deren Verwaltung geschah zentral von Rom aus und lag in den Händen von Bischöfen und Priestern. Erst die Reformatoren um Martin Luther entdeckten etwas neu, was beinahe verschollen war: Jeder Mensch ist selbst verantwortlich für seinen Glauben und für seine Beziehung zu Gott. Das geschieht nicht stellvertretend für andere.  

Kirche ist im Ursprung eine Gemeinschaft Ehrenamtlicher

Die Reformatoren nannten das „allgemeines Priestertum“. Das ist eine der weitest gehenden Grundlagen der Evangelischen Kirche. Es ging Luther um die geistliche Kompetenz, die durch die Taufe allen zuteil wird. „Darum sind alle Christenmänner Pfarrer, alle Frauen Pfarrerinnen, es sei jung oder alt, Herr oder Knecht, Frau oder Magd, gelehrt oder Laie“, schreibt Martin Luther.

In ihren Ursprüngen ist die Kirche also eine Gemeinschaft Ehrenamtlicher. Immer wieder haben Ehrenamtliche in der Kirche aus Glaubensüberzeugung eine Verpflichtung übernommen und so Gott und den Menschen gedient. Sicherlich auch mit der Absicht, Freude dabei zu empfinden, etwas Sinnvolles zu tun und Menschen zu helfen, ihren christlichen Glauben zu leben.

Verantwortung bei Ehrenamtlichen erst seit 90 Jahren

Allerdings, so richtig hat das mit der Ehrenamtlichkeit vor 500 Jahren auch noch nicht geklappt. Entscheidungen und Verantwortung lagen in den Händen der Pastoren. Die Laien hatten nicht wirklich etwas zu sagen. Erst seit ungefähr 90 Jahren ist das anders. In dieser Zeit wurde die Evangelische Kirche sozusagen „durchdemokratisiert“. Ehrenamtlichen wurde die Verantwortung für die Gemeinden übertragen.  Und das ist gut so.

Der Kirchenvorstand – also ein Gremium, das aus gewählten und berufenen Ehrenamtlichen besteht - leitet gemeinsam mit dem Pfarramt die Kirchengemeinde. Das ist eine große, umfassende Aufgabe. Von der Ordnung der Gottesdienste, der Vermögensverwaltung und der Personalverantwortung bis zu den Gemeindegruppen, der Diakonie und dem Konfirmandenunterricht reicht die Palette.

Kirchenvorstände entscheiden

Der Kirchenvorstand hat also einen großen Entscheidungsrahmen, selbst wenn man einschränkend sagen muss, dass es oft Regelungen gibt, die vom Kirchenkreis oder von der Landeskirche schon vorgegeben sind. Die Frauen und Männer, die im Kirchenvorstand versammelt sind, können aber ihren Spielraum nutzen, um die Entwicklung und Ausrichtung der Gemeinde entscheidend zu beeinflussen.

Was nehmen wir uns vor? Was sind unsere Ziele? Wo setzen wir Schwerpunkte? Was lassen wir bleiben? Wie können wir Neues ermöglichen? Wie wollen wir das Evangelium in unserer Gemeinde lebendig werden lassen?

Managment mit dem Heiligen Geist

Das alles sind strategische Fragen, mit denen sich ein Kirchenvorstand immer wieder befassen muss. Ich nenne das gern „Management mit dem Heiligen Geist“. Wer sich als Kirchenvorsteherin oder Kirchenvorsteher dieser Aufgabe stellen will, braucht dafür Kraft und Zeit, Phantasie und Humor. 

Der Apostel Paulus schreibt im 1. Korintherbrief, Kapitel 12, über die vielen Gaben, die in einer Gemeinde zusammenkommen. Fast klingt es wie die Beschreibung eines guten Kirchenvorstands. Auch dort kommen Menschen zusammen, die unterschiedliche Begabungen, Einstellungen und Lebenserfahrungen mitbringen. Männer und Frauen unterschiedlicher Generationen, mit einer jeweils eigenen Glaubenshaltung, mit einem eigenen familiären Hintergrund, mit ganz persönlichen Vorlieben und Überzeugungen.

Durch ihre Verschiedenheit und Buntheit spiegeln sie die Gemeinde wider. Sie sind diejenigen, denen andere Menschen vertrauen und denen sie die Leitung der Gemeinde zutrauen. Das ist ein hohes Gut.

Kirchenvorstandsarbeit ist unverzichtbar

Schließlich noch dies: Ja, die Arbeit im Kirchenvorstand ist manchmal anstrengend, kompliziert oder sogar konfliktträchtig. Viel häufiger ist sie erfüllend und verheißungsvoll. Ganz sicher aber ist sie unverzichtbar für eine gute Entwicklung der Kirchengemeinde.

Menschen mit Weitblick und Hoffnung werden dafür gebraucht – und andere, die ihnen das Vertrauen aussprechen, indem sie zur Wahl gehen. Ich wünsche Ihnen eine gute Wahl am 18. März!

Der Autor

Pastor Albert Wieblitz ist Landespastor für Ehrenamtliche im Haus kirchlicher Dienste in Hannover