Gefragt

Aus Statistiken lassen sich keine Austrittsgründe erkennen.

Petra Angela Ahrens ist Referentin für empirische Kirchen- und Religionssoziologie beim Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Frau Ahrens, wie sind die nun vorgelegten Zahlen einzuschätzen?

Ahrens: „Sie zeigen eine bedenkliche und schon deprimierende Entwicklung. Die Austrittszahlen sind in dieser Höhe doch überraschend, zumal bereits über die Jahre hin viele Menschen die Kirche verlassen haben. Einen Rückgang der Bedeutung der Kirchenmitgliedschaft in der Gesellschaft beobachten wir seit vielen Jahren. Mitunter lässt sich geradezu eine Tabuisierung der eigenen Bindung an Kirche und Glauben feststellen. Darauf deutet eine Studie des SI-EKD mit Studierenden hin: Die gehen dann vielleicht sogar gern in den Gottesdienst, aber sie sprechen nicht darüber, weil sie sich dafür rechtfertigen müssen. Heute ist die Kirchenmitgliedschaft in vielen Kreisen begründungspflichtig – das war einmal anders.“

Kennen Sie Gründe für die hohen Austrittszahlen?

Ahrens: „Wir suchen danach. Es ist zwar bekannt, dass es gewisse Anlässe gibt: Ein Beispiel ist der Moment, in dem junge Menschen ihre erste Gehaltsabrechnung bekommen und schwarz auf weiß sehen, was sie an die Kirche abgeben. Ein tiefer liegender Grund ist dabei zumeist eine persönliche Entfernung von Kirche und christlichem Glauben. Doch dies allein erklärt nicht den jüngsten Anstieg der Austritte.

Deshalb soll in diesem Jahr noch ein Forschungsprojekt auf den Weg gebracht werden, das über diese bekannten, allgemeineren Austrittsgründe hinaus Aufschluss darüber erbringen kann, wie es zum starken Anstieg der Kirchenaustritte gekommen ist: Was genau hat dazu geführt, aus der Kirche auszutreten? Aus den Statistiken lässt sich das nicht erkennen.“

Was können Kirchen tun, um diese Entwicklung aufzuhalten?

Ahrens: „Das ist eine sehr schwierige Frage. Schon in den 90er Jahren hat man sich gefragt, wie kirchenfernere Menschen besser erreicht werden können. Wir haben es ja mit einem gesellschaftlichen Trend zu tun, in den viele Faktoren hineinspielen. Bisher ist es aber nicht gelungen, diese Entwicklung zu ändern. Immerhin: Ein kleines positives Signal könnte sein, dass es z. B. im besonders stark entkirchlichten Osten Berlins mittlerweile eine offenere Haltung der Jüngeren gegenüber religiösen Lebensdeutungen zu geben scheint. Dort dominierte ja lange eine atheistische Haltung. Zumindest unter diesen Jüngeren finden sich inzwischen nicht wenige, die meinen, dass es mehr geben muss zwischen Himmel und Erde. Das könnte ein Anknüpfungspunkt sein - bedeutet aber nicht, dass es damit auch zu einer stärkeren Bindung an die Kirche kommt.“