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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Karsamstag

Nachricht 06. April 2012

Brief des Petrus aus Jerusalem an seine Familie in Galiläa

Pastor Kay Oppermann
Pastor Kay Oppermann

Lieber Andreas, lieber Thomas und alle die ich in Galiläa zurücklies, liebe Familie, Ihr Brüder und Schwestern im Glauben an den allmächtigen Gott,

lange habt ihr kein Wort und keine Nachricht von mir bekommen. Vielleicht dachtet Ihr schon, ich sei gestorben. Doch seid beruhigt: Ich lebe und gesund bin ich auch. Umso mehr sehne ich mich nach Euch meiner Familie, nach meiner Heimat.

Wenn ich beginnen würde, Euch zu beschreiben, was mir auf dem Weg mit Jesus, unserem Meister, wiederfahren ist, so würden meine Worte nicht ausreichen. Ich habe Wunder gesehen und gute und treue Freunde gefunden. Doch nun ist alles verloren. Jesus wurde gefangen genommen. Ich bin starr vor Kummer.

Noch vor drei Tagen hätte ich es nicht für möglich gehalten, mich so sehr nach Euch, meiner Familie zu sehnen. Wie sehr war ich mir doch sicher, dass Gott diesen Weg für mich vorherbestimmt hat. Doch nun lebe ich in Angst, dass ich auch gefangen genommen und gefoltert werde. Nicht nur die Römer, nein, unser eigenes Volk ist verrückt geworden. Sie haben unseren Meister mit Jubel begrüßt und kurz danach verraten.

Ich habe so sehr geglaubt, dass seine Worte und Wunder die Herzen unseres Volkes verändern. Wie sehr haben schon unsere Väter auf einen Messias gehofft. Keiner ist gekommen. Nun ist er da und wir verstehen es nicht. Ich verstehe es nicht. Was sind wir für ein Volk, das seinen Retter gefangen nimmt. Was bin ich für ein lausiger Schüler, dass ich meinem Meister nicht beistehe?

Ich will offen zu Euch sein: Gestern habe ich drei Mal gesagt, dass ich ihn gar nicht kenne, und ich hasse mich dafür. Was soll ich bloß machen? Diese Angst sitzt mit wie eine Krähe im Nacken , die sich mit ihren scharfen Klauen in meinen Hals bohrt.

Das Schlimmste ist jedoch: Jesus, der Meister, hat es gewusst. Prophezeit hat er mir, dass ich schwach bin, ein Lügner und Betrüger. Wie konnte ich bloß denken, dass ich – ich sein Werk weiterführen kann?

Lieber Brüder und Schwestern, während ich Euch dies schreibe, fließen wieder meine Tränen und doch bin ich erleichtert, Euch von meinem Schicksal berichten zu können. Betet für mich, betet für Simon, der Euch verlies um Gott zu dienen.

Heute will ich mich noch einmal mit den anderen zehn Jüngern treffen. Wenn wir uns nicht wiedersehen, habe ich meinen Platz hier in Jerusalem für Gott gefunden. So weint nicht um mich, denn es ist Gottes Wille. Kehre ich zu Euch zurück, so seid nachsichtig mit mir und nehmt mich wieder auf, auch wenn ich es nicht verdiene.

Und doch bitte ich Euch: Betet mit, dass unser Volk erkennt, dass Gottes Sohn gekommen ist, um uns zu retten.

Euer in Gott ergebener Simon.

Pastor Kay Oppermann

Gedanken in der Karwoche

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

In der Karwoche - von Palmsonntag bis Karsamstag - und an den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.