Plötzlich lag eine Packung Kreide im Briefkasten, "um den Nachbarn etwas Nettes zu schreiben." Die Aktion des Kirchenkreises Burgdorf kam gut an. Bild: Christine Warnecke
Eine Corona-Zwischenbilanz

Den Menschen nah bleiben - dem Virus zum Trotz

"Friede sei mit dir - und bleib gesund!" hat das Mädchen seiner Nachbarin in bunten Farben vor die Haustür geschrieben. „Die Kreide lag plötzlich in unserem Briefkasten", sagt sie. „Wir sollten unseren Nachbarn etwas Nettes schreiben." So wie die Neunjährige haben Tausende Menschen während des Corona-Lockdowns Straßenmalkreide in ihren Briefkästen gefunden, gesponsert vom Kirchenkreis Burgdorf.

Vor den Haustüren von geflüchteten Familien im Kirchenkreis standen dagegen ganze Pakete - gefüllt mit buntem Papier, Stiften, Scheren, Malblöcken, Klebstoff und Bastelanleitungen. Eine Abwechslung für Tage, die in kleinen Wohnungen ohne Kita- oder Schulbesuch schnell lang(weilig) werden können.

Die Wünscheleine in Cuxhaven. Bild: Matthias Schiefer

Einige Kilometer weiter flattern immer noch bunte Postkarten an einer Leine im Wind vor der Christopherus-Kirche in Bissendorf-Wietze. „Zum Mitnehmen, Mut machen und weitergeben“, steht auf einem Hinweisschild. Auf den Postkarten finden sich Segens- und Mutmach-Worte, sie können einfach gepflückt und auch an Freunde oder Nachbarn weitergegeben werden. Und weil Abstands- und Hygieneregeln im Freien einfacher einzuhalten sind, bot Pastorin Julia Krohmer in Groß Munzel einen Mitmach-Spaziergang an. An acht Stationen rund um die Kirche konnten die Besucher*innen sich Gedanken zum Thema Taufe und Wasser machen. "Viele Besucher waren dabei, die sonst gar nicht oder nur selten in die normalen Gottesdienste kommen", freut sich Krohmer.

Vier Aktionen: ein kleiner Ausschnitt aus einer riesigen Fülle von Ideen, dank derer viele Kirchen dem Virus trotzten und den persönlichen Kontakt zu den Menschen nie abbrechen ließen.

Bild: Andrea Hesse

Corona war und ist eine enorme Einschränkung für das Miteinander. Der Wegfall vieler gewohnter und lieb gewonnener spiritueller Angebote schmerzt. Und doch hat die globale Krise auch viel kreative Energie freigesetzt. Überall sind neue Ideen und Impulse entstanden und vielfach auch dauerhaft umgesetzt worden: Ob "Andacht to go" per USB-Stick, CD, Telefon oder Post, ob Kinder Steine bemalen und zu langen Ketten auslegen, ob Einkaufshilfen angeboten werden, "Mutmachbriefe" verschickt oder musikalische Grüße online versandt werden konnten. Mehr denn je zählten Austausch, persönliche Erfahrungen und das Miteinander. Ein Versuch, all die Ideen und Formate zu zählen, scheitert schon daran, alle „Ausspielwege“ zu erfassen: Webseiten der Kirchenkreise, Gemeinden und Sprengel, ihre jeweiligen sozialen Medien, per CD, Flugblatt, Aushang, Zeitung, Post - oder eben Straßenmalkreide im Briefkasten. Und zur Not hieß es eben auch Autositz statt Kirchenbank, Lkw-Bühne statt Altarraum, Musik und Liturgie aus dem Radio: Beim Auto-Gottesdienst kann jede*r sorglos mitsingen. Ungewohnt, aber "das kann in Serie gehen", findet etwa Superintendent Friedrich Selter, der einen solchen "Drive-In-Gottesdienst" in Göttingen gefeiert hat. Auch in Osnabrück, Braunschweig und anderen Orten hat man diese Idee umgesetzt.

Der Baum der Wünsche in Iber in der Nähe von Einbeck. Bild: Elsa Höffker

Hinzu kommen diverse Online-Gottesdienste, -Andachten und andere digitale Formate. Beinahe jede Kirchengemeinde hat mittlerweile ein solches Angebot, auf Webseiten, Facebook, Instagram und Youtube. Die Landeskirche produziert dazu seit März jede Woche einen Online-Gottesdienst. Zwischen 150 und 250 Kirchengemeinden übernehmen diesen Gottesdienst, der vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen-Bremen (ekn) produziert wird, auf ihre Internetseiten. Sonntags stehen von 8 bis 13 Uhr Pastor*innen über die Kommentarfunktion von Facebook und YouTube für Gesprächsanliegen zur Verfügung. Bis zu 30.000 Menschen erreicht der zentrale Online-Gottesdienst der Landeskirche jede Woche - der vermutlich meistgesehene kam aus der Liebfrauenkirche Neustadt und wurde musikalisch begleitet von Heinz Rudolf Kunze.