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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Karfreitag

Nachricht 05. April 2012

Maria Magdalena unterm Kreuz

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 Reinhard Fiola

Sie haben ihn gekreuzigt. Es ist eine Katastrophe. Ich mag kaum hinsehen. Es ist einfach nur grausam, wie er dort hängt. Wer auch immer sich diese Hinrichtungsart ausgedacht hat – es muss ein Sadist gewesen sein. Es wird noch stundenlang so weitergehen, bis denn der Tod endgültig eintritt. Ich, Maria Magdalena, bin es ihm schuldig, dass ich bis zum bitteren Ende bleibe; er hat mir so viel gegeben. Aber woher soll ich die Kraft dazu nehmen? Ich kann es ja jetzt kaum noch ertragen.
Die Männer aus unserer Freundesgruppe sind schon lange geflohen, neben mir sind nur noch seine Mutter Maria und ein paar andere Frauen hier; so viel zum Thema 'starkes Geschlecht'.

Aber es ist nicht nur der Anblick, der mir fast den Verstand raubt. Es ist genauso die Frage, warum er das alles mit sich hat machen lassen. Warum hat er sich nicht gewehrt, als sie ihn festgenommen haben? Warum hat er nicht einmal widersprochen, als sie ihn beschuldigt haben? Seine Mutter meint, er habe sich den Propheten Jesaja zum Vorbild genommen; da gibt es diese Stelle im 53. Kapitel: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen wäre. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.“

Sollte Jesus es so gemeint haben? Mir läuft es eiskalt den Rücken runter, wenn ich daran denke. Andererseits: zu ihm passen würde es schon. Gestern Abend beim letzten Mahl mit seinen Freunden soll er gesagt haben: „Mein Leib, für dich gegeben“ und „mein Blut, für dich vergossen“? Sollte er sich tatsächlich als 'Gottes Lamm' verstehen? Aber warum? Kann das Gottes Wille sein?

Ich mag es nicht denken. Es zerreißt mir das Herz. Wir haben uns noch so Vieles von ihm erhofft. Warum tut er uns das an? Wir lieben ihn doch über alles in der Welt!
Doch er hängt am Kreuz.
Es ist eine Katastrophe!

Pastor Reinhard Fiola

Gedanken in der Karwoche

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

In der Karwoche - von Palmsonntag bis Karsamstag - und an den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.