Bild: Jens Schulze
PORTRÄT ESTHER-SOPHIE WORBS, KRANKENSCHWESTER AUS OSNABRÜCK

Getauft - gezweifelt - zurückgefunden

Esther-Sophie Worbs entscheidet sich mit 13 Jahren selbst für die Taufe, ist aktiv in der Gemeinschaft der Gläubigen. Als junge Erwachsene zweifelt sie an Gott und entfernt sich auch von der Kirche. Heute engagiert sie sich für Kinder in der Gemeinde – und merkt erst mit Mitte 20, was sie in den Jahren der Distanz vermisst hat. 

Die Nähe zu Gott und seiner Kirche, die war weg. Nicht mit einem Mal, aber es ging doch schnell. Esther-Sophie Worbs hatte gerade mit der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin begonnen. Es war eine fordernde Zeit, lange Arbeitstage, lange Stunden des Lernen im Anschluss am Klinikum Osnabrück GmbH. Und diese Zeit im Krankenhaus, die spannte Esther-Sophie Worbs nicht nur mental und körperlich enorm ein, sie ließ sie auch an ihrem Gott zweifeln.

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Denn plötzlich sah sie jeden Tag Leid. Viel Leid. Sie tröstete das Kind, das am Bett der von einem Autounfall verletzten Mutter stand – und dessen Vater nie wieder nach Hause kommen würde. Sie sprach mit einem jungen Mann, dessen unheilbare Krankheit ihn innerhalb weniger Monate sterben ließ. Zwei Beispiele nur von unzähligen. Und das Leid, das trifft hier im Krankenhaus jeden Tag eben nicht nur die älteren Menschen, denen man dann zumindest das erfüllte Leben gerne zuspricht und auch die Angehörigen damit ein wenig versöhnlich stimmen kann. Es trifft auch die, die doch noch alles vor sich hatten. Wie kann ein guter Gott das zulassen, was ich hier sehe? Diese Frage traf Esther-Sophie Worbs bis ins Mark.

Dabei war ihr der Glaube und auch die offene, kritische Auseinandersetzung damit immer nah. Der Vater ist Katholik, die Mutter evangelische Religionspädagogin, vor dem Essen beteten die Familienmitglieder, Druck, etwa einen Gottesdienst zu besuchen, gab es nicht. Ihre Tochter ließen die Eltern im Kleinkindalter nicht taufen, wollten ihr diese Entscheidung selbst überlassen. Und Esther-Sophie Worbs fand auch so ihren Weg zu Glaube und Kirche. „Ich habe beim Beten, beim Gedanken an Gott immer schon ein wohliges, sicheres Gefühl gehabt“, sagt Worbs heute. Mit 13 Jahren lässt sich sich taufen – an Ostern. Und ein paar Wochen später wird sie konfirmiert. Der Kirche bleibt sie in den nächsten Jahren nah, auch wenn es dann zunächst die katholische Kirche ist. Durch Freunde kommt sie dort zur Jugendarbeit, macht ihren Jugendleiterinnenschein, begleitet Gruppen von Kindern und Jugendlichen bei Freizeiten und hat Spaß daran, gefestigt, in sich ruhend, anderen zur Seite zu stehen, wie sie das nennt – bei Themen rund um den Glauben, aber auch bei Alltagsfragen.

"Vielleicht ist es ja Gottes Plan, Menschen beizustehen"

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Die Zeit ohne Nähe zu Gott und Kirche solle man sich bitte nicht als deprimierend vorstellen, sagt Esther-Sophie Worbs. Sie ist auch in dieser Zeit ein fröhlicher Mensch. Sie hat viele Hobbys, spielt Klavier bei schlechter Laune und Gitarre bei guter, wohnt in WGs, ist mit Freunden unterwegs. Eine Lücke spürt sie nicht. Die Ausbildung schließt sie ab und bleibt im Osnabrücker Krankenhaus. Heute arbeitet sie auf der Überwachungsstation. Acht Betten stehen hier, eine kleine Stadtion, auf die Menschen nach einer Operation oder nach einem Unfall kommen. Leid gibt es dort jeden Tag, aber vielleicht kann Esther-Sophie Worbs jetzt etwas mehr schätzen, was sie für die Menschen hier leisten kann, mehr das Glück derer sehen, die genesen. „Ich weiß, dass ich diese Arbeit gut mache“, sagt sie, und es klingt nicht überheblich, sondern ehrlich erfreut, etwas gefunden zu haben, das sie als kümmernder, offener Mensch eben gut kann. Gottes Wege konnte sie lange nicht verstehen. Jetzt ist da der Gedanke: „Vielleicht ist es ja Gottes Plan, Menschen beizustehen“, sagt sie.

Dass es da doch eine Lücke im Leben gab, das wird ihr erst später bewusst, sagt die Mittzwanzigerin heute. Und ihr Weg zurück zur Kirche ist kein Zufall, sondern Zeichen, dass es sich lohnt, um die Menschen zu kämpfen. Denn als sie in Osnabrück umzieht und nun zur Matthäusgemeinde im Stadtteil Sonnenhügel gehört, da schreibt ihr Pastor Matthias Groeneveld einen Brief. Er heißt sie willkommen und bietet ihr das Kennenlernen an, und der junge Pastor findet dafür so nette und ehrliche Worte, dass Worbs hingeht. Bald nach dem Gespräch steigt sie ins Team ein, das den Kindergottesdienst betreut.

Fort von Kirche und wieder zurück

Bild: Jens Schulze

Esther-Sophie Worbs hat ein offenes Lächeln, langes, braunes Haar, eine Brille mit dünnem Metallrahmen und um den Hals eine Kette mit einem Kreuzanhänger. Sie wirkt in sich ruhend, und dabei doch sprungbereit und begeisterungsfähig, selbst nach der langen Schicht auf Station. Man kann sich vorstellen, dass die Kinder gerne mit ihr Beten, singen, basteln oder auch mal Quatsch machen. Über ihren Weg fort von Gott und Kirche und wieder zurück erzählt sie im Jugendraum der Gemeinde. Ein schlichter, weiß gestrichener Raum, in der einen Ecke eine dunkelgraue Sofalandschaft, auf der bunte Kissen und ein brauner Stoff-Affe liegen und gegenüber ein schwarzer Kickertisch. Es ist der Raum für die Kinder und Jugendlichen der Kirche. Um zu verstehen, wie so ein Kindergottesdienst abläuft, den Esther-Sophie Worbs mitgestaltet, muss man einen Raum weiter gehen. Ein einfaches Holzkreuz steht auf einem Tisch, es ist der Altar für den Kindergottesdienst. Jeden Sonntag sind die Kinder der Gemeinde erst eingeladen, den Auftakt in der großen Kirchen zu feiern, dann ziehen sie gemeinsam aus und feiern oben ihren Kindergottesdienst. Die meisten sind Grundschulkinder und zwischen 6 und 11 Jahren alt, manche, aber nicht alle kommen mit ihren Eltern. Gemeinsam singen sie hier dann, beten, hören Geschichten aus der Bibel oder basteln etwa Arche und Tiere, wenn am Bibelbanken an der Wand gerade Noahs Geschichte dran ist. Sie schätzt die Direktheit und Wärme, die die Kinder ihr entgegenbringen.

Seit einem Jahr ist Esther-Sophie Worbs nun schon Teil der Arbeit in der Matthäus-Kirchengemeinde. Die Monate seit März sind auch hier geprägt von der Corona-Pandemie, auch die Kindergottesdienste sind zuletzt ausgefallen. Sie merkt aber schon, wie das Jahr sie dem Ort und den Menschen näher gebracht hat – im Viertel wird sie oft auf der Straße gegrüßt. „Ich habe Menschen getroffen, die mein Leben bereichern“, sagt Worbs. Wo gibt es das denn heute noch, dass man neu irgendwo ist, und so aufgenommen werden kann, fragt Worbs. Und Fragen wie diese stellt sie auch oft im Freundeskreis, wenn die anderen nicht verstehen können, was ihr die Arbeit in der Gemeinde und der Glaube für das Leben bringt. Vielleicht ist es das, was sie scherzhaft Helfersyndrom nennt, dass sie die Freude überzeugen möchte, und natürlich der eigene Blick zurück auf die Zeit abseits der Kirche: „Ich merke erst heute, was ich all die Jahren vermisst habe“, sagt sie.

Autor: Gerd Schild