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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Ostermontag

Nachricht 08. April 2012

Kleopas kommt vorbei

Klaus-Uwe Nommensen
Klaus Uwe Nommensen

Ein heftiges Klopfen weckt mich. Ich bin zu müde, um aufzustehen. Gestern Abend konnte ich lange nicht einschlafen. Meine Gedanken kreisten um meine Besuche bei Kleopas. Zweimal hatte ich ihn besucht. Von ihm, dem Onkel des Nazareners, wollte ich mehr erfahren über das Leben und den Tod dieses Jesus von Nazareth, um darüber eine Geschichte schreiben zu können.

Bei unserer ersten Begegnung hatte ich einen Mann angetroffen, der hin- und hergerissen war zwischen Hoffnung und Verzweiflung: Sein Neffe war im Zusammenspiel von Tempel und Staat am Wochenende hingerichtet worden. Drei Tage später hatten Frauen aus dem Freundeskreis des Nazareners nur ein leeres Grab vorgefunden. Dort hatten ihnen zwei Fremde gesagt, Jesus sei auferweckt worden. Fluchtartig hatten sie das Grab verlassen. Auch Kleopas wusste nicht, was er davon halten sollte: Ein Toter sollte nicht mehr tot sein?

Es klopft erneut. „Sind sie schon wach?“, die Stimme von Kleopas. Ich stehe auf und gehe zur Tür. Dort wartet tatsächlich Kleopas. „Wir waren blind“, begrüßt er mich erregt. Ich sehe ihn verdutzt an. Seine Stimme klingt alles andere als so matt wie in unseren vorherigen Gesprächen.

„Ich war blind“, wiederholt er. „Ich hatte nur noch die grausame Szenerie der Kreuzigung vor Augen gehabt. Ich hatte nur meine Träume und Hoffnungen mit Jesus sterben sehen. Was blieb, war die alte Wirklichkeit, die aburteilt, hasst, Gewalt sät.“

Ich bitte Kleopas herein. Am Tisch sprudeln seine Gedanken weiter: „Jesus und seine Möglichkeiten hatte ich ganz und gar aus dem Blick verloren. Darum habe ich ihn auch nicht erkannt, als er neben uns herging“. Kleopas hatte mir gestern erzählt, dass er mit seinem Sohn wieder in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, in seine alte Welt.

„Wann ging er neben ihnen her?“ frage ich verwirrt. „Wir waren vielleicht eine halbe Stunde gegangen, mit hängenden Köpfen und kreisenden Gedanken. Wir merkten gar nicht, dass jemand neben uns herging. Er sprach uns an. Und dann begann er zu erzählen, Geschichten und Lieder von Menschen, die auf Gott gehört hatten, die wie Jesus geschmäht, verfolgt und geschlagen worden waren. Der Fremde neben uns erzählte von der Gewissheit, dass Gott sie nicht allein gelassen hatte. Wir merkten gar nicht, dass wir bereits in Emmaus angekommen waren. Wir wollten mehr hören, unser Herz brannte richtig. Wir luden ihn ein, mit uns zu essen.“

Kleopas holt Luft. „ Und dann geschah es. Der Fremde nahm das Brot und sprach das Tischgebet. Da sahen wir ihn vor uns: Jesus, wie am Abend vor seiner Hinrichtung.“ - „Und wo ist er jetzt?“ frage ich. Kleopas Augen leuchteten: „Er lebt!“

Pastor Klaus-Uwe Nommensen

Gedanken an Ostern

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

An den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.