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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Mittwoch der Karwoche

Nachricht 03. April 2012

Judas zweifelt

Klaus-Uwe Nommensen
Klaus Uwe Nommensen

Jetzt an der Tür zur Tempelverwaltung kommen mir Zweifel. Ich hatte von ihren Plänen erfahren, Jesus möglichst unauffällig aus dem Weg zu schaffen. Ich könnte ihnen dabei hilfreich sein.

Fast drei Jahre lang war ich an der Seite dieses Jesus durch das Lang gezogen. Ich zählte zu seinen Freunden. Gerechtigkeit, dafür setzte ich mich ein. Den Armen endlich zu ihrem Recht verhelfen, sie nicht mehr Spielball der Reichen und Mächtigen sein lassen. Das hatte ich auch von Jesus erhofft. Gerade er war immer wieder auf die Menschen am Rand zugegangen.

Seit einigen Tagen waren wir nun in Jerusalem. Wie ein König war Jesus begrüßt worden. Jetzt, hier könnte es passieren, die Mächtigen von ihren Thron zu stürzen. Hatte Jesus doch mit einem Esel als Reittier bei seinem Einzug in die Stadt demonstriert, nicht mit Macht, Gewalt oder Reichtum zu herrschen. Doch bis jetzt war nichts geschehen. Keine Anzeichen, dass Jesus etwas radikal verändern würde.

Heute Nachmittag war er wieder bei Menschen am Rand zu Gast. In einem Vorort von Jerusalem: Bethanien, „Haus der Armen“. Im Hause Simons, der überall nur „der Aussätzige“ genannt wurde.

Da hatten sie dicht gedrängt gesessen, arm, aber voller Hoffnung. Und ihre Hoffnung war Jesus. Auf einmal hatte eine Frau den Raum betreten, war geradezu auf Jesus zugegangen. Ich hatte zunächst nicht genau sehen können, was sie tat. Aber plötzlich durchzog der Duft den ganzen Raum. Dann sah ich: Den ganzen Inhalt eines Fläschchens teuren Salböls verteilte sie zärtlich auf Gesicht, Hals, Arme, Hände, Füße. Jesus schien es zu genießen.

„Pure Verschwendung!“ Ich spürte die Wut in mir hochsteigen. „Das Salböl hätte gutes Geld gebracht, das wiederum hätten wir an Arme verteilen können.“
Und dann die Antwort Jesu: Mit den Armen teilen, das könnten wir jederzeit, doch diese Frau war zärtlich, hätte ihm ihre ganze Liebe gezeigt, jetzt, da er noch lebte. Bald würden wir nur noch seinen Leichnam salben können.

Liebe ist nicht immer gerecht – ich hatte begriffen. Aber ist nicht Gerechtigkeit wichtiger, sind nicht Recht und Würde für alle Menschen durchzusetzen?
An diese Frau werden sich noch Generationen erinnern, hatte Jesus gesagt. Eher an die Liebe als an die Gerechtigkeit? Wütend, zweifelnd hatte ich mich auf den Weg gemacht.

Ich klopfe. Ein Tempeldiener öffnet. Ich gehe hinein in das Haus des Hohenpriesters. Doch ich werde noch einmal zu Jesus zurückkehren: Liebe ist nicht immer gerecht, aber bewirkt sie Gerechtigkeit?

Pastor Klaus-Uwe Nommensen

Gedanken in der Karwoche

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

In der Karwoche - von Palmsonntag bis Karsamstag - und an den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.