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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Ostersonntag

Nachricht 07. April 2012

Maria Magdalena am Grab

Silvia-Mustert
Silvia Mustert

Lange hat ihre Kraft gereicht. Sie ist nicht wie die anderen geflüchtet. Sie ist geblieben, hat ausgehalten in der Nähe des Kreuzes, wo sie ihre ganze Hoffnung elend verrecken sah. Maria von Magdala. Am Abend der Kreuzigung hat sie mit anderen getan, was getan werden musste. Am Sabbat hat sie still gehalten. Und nun, am Ostermorgen will sie das tun, was nun dran ist: den Leichnam salben. Wie so viele Frauen in der Menschheitsgeschichte ist sie nach einem schweren Schock wieder aufgestanden, um das zu tun, was der Alltag von ihr fordert.

Doch im Morgengrauen am Grab des geliebten Menschen gerät sie an ihre Grenzen. Das Grab ist leer. Zwei Männer in glänzenden Kleidern reden gut zu ihr, ein Fremder nähert sich ihr behutsam. Sie weint. Ist überfordert von so viel Unglaublichem im frühen Morgengrauen. Nicht hier? Auferstanden? Er? Wer redet da? Wer ist dieser Fremde, so fern und doch so seltsam vertraut, der ihren Namen kennt und sie zurück in eine Hoffnung ruft? Zu viel für eine Frau, deren Kraft so lange reichen musste.

Dann das erlösende Wort. „Maria!“ ruft er. „Rabbuni-Meister!“ antwortet sie. „Geh hin und erzähle es meinen Brüdern“. Eine Szene zärtlichen Erkennens. Vertraute Worte, ein Auftrag, voller Zutrauen in die Kraft einer Frau. Mehr nicht. Keine Berührung, kein eifriges Tun, keine handfeste Gewissheit. Nur Stehen. Schauen. Hören. Ein erstes Für-wahr-Halten an der Grenze zwischen Nacht und Tag, zwischen Tod und neuem Leben. Hier, an der Grenze, keimt die Hoffnung, die sich an Vertrautes erinnert und zu neuem Leben aufbricht. Kraft kehrt zurück. Schritte werden möglich. Hier, am Ostermorgen.

Pastorin Silvia Mustert

Gedanken an den Ostertagen

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

In der Karwoche - von Palmsonntag bis Karsamstag - und an den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.