Rabbiner: Verhältnis zwischen Juden und Christen so gut wie noch nie

Nachricht 01. November 2021
Die Kreuzkirche in Hannover. Bild: Jens Schulze/epd-bild

Hannover. „Wir leben in historischen Zeiten. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen war wahrscheinlich noch nie so gut wie heute“, sagte der in Darmstadt lebende Rabbiner Jehoschua Ahrens am Samstag in der Kreuzkirche in Hannover. Die hannoversche Landeskirche hatte am Vorabend des Reformationstags erneut zu einem christlich-jüdischen Gespräch eingeladen, bei dem Landesbischof Ralf Meister mit Ahrens und dem Rabbiner Gabor Lengyel aus Hannover diskutierte.

Der 42-jährige Ahrens skizzierte die Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs als eine Abfolge verpasster Chancen. Immer wieder habe es einflussreiche Rabbiner gegeben, die dem Christentum positiv gegenüber gestanden hätten. Die Dialogbemühungen seien jedoch oft enttäuscht worden. Wenn heute der Eindruck vorherrsche, die Christen bemühten sich besonders um Annäherung, so müsse man bedenken, dass dies historisch gesehen die meiste Zeit umgekehrt gewesen sei, so Ahrens.

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die Hoffnung auf einen schnellen Dialog ebenfalls nicht erfüllt. „Nach der Shoah begegnete man Juden in Deutschland überwiegend mit Schweigen und Gleichgültigkeit, außerdem war der Antisemitismus noch präsent“, sagte Ahrens, der ehrenamtlicher Direktor für Zentraleuropa des „Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation“ ist, einer jüdisch-christlichen Bildungseinrichtung.

Wichtige Wegmarken seien dann Veröffentlichungen der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Erklärung „Nostra Aetate“ gewesen, in der das Zweite Vatikanische Konzil 1965 den exklusiven Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche relativiert und die bleibende Erwählung des jüdischen Volks anerkannt hat.

Gleichwohl stehe der Dialog immer noch am Anfang: „Neben der Erinnerungsarbeit gibt es neue Themen, es muss auch um das lebendige Judentum gehen“, betonte der 42-Jährige. In den USA und Israel hätten andere Fragen Priorität, bestätigte Lengyel, etwa die Beschäftigung mit Migration oder dem Klimawandel. Zudem sei eine Erweiterung auf einen jüdisch-christlich-muslimischen Dialog notwendig. Von den schätzungsweise 15 Millionen Juden lebten sechs Millionen in den USA, sieben Millionen in Israel und nur etwa 100.000 in Deutschland. „Das jüdische Leben in Deutschland ist ein zartes, kleines Pflänzchen“, sagte Lengyel.

Um das gegenseitige Verständnis zu fördern, kündigte Landesbischof Meister an, allen 1.300 Kirchengemeinden der Landeskirche ein Exemplar des kürzlich auf Deutsch erschienenen Buches „Das Neue Testament - jüdisch erklärt“ zu schenken. Darin kommentieren jüdische Gelehrte die Luther-Übersetzung des Neuen Testaments. Einer der Autoren ist Jehoschua Ahrens.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen