dkh_kopf_sahel

Bild: Brot für die Welt

Burkina Faso

Nachricht 28. Juni 2012

Nothilfe & Vorsorge

Mustaph ag Mohamed ist nicht das erste Mal mit Familie und Vieh im Norden von Burkina Faso. Vor 14 Jahren suchte er in der Gegend schon einmal Zuflucht vor Gewalt im Nachbarland Mali. Dies sei in den 90er-Jahren gewesen, damals sei einer seiner Söhne hier geboren worden, berichtet er der Delegation der Diakonie Katastrophenhilfe, die sich mit dem Leiter der Programmabteilung an der Spitze über die Krise in der Grenzregion informiert. Mustaph ag Mohamed berichtet von schweren Übergriffen gegen die friedliche Tuareg-Bevölkerung bei den Kämpfen zwischen Militär, Milizen und Tuareg-Rebellen.

Viele der Tuareg befürchten, dass sich nach dem Staatsstreich in Mali die Lage im Land zuspitzt und sie lange im Exil leben müssen. Auch Mohamed el Moctar, einer der Ältesten bei den Tuareg, befürchtet, dass sich die Flüchtlinge auf ein längeres Asyl einstellen müssen angesichts der Probleme in der Heimat.

Ein ganzes Dorf auf der Flucht

Mustaph ag Mohamed hat inzwischen eine verantwortungsvolle Position. Er wurde nach der Rückkehr in seine Heimat zum Bürgermeister seines etwa 40 Kilometer von der Grenze entfernten Dorfes gewählt. Fast alle der 3000 Bewohner führte er nach Burkina Faso – sie müssen sich jetzt in der unwirtlichen Grenzregion niederlassen. Sie seien sehr freundlich empfangen worden und sie würden hier Frieden finden, berichtet der Bürgermeister. Doch die Lage sei schwierig.

Ringen um Wasser und Weideland

Martin Kessler von der Diakonie Katastrophenhilfe teilt diese Meinung. Die Versorgung der Flüchtlinge laufe nun an; trotzdem sehe Konflikte zwischen den Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung. Wasser, Weideland und Nahrungsmittel seien äußerst begrenzt. Wegen der Dürre ist fast die gesamte letzte Ernte ausgefallen, berichtet Kessler. "Die Menschen haben keine Reserven mehr."

„Wir haben Hunger“

Der Hunger und die Flucht bringt die Menschen an ihre Grenzen: Der leise und zurückhaltend sprechende Bürgermeister der Tuareg lobt die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Trotzdem reiche das für die Tausenden Flüchtlinge bei Weitem nicht aus. Obwohl es sein Stolz nicht erlaube und er sich dafür schäme, spricht er offen über die Nöte der Flüchtlinge: „Wir haben Hunger.“

Dürrekatastrophe absehbar

Das Grenzgebiet liegt in der von einer schweren Dürre betroffenen Sahelzone. Die Felder sind ausgebrannt, manche Gegenden sind zu Sand- und Steinwüsten geworden. Wenn Niederschläge in der kommenden Regenzeit ab Juni ausbleiben, ist eine Dürrekatastrophe absehbar. Der Flüchtlingsstrom verschärft die angespannte Situation weiter. Daher unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe von der Dürre besonders stark betroffene Menschen – vor allem mit Nahrungsmitteln.

Hilfe kommt an

Martin Kessler von der Diakonie Katastrophenhilfe erklärt: „Wir sorgen dafür, dass die Menschen trotz Dürre in ihren Dörfern bleiben können. Die Flüchtlinge konkurrieren mit der lokalen Bevölkerung um Wasser, Weidegründe und andere Ressourcen.“ Für das evangelische Hilfswerk gehe die Hilfe weiter: Es sei geplant, die Unterstützung in der Region mit lokalen und internationalen Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT Alliance auszuweiten.

Warum hat sich die Lage so zugespitzt?

In den Ländern der Sahelzone kommen viele Faktoren zusammen:

  • 1. Die Auswirkungen des Klimawandels machen der ohnehin sehr trockenen Region zunehmend zu schaffen. Vielerorts hat es im vergangenen Jahr kaum oder gar nicht geregnet. In der Folge sind die Ernten bis zu 50 Prozent unter denen vom Vorjahr geblieben, was zu enormen Preissteigerungen geführt hat. Im Niger beispielsweise ist es nach 2010 bereits die zweite schwere Krise innerhalb weniger Jahre. Die Menschen hatten keine Zeit, sich von den Folgen der vorhergehenden Dürre zu erholen und neue Vorräte anzulegen oder ihre Viehbestände wieder aufzustocken.
  • 2. Politische Konflikte, wie die Tuareg-Rebellion in Mali oder der Umsturz in Libyen im vergangenen Jahr, verschärfen die Lage. Aus Mali sind mittlerweile mehr als 180.000 Menschen in die Nachbarländer geflohen. Doch dort ist die Versorgungslage wegen der Dürre angespannt. Nach dem Konflikt in Libyen sind zudem etwa 200.000 Gastarbeiter aus dem Tschad und Niger in ihre Heimat zurückgekehrt. Jetzt fehlt ihren Familien das Geld, das sie regelmäßig aus dem Ausland bekommen haben, während gleichzeitig mehr Menschen zu versorgen sind.
  • 3. Die Not hat auch strukturelle Ursachen. Die Sahel-Länder gehören zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Die landwirtschaftliche Produktivität hält mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt. Übernutzung von Weide- und Anbauflächen laugen die Böden und Ressourcen aus –die Erträge sinken. Gleichzeitig fehlt es an Investitionen in die Landwirtschaft und an Vorsorgestrategien der Staaten.
diakonie_katastrophenhilfe

Die Themen der Woche

Dienstag, 26.6.2012
Sahelzone – Ursachen und Wirkungen der Krise

Mittwoch, 27.6.2012
Niger – Soforthilfe für die Ärmsten 

Donnerstag, 28.6.2012
Tschad – Ernährungssicherung im Zeichen des Klimawandels

Freitag, 29.6.2012
Burkina Faso – Nothilfe & Vorsorge

Samstag, 30.6.2012
Mali – Humanitäre Schutzzone  

Sonntag, 1.7.2012
Von der Katastrophenhilfe zur nachhaltigen Entwicklung

duerre_sahel_diakonie_katastrophenhilfe_1027
Im fast ausgetrocknete Flussbett des Kakassi River versuchen die Anwohner trinkbares Wasser das sich in den gegrabenen Loechern sammelt zu schöpfen. Bild: Christoph Pueschner / Diakonie Katastrophenhilfe