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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Palmsonntag

Nachricht 31. März 2012

Ein Zaungast

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 Reinhard Fiola

Irgendwie schräg war es schon, was ich heute Morgen erlebt habe. Da war ich gerade auf dem Weg zum Ölberg, um meine Obstbäume zu wässern. Plötzlich hörte ich von ferne ein paar Leute rufen; zuerst leise und undeutlich, aber dann immer klarer: „Hosianna, gelobt sei der König, in dem Namen des Herrn!“

„Schon wieder so ein paar religiöse Spinner“, dachte ich, „schon wieder welche, die meinen, sie hätten den Messias gefunden“. Ich blieb stehen, um mir das genauer anzusehen.

Und in der Tat: da kam eine bunte Gruppe von etwa 30 Leuten den Weg hinauf und rief einen von ihnen als den Messias aus. Den hatten sie auf einen viel zu kleinen Esel gesetzt, so dass seine Beine fast auf der Erde schleiften. Und während seine Anhänger immer wieder schrieen: „Seht, der Messias!“, war dem Mann auf dem Esel das Ganze sichtlich peinlich. Aber er ließ es geschehen. Einige breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere brachen Palmzweige ab und legten sie auf den Weg.

Ein paar Passanten, die wie ich auf dem Weg zur Arbeit waren, blieben stehen und guckten dem Schauspiel zu. Ich konnte die Fragezeichen auf ihren Gesichtern deutlich sehen: „Was soll das sein?“ Ein paar von ihnen tickten sich an den Kopf und gingen weiter. Ein älterer Mann neben mir schüttelte den Kopf und murmelte: „Sind die denn völlig durchgeknallt?“ 
Was sollte ich dazu sagen? Mir kam die Szene eher vor wie ein schlechter Witz. „Gottes Auserwählter? Auf diese Weise? Dass ich nicht lache!“

Doch dann entdeckte ich diese junge Frau am Straßenrand; ganz still stand sie da und blickte wie gebannt auf den Mann auf dem Esel. Sie hatte Tränen in den Augen und ihre Lippen formten lautlose Worte. Betete sie etwa?

Der Esel war vorüber gezogen, die Messias-Rufe wurden wieder leiser. Die junge Frau ging langsam hinter der Gruppe her. Ich drehte mich um, musste weiter zu meiner Arbeit. Der Alltag hatte mich wieder; in meinen Gedanken aber hing ich dem Ganzen noch lange nach. Was sollte daraus werden?

Pastor Reinhard Fiola

Gedanken in der Karwoche

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

In der Karwoche - von Palmsonntag bis Karsamstag - und an den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.