„Mir fehlte immer etwas“

Marie Ehlers wuchs als Kind ohne Kirche auf. Gemeinsam mit ihrer Familie und ihrem Ortspastor hat sie eine „Wohnzimmerkirche“ für Kinder erfunden – als Reaktion auf die Corona-Krise.

Als Marie Ehlers ihrem Pastor im März eine Frage per E-Mail schickte, hatte sie sich als Antwort eigentlich eine Lösung erhofft. Stattdessen stellte er ihr die Gegenfrage. „Was machen wir denn jetzt an Ostern?“ fragte die Mutter von drei Kindern, als aufgrund der Corona-Pandemie alle Gottesdienste abgesagt wurden. Und ihr Pastor antwortete: „Ja, was machen wir denn jetzt, Marie?“

Aus der Frage wurde eine Idee. Ein Projekt, das Marie, ihr Mann Oliver und ihre Töchter gemeinsam mit dem Pastor auf die Beine stellten: eine Kirche zu Hause, mit kurzen Videos für Kinder und Eltern, zum Mitmachen für alle. Aus Ohnmacht wurde Kreativität. Sie spürte, wie ihre Lähmung sich in Aktion wandelte, wie viel Freude die Kinder beim Filmen hatten und wie viel Energie ihr Mann noch nach Feierabend aufbrachte, die „Wohnzimmerkirche“ in ein stimmiges digitales Format zu bringen. „Uns allen tat das in dieser besonderen Zeit unheimlich gut.“

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Marie und Oliver nicht einmal wussten, wer in ihrer Nähe eigentlich Pastor ist und zu welcher Gemeinde sie überhaupt gehören. Und als Kind hat Marie mit Kirche erst einmal gar nichts zu tun gehabt.

"Mir fehlte immer etwas"

Marie Ehlers im Alter von etwa 3,5 Jahren. Foto: privat

„Mein Vater war Kapitän auf großer Fahrt. Er sagte immer: Ich glaube nur an den Klabautermann.“ Marie Ehlers sitzt in ihrem Garten in Lüneburg, als sie das erzählt. Um sie herum blühen rosa Rosen und ein gigantischer lila Fingerhut, hinter ihr steht das kleine weiße Haus, in dem sie mit ihrem Mann, drei Kindern, ein paar Mäusen, einem Hamster und einer Schildkröte lebt. 

Gott fand nicht statt in ihrem Elternhaus, als Kirche kannte sie nur die Gebäude. Von außen. „Weihnachten gab es bei uns Adventskalender, Kranz und Knusperhäuschen“, erzählt die 44-Jährige. „Keine Krippe, keinen Jesus, keine Maria.“ Anstatt in die Kirche gingen sie an Heiligabend in den Wald, brachten den Tieren Nüsse und Speck. „Es war nicht seelenlos. Aber mir fehlte immer etwas.“

Und das fehlte ihr nicht nur an Weihnachten. „Ich habe mich als Kind oft gefühlt wie ins Universum geworfen: Alles war möglich, aber es gab keinen Halt.“ Sie ging in die dritte Klasse, da machte sich das Mädchen mit den rotblonden Locken und den blauen Augen von selbst auf und besuchte die evangelische Kinderstunde im Dorfgemeinschaftshaus. Als mit 12, 13 Jahren die Anmeldung zum Konfirmationsunterricht anstand für die jungen Menschen im Dorf, meldete sich auch Marie an. Und erkämpfte sich in der Folge zum ersten Mal etwas, das sie unbedingt wollte: eine eigene Taufe. Sie war 14 Jahre alt und trug ein im Urlaub in den Bergen gekauftes Dirndl. Ihren Taufspruch las sie selbst vor. „Ich wollte mein eigenes Ding machen, und es war wunderschön.“

Sie empfand Kirche als Gemeinschaft, ging mit den anderen aus der kirchlichen Jugendgruppe bis tief in die Nacht zu den Osterfeuern der umliegenden Dörfer und saß am nächsten Morgen trotzdem um 6 Uhr im Osternachtgottesdienst. „Das war das Festival meiner Jugend, ein einziger großer Fez.“ Als sie dann ihr Studium in Lüneburg begann, spielte Kirche für einige Jahre keine Rolle mehr. Sie studierte, lebte Freundschaften, feierte, liebte, suchte sich ihren Beruf: Nach dem Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin arbeitete sie bald als stellvertretende Leitung in einem Heim für erwachsene psychisch kranke Menschen.

Individuum statt Teil einer Masse

Die Bibel von 1896 stammt von ihrer Urgroßmutter mütterlicherseits, einer frommen Bäuerin aus der Lüneburger Heide. Sie hieß auch Marie und hat ihre Lieblingsstellen mit Bleistift notiert und Fäden zwischen die Seiten gelegt, damit sie sie schnell wiederfindet.

Sie lernte Oliver kennen, sie heirateten. Als die beiden schließlich in dem kleinen weißen Haus landeten, in dem sie heute zwischen Rosen und Fingerhut sitzt, und sie begannen, nicht mehr als Paar, sondern als Familie zu leben, da war auch noch nicht viel los mit Kirche.

Bis sie eines Tages ein Mann auf der Straße ansprach. Sie sammelte gerade Eicheln mit ihren nun schon zwei Kindern für die Tiere im nahen Wildpark, da fragte er, was sie da mache. „Ich bin Stephan, und ich bin Pastor hier“, sagte er noch. Das nächste Mal trafen sie sich zufällig beim Laternelaufen, und im nächsten Jahr hatte Pastor Stephan Jacob für alle einen Martinslauf mit Pferd und Mantel organisiert.

Heute ist dieser Pastor für sie Kirche. „Kirche hat für mich ganz viel mit den Menschen zu tun. Ich möchte mich nicht nur einfügen, sondern Kirche soll mir auch etwas bieten, das zu meiner Lebenssituation passt. Ich möchte angesprochen werden und gesehen werden, und zwar als Individuum, nicht nur als Teil einer Masse.“ Als ihr Mann und sie vor Jahren nach einer kirchlichen Hochzeit in einer kleinen Dorfkapelle gefragt hatten und als Antwort bekamen, das sei alles gerade etwas ungünstig, aber man werde schon jemanden finden, der sie traue, fand sie das wenig einladend. „So eine Kirche brauche ich nicht.“

Eine Gemeinschaft, die trägt

Marie Ehlers mit Martha, einer griechischen Landschildkröte, 14 Jahre alt. „Ich liebe Dinge, die überdauern“, sagt sie. „Und das tut Martha.“

Aber so eine, wie sie sie jetzt in ihrer Gemeinde erlebt, sehr wohl. Mit einem Pastor, der auf Anregung hin einen Chor ermöglicht für Menschen, die Lust haben zu singen, auch wenn sie keine Noten lesen können. Der ihre Tochter bei der Taufe hochhebt und der Gemeinde zeigt: Seht her, das ist sie! Der für die Taufen im Gemeindegarten mit den Kindern Wasser aus einem Bach holt und beim Himmelfahrtsgottesdienst stets die Kinder die Glockenseile ziehen lässt. Wo ein Gottesdienst nahtlos übergehen kann in ein großes Picknick mit Spielwiese. Und mit einer Gemeinde, die im vorigen Sommer für eine Woche eine Ferienbetreuung auf die Beine stellte, die nichts kostet. „Das hat für mich auch etwas von Dienstleistung“, sagt Marie Ehlers. „Die Kirche bietet uns damit etwas an, was uns im Alltag hilft. Und die Menschen bilden eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig trägt. Ein gutes, beheimatetes Gefühl.“

Und wenn sie von ihrem Pastor auch mal eine Gegenfrage anstatt einer Lösung als Antwort auf ihre Frage bekommt, dann ist das ein Wert, den sie an der Gemeinschaft Kirche schätzt. „Bei unseren Mitmachaktionen wie einem Rap, Freudensprüngen oder Himmelfahrts-Schaukeln waren so viele Menschen dabei, von jung bis alt. Alle werden gesehen, alle sehen sich, auch in der Zeit, in der wir uns nicht in der Kirche treffen konnten.“ Und Oliver? Der ist mittlerweile übrigens konvertiert.

Autorin: Carolin George

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