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 Bild: Marcel Domeier / Diakonisches Werk Hannovers

Mittendrin - Tagesförderstätte in lebendiger Nachbarschaft

Nachricht 03. September 2013

Im Frühjahr 2013 wurde im hannoverschen Stadtteil List Eröffnung gefeiert. Die Tagesförderstätte der Annastift Leben und Lernen gGmbH für Menschen mit wesentlicher Behinderung, kurz „Tafö‟, ist mittlerweile bestens in die Nachbarschaft integriert.

"Hier ist einfach mehr los!"

Zur Eröffnungsfeier kamen viele: Nachbarn, Freunde und Angehörige, der Pastor der nahen Kirchengemeinde, Geschäftsleute, Stadtteilpolitiker und der hannoversche Bürgermeister. „Ich freue mich wirklich riesig, dass diese Tagesförderstätte entstanden ist und vielleicht auch zum Vorbild für andere wird!“, sagte Bernd Strauch.

In der Tafö ist nicht nur an Feiertagen gute Stimmung. Der Besucher wird freundlich begrüßt, zum Beispiel von Sabrina Schmidt. Die 24-Jährige gehört zu den knapp 20 Beschäftigten der Tafö und ist dort unter anderem für die Erfassung von Kundenaufträgen zuständig. Seit ihrer Geburt querschnittsgelähmt, bedient sie den Computer mit einer Mundspange. Auch wenn die Tafö kein Geschäft ist und keine Gewinne erwirtschaften muss, bietet sie Dienstleistungen wie die Digitalisierung von Fotos und Schallplatten an.

„Wir betreten mit diesem Projekt Neuland“, erklärte Dr. Ulrich Spielmann, Geschäftsführer der Annastift Leben und Lernen gGmbH. „Wir wollen hier deutlich mehr als Beschäftigung bieten. Wir wollen ein Teilhabe-Zentrum im Stadtteil sein.“ Die meisten der Beschäftigten kamen aus einer anderen Tagesförderstätte des Annastiftes am Rande Hannovers. Auch Bärbel S. gehört zu denen, die „umgezogen“ sind. Sie hat einen Schlaganfall erlitten, lebt in ihrer eigenen Wohnung in der List und freut sich, dass sie nun einen kürzeren Weg hat. Für Maher Badaoui gibt es noch einen anderen Grund, warum er sich für die Einrichtung in Zentrumsnähe entschieden hat: „Hier ist einfach mehr los!“ sagt der 25-Jährige.

Echte Teilhabe

Leiterin Andrea Breitling ist begeistert von der Resonanz: „Ich habe anfangs gedacht, ich müsste sehr viel tun, damit uns Menschen aus dem Stadtteil besuchen,“ berichtet sie, „aber sie sind von Beginn an von selber gekommen!“ Regelmäßige Kunden und einige Ehrenamtliche gehören dazu und das monatliche Nachbarschaftscafé wird ebenfalls bestens angenommen. Und auch die Politik zeigt Engagement:

Bezirksratsvertreter notierten sich bei einer gemeinsamen Stadtteilbegehung, wo etwa noch Bordsteinkanten abgesenkt werden müssen, damit sich die Tafö-Beschäftigten ungehindert in der Umgebung bewegen können. Eine gute Voraussetzung für echte Teilhabe.

Ines Goetsch ist freie Journalistin und Mitarbeiterin in der Öffentlichkeitsarbeit des Diakonischen Werkes der Landeskirche Hannovers.

Auf der Straße

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 Pastor Sven Quittkat

"Muss das denn sein?" "Das hätte man doch vorher regeln können." "Dich haben sie wohl vergessen?" - Solche Sprüche bekommt Schwester Petra zu hören, wenn sie mit einem mehrfachbehinderten Menschen im Rollstuhl durch die Fußgänger-zone geht. Unverhohlen und laut machen manche Vorübergehende ihre Kommen-tare. Vielleicht wollen sie sich auch einfach nur den Anblick eines Menschen im Rollstuhl mit verzerrten Gesichtszügen ersparen. Deutlich geben einige zu erken-nen: Behinderte Menschen gehören für sie nicht in die Fußgängerzone, wo Men-schen flanieren und sich vergnügen wollen.

Schwester Petra erzählt weiter: "Es ist ganz anders, wenn wir durch die Straßen in anderen Stadtteilen gehen. Wo nicht so viel Geld da ist. Wo Studenten leben und ausländische Mitbürger. Da hören wir nie solche Sätze. Da wird uns für die großen Rollstühle auch gerne Platz gemacht und sogar geholfen, wenn wir über Schwellen müssen." Ob es einfacher ist, andere, besondere Menschen zu akzeptieren, wenn man sich selbst als fremd oder anders oder besonders erlebt? Zumindest, wenn man anders ist als die, die als vermeintlich "Normale" auf den Königsalleen, Ku-dämmen und Einkaufspromenaden dieser Welt herumlaufen.

Schwester Petra arbeitet mit mehrfachbehinderten Menschen. Ihr Anliegen ist es, dass diese Menschen ungehindert am normalen Leben teilhaben können. Sie möchten, wie wir alle in die Stadt, sie wollen Schaufenster ansehen, einkaufen, selbstständig ihre Kleidung aussuchen. Ein Rockkonzert besuchen. Oder ein Spiel von Hannover 96.

Im Therapiezentrum Hilde-Schneider-Haus der Henriettenstiftung in Hannover werden 55 Schädel-Hirngeschädigte Menschen versorgt, die durch ihre Mehrfach-behinderung nicht in häuslicher Umgebung leben können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten eng mit den Familien zusammen. Sie machen nicht nur eine gute Pflege, sondern versuchen auch, auf die Wünsche der Bewohner einzugehen. Auch wenn das nicht immer einfach ist. 

Inklusion nennen wir das heute: die gleichberechtigte Teilhabe von allen Menschen am gesellschaftlichen Leben. Ich glaube, Inklusion fängt in den Köpfen und Herzen an. Und ich habe den Eindruck: Gesunde und Starke haben oft harte Herzen. Haben sie es wirklich noch nicht erlebt oder haben sie es nur vergessen, wie es ist, wenn man aus dem Rahmen fällt, nicht ganz so ist wie die meisten, oder einfach Hilfebedarf hat? Jesus sagte einmal: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt.“ Manchmal denke ich: wie krank ist der denn, der sich für normal hält?

Pastor Sven Quittkat, Radiokirche im NDR