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Stader Projekt hilft Menschen in Not

Essen verbindet

Weil das Essen in den Schulen wegen Corona lange Zeit ausfiel, waren viele Eltern gefordert und mussten neben Betreuung und eigener Arbeit plötzlich auch noch für das Mittagessen der Kinder sorgen. Für einige Eltern bedeutete das tägliche Kochen zu Hause auch eine finanzielle Belastung. In Stade kam dabei ein besonderes Projekt ins Rollen. 

Es war ein Zettel im Briefkasten, der Linda Anderson in einer aufgewühlten Zeit half – und auch ein Stück der Kirche näher brachte. Wenn die Schule schließt und mit ihr die Mensa, wenn man auf einmal auch in der Woche für die Familie kochen muss, neben dem Betreuen des Zuhause-Lernens und vielleicht der eigenen Heimarbeit, dann kann das überfordernd sein. Für manche ist es zudem auch einfach eine Frage des Geldes. Linda Anderson wollte ihren drei Kindern trotzdem etwas Ausgewogenes bieten, etwa mit viel Obst und Gemüse. Gerade diese Lebensmittel aber sind in der Pandemie deutlich teurer geworden. „Das geht ins Geld“, sagt die 38-Jährige.

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Ihre Nachbarn hatten ihr einen Ausschnitt aus der Lokalzeitung in den Briefkasten geworfen, in dem das Essensangebot vom Berufsbildungswerk Cadenberge Stade (BBW) beschrieben wurde. Das kocht mit seiner Qualifizierungsküche in normalen Zeiten jeden Tag 4.500 Mahlzeiten und beliefert damit überwiegend Kitas und Schulen. Doch als Mitte März die Corona-Pandemie zu einem weitestgehenden Stillstand der Gesellschaft führte, als Kitas, Schulen und Unternehmen schlossen, da blieb auch in Stade beim BBW die Küche kalt. Als klar war, dass es nach den Osterferien nicht weiter geht wie vorher, machten Kirche und Küche einen Plan. Das Ziel: Die Kinder mit Essen zu versorgen und auch wieder Arbeit zu ermöglichen für das eigene Personal.

Ende April beginnt das Angebot für die Schulkinder, mit jeder Woche kommen mehr Menschen und holen sich Essen ab. Es ersetzt für viele Familien in Stade das Schulessen. Selbst nach der teilweisen Öffnung der Schulen Mitte Juni sind die Mensen noch überall geschlossen. In dieser Zeit gibt das Team von Küchenchef André Seckinger dienstags bis donnerstags je etwa 150 Essen an vier Standorten aus. Jedes Essen ist vegetarisch, damit niemand wegen einer Zutat ausgeschlossen wird.

Das Besondere an dem Projekt: Essen gibt es nicht nur für die Schulkinder, für die es auch in Nicht-Corona-Zeiten von der Kommune bezahlt wird. Auch für Geschwister und die Eltern kann man etwas mitnehmen. Die Mahlzeiten werden von Spenden bezahlt. Das freut Volker Dieterich-Domröse besonders. Er ist Pastor der Markuskirchengemeinde und auch für die Kommunikation beim BBW zuständig, das von den Kirchen der Region getragen wird. Er erzählt von einer Frau, die von ihrem Arbeitgeber einen Bonus bekommen hat, weil sie trotz Pandemie an den Arbeitsplatz kommt. Das Geld, eine vierstellige Summe, hat sie komplett für das Projekt gespendet.

Senfeier und Kaiserschmarrn sind beliebt

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Seit Ende April also kann Linda Anderson hier in der Markuskichengemeinde an drei Tagen in der Woche kostenlos Essen mitnehmen für ihre drei Jungs, drei, fünf und acht Jahre alt. Und wie schmeckt es denen? „Meistens gut“, sagt Anderson. Besonders Senfeier und Kaiserschmarrn sind bei den Dreien sehr beliebt, ergänzt sie und lächelt. Auch Sonja Märtens ist froh über das Angebot. Pastor Dieterich-Domröse kennt sie noch aus der Zeit, als sie hier in der Kirche im Gospelchor sang. Seitdem sie davon hörte, holt sie das Essen für sich und ihren zehnjährigen Sohn. Gemeinsam sitzen sie dann zusammen, genießen diese Zeit, die es sonst unter der Woche ja auch nicht gibt. „Das hat uns näher zusammengebracht“, sagt sie. Essen verbindet - das mag eine Floskel sein, aber eben doch auch wahr.

Und weil Sonja Märtens' Umschulung wegen der Pandemie verschoben wurde, hatte sie in den ersten Wochen Zeit. Und wollte helfen, etwas zurückgeben. Das sagte sie dem Pastor, und zusammen entstand die Idee, dass sie einer anderen Familie das Essen mitbringt, die zwischen 12 Uhr und 14 Uhr keine Zeit hat, es abzuholen. „Wir sind jetzt befreundet“, erzählt Märtens.

Ins Gespräch kommen

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Die Krise fördert also auch schöne Geschichten zutage. Pastor Dieterich-Domröse hätte natürlich gerne auf die Pandemie verzichtet. Und doch hat auch ihn diese besondere Zeit mit Menschen ins Gespräch gebracht, die er lange nicht gesehen hatte oder die sonst nicht ihren Weg in die Gemeinde finden. So wie Linda Anderson. „Wir haben uns kennenlernt, hier draußen vor der Kirche geschnackt, das ist doch herrlich, dass so etwas auch möglich ist“, sagt er. Linda Anderson wurde katholisch getauft, ist dann aber später ausgetreten. Eine Nähe zu Gott, zum Glauben, zur christlichen Gemeinschaft hat sie dennoch. Sie habe sich zuletzt viel mit der Orthodoxie beschäftigt, habe zu Hause viele Bücher zum Thema Glaube. „Ich fühle mich dem Glauben schon nahe – aber den richtigen Weg, die richtige Kirche habe ich für mich noch nicht gefunden“, sagt sie.

Für Adrian Duli ist es einfach eine Arbeit, die Freude macht. Das sagt er gerade noch und muss dann das Gespräch unterbrechen. Eine junge Mutter kommt mit ihrem Kind an die geöffnete Tür, hinter der Duli sitzt, hier im weißen, lichtdurchfluteten Anbau der Markuskirche. Er fragt nach dem Namen des Kindes und der Schule, trägt das in eine Liste ein und gibt dann das Essen in den flachen, silbrigen Schalen heraus, dazu noch ein paar Bananen. „Guten Appetit!“ - „Danke!“ Das Gespräch wird er heute noch einige Male führen.

Viel Eigenverantwortung - und Engagement

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Es sind also auch bewegte Zeiten für die Menschen, die Essen planen und zubereiten. Küchenchef André Seckinger telefoniert direkt vor der Essensausgabe, zu der er extra für das Gespräch dazugekommen ist, mit der Stadt Stade. Das Essen in Schulen soll, wenn auch mit Einschränkungen, schon ein paar Tage später wieder erlaubt sein. So schnell, wie die Normalität im März aus dem Alltag verschwand, wird sie nicht zurückkehren. So lange können sich Adrian Duli und die anderen Azubis hier noch bewähren. Denn der Auszubildende zur Fachkraft im Gastgewerbe, der in diesem Sommer 22 Jahre alt wird, kümmert sich mit seinen jungen Kolleginnen und Kollegen mit viel Eigenverantwortung um das Projekt.

Linda Anderson verabschiedet sich nach dem Gespräch, in einer Tüte das Essen, das ihr der Auszubildende Adrian Duli noch mitgibt. Sie geht die paar Meter an der Markuskirche vorbei. Und dann nach Hause, zu den drei Jungs, mit denen sie sich dann an den Esstisch setzt.

Autor: Gerd Schild

Info

Das Berufsbildungswerk und seine Qualifizierungsküche

Beim kirchlich getragenen Berufsbildungswerk Cadenberge Stade gGmbH arbeiten in seiner Qualifizierungsküche 70 Menschen, darunter viele mit Schwierigkeiten auf dem ersten Bildungsweg, die hier ausgebildet werden. Sie sorgen – falls nicht gerade eine Pandemie alles auf den Kopf stellt – für Essen für etwa 4500 Menschen. Geliefert werden die Mahlzeiten in Großportionen an Kitas und Schulen oder einzeln verpackt beim „Essen auf Rädern“ nach Hause gebracht, im Landkreis Stade und darüber hinaus. Zudem gibt es ein eigenes Bistro.