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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

Gründonnerstag

Nachricht 04. April 2012

Brief an Judas Ischkarioth

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Hans-Christof Vetter

Schalom Judas, du Mann aus Karioth,

Dir gilt dieser Gruß, der Friede verspricht und der sprachlich aus der Region kommt, aus der Du stammst. Dir schreibe ich an dem Tag, an dem wir Christen uns an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern erinnern. Jesus hat dort angekündigt, dass Du ihn verraten wirst: „weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Und dann seid ihr beide am Holze hängend geendet: er gefoltert und gemordet am Kreuz, du an einem Hanfseil baumelnd an irgendeinem Baum.

Was waren Deine letzten Gedanken vor diesem Baum? Hast Du noch einmal überlegt, warum Du ihn übergeben hast - das Geld kann es ja nicht gewesen sein. Die 30 Silberlinge, billiger Sklavenlohn. Die Frage hat viele Theologen nicht losgelassen: Wolltest Du durch die Verhaftung den Aufstand gegen die Römer herbei zwingen? Wolltest Du Jesus vor seinem eigenen Scheitern schützen? Hast Du vielleicht doch einen klaren Auftrag Gottes gespürt - Werkzeug in einem Heilsplan? Ich bin mir sicher, dass Du gute Gründe gehabt hast, diesen Weg zu gehen.

Du hast dort im Garten nicht mit dem Finger auf den Verratenen gezeigt, sondern ihn geküsst. Nein, das war nicht die Begrüßung des Lehrers durch einen Schüler, wieso hättest Du ihn so begrüßen sollen, wenn Du ihn doch verrätst? Das war eine letzte Botschaft: ein Kuss zum Abschied? Ein Zeichen, wie sehr du ihn liebst? Und Jesus hat die Botschaft verstanden: „Mein Freund“, hat er dich angeredet. Der Kuss ist und bleibt ein Zeichen der Liebe. Und jedes Mal, wenn heutzutage vom „Judaskuss“ geredet wird, ist es wie ein Schmerz in meinem Herzen, weil Deinem Kuss die liebende Botschaft genommen wird.

Und als Du dann gesehen hast, dass alles anders kommt, hast Du den „Judaslohn“ - auch so eine Redensart, die Deine Geschichte auf einen billigen Verrat reduziert - in den Tempel geworfen. Und die, die ihn Dir gegeben haben, haben den Sklavenlohn einfach wieder zurück genommen.

Ach Judas, ich würde Dich gern besser verstehen, aber weiß zu wenig von Dir. Und all die Legenden, die um Dich herum gewoben wurde, haben Dich zum Schuft und Dieb gestempelt. Schon die Evangelisten haben damit begonnen. Das ist einfach zu banal und zu billig. So leicht können wir es uns nicht machen. Was hast du gedacht, als Du unter dem Baum gestanden bist? Hat deine Schuld Dich erdrückt, wie viele mutmaßen? Das kann nicht sein, denn Schuld kann vergeben werden. Jesus hat am Kreuz auch Dir vergeben. Nein, es war wohl eher die Scham? Scham ist nicht auszuhalten. Scham kann keiner nehmen. Das hat Jesus gemeint, als er gesagt hat: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“

Und alle, die so genau wissen, dass das, was Du getan hast, der Verrat des Lebens war, vergessen, dass es Leben ohne Verrat nicht gibt. Deshalb, lieber Judas, bist Du Bruder, mein Bruder, unser Bruder, weil Du immer auch der geliebte Bruder Jesu bleiben wirst.

So gilt Dir am Gründonnerstag mein Gruß.
Gott befohlen,
Dein Bruder

Pastor Christof Vetter

Gedanken in der Karwoche

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 Illustration: Dorothee Krämer, Esslingen

In der Karwoche - von Palmsonntag bis Karsamstag - und an den beiden Osterfeiertagen lädt die Redaktion der landeskirchlichen Internetseite zum Nachdenken über die Passionsgeschichte ein. Pastorinnen und Pastoren aus der Abteilung Internet, aus der Pressestelle der Landeskirche und aus der Bischofskanzlei, die sonst miteinander über die Inhalte des Tagesthemas entscheiden, schreiben über Menschen in der Passionsgeschichte und wünschen allen viele gute Gedanken beim Lesen.