Regionalbischof: Verständliche Sprache in schwieriger Zeit finden

Nachricht 10. Juni 2021

Emden. Ostfriesland. Emsland. Grafschaft Bentheim. Auf Einladung von Regionalbischof Dr. Detlef Klahr kamen 145 Pastorinnen und Pastoren aus dem Evangelisch-lutherischen Sprengel Ostfriesland-Ems zu ihrem ersten digitalen Generalkonvent zusammen.

Zu dem Thema „Sprache finden in schwieriger Zeit“ gab es die Möglichkeit zu Begegnung und Gespräch in digitalen Kleingruppen und inhaltliche Impulse von Landesbischof Ralf Meister und dem Theologischen Vizepräsidenten im Landeskirchenamt Hannover, Dr. Ralph Charbonnier. Regionalbischof Klahr eröffnete den Konvent mit einer Andacht und gestaltete sie gemeinsam mit den Superintendenten des Sprengels. Die musikalischen Beiträge von Margarethe Huisinga am Akkordeon, Marc Waskowiak (Klavier und Gesang) und Christoph Jebens (Gesang) wurden live aus der Martin-Luther-Kirche Emden dazu geschaltet.

Der Regionalbischof dankte den Pastorinnen und Pastoren: „Sie alle haben Sprache gefunden in schwieriger Zeit. Die Zeit der Pandemie hat von allen viel verlangt an Veränderungen, sich auf Neues einzulassen, ständig zu schauen, was geht und was nicht geht.“ Die Kommunikation stünde auf dem Prüfstand. Eine andere Situation erfordere, dass auch anders geredet werden müsse: Gottesdienste digital, Präsenzgottesdienste mit wenigen Menschen oder draußen mit Abstand, Botschaft in Kurzform für den Brief- oder Kartengruß, für die Andacht zum Mitnehmen, die Videobotschaft oder Liveübertragung. 

Zum Beruf, zur Berufung, einer Pastorin oder eines Pastors gehöre es, immer wieder neu Sprache für das Evangelium zu finden, wie die Zeit und Umstände auch sein mögen. Dr. Klahr erinnerte an Martin Luther. Dieser habe das Evangelium, die frohe Botschaft von der Gnade Gottes, als wahren Schatz der Kirche bezeichnet. „Unter dem Brennglas der Pandemie hat sich herausgestellt, wie wir diesen Schatz in den Formen, die möglich sind, verkündigen – in althergebrachten und in ganz neuen und anderen Formen.“ Für alle Ideen und die Liebe zum Evangelium und zu den Menschen, die darin sichtbar werde, dankte Klahr den Geistlichen.

„Diese Zeit führte Themen wie Krankheit und Tod der Gesellschaft in besonderem Maße vor Augen und damit auch die Frage nach der Hoffnung, und auch nach Gott“, sagte Regionalbischof Klahr.

Pandemie verändert Sprache
Landesbischof Ralf Meister stellte seine Beobachtungen zu Veränderungen in der Sprache durch die Pandemie vor. Die Pandemie habe weltweit zu einer Veränderung der Sprache geführt. Neue Wörter und neue Bedeutungen seien in die Alltagssprache gekommen und alt bekannte wanderten in die Erinnerung aus.  

„Je stärker die Lockdownbegrenzung war, umso stärker wurde das Mitteilungsbedürfnis der Menschen“, sagte Meister. Dies sei besonders in den digitalen Medien zu beobachten. Der Satz: „Ich kommuniziere, also bin ich“, könne dieses Verhalten zusammenfassen. Zudem sei ein Kommunikationsabbruch zu beobachten. Zur Kommunikation gehören außer Sprache auch Berührung und körperliche Nähe, Symbole, Räume und Rituale.

„Die tiefste Verwundung, die diese Pandemie in den Körper einer mitfühlenden Gesellschaft schnitt, war der verordnete Abbruch der Kommunikation mit den Sterbenden“, betonte Meister.

Der Kommunikationsabbruch habe nicht nur ältere Menschen betroffen, sondern auch Kinder und Jugendliche, die von ihren sozialen Kontakten abgeschnitten waren. Besonders dachte Meister an die Menschen, die zuhause und in ihrem Alltag unter Gewalt litten und ihr nicht entfliehen konnten.

Keine Alternative zum Dialog
Zu beobachten sei, dass die Debattenkultur verrohe. Das Gespenst einer eingeschränkten Meinungsfreiheit gehe um. Es sei die ureigene Aufgabe der Kirche, das Gespräch mit scharfen Kritikern, mit Suchenden und Sorgenvollen, die den populistischen Stimmen mehr und mehr vertrauen, bewusst zu suchen. „Es gibt keine Alternative zum Dialog“, betonte der Landesbischof.

Kirche des Wortes
Die Kirche sei von ihrem Ursprung und Auftrag her dem Wort und darin der Sprache verpflichtet. Die Wortmacht Gottes wolle wirken und Gestalt bekommen in den Predigten, im öffentlichen Wort und in der Seelsorge.

„Umso härter traf uns der Vorwurf, wir hätten geschwiegen“, sagte Meister und sah hinter dem Vorwurf die Frage, „wo seid ihr, Kirche?“. Die Anfrage an die Kirche sei eine Anfrage an Gottes Gegenwart. Zeiten gefühlter Gottesferne seien immer auch Zeiten, in denen die eigene Identität in Frage gestellt sei und Zeiten voll tiefer Sehnsucht nach Gewohntem.

Angst, Krankheit und Tod bilden den Wurzelgrund für religiöse Vorstellungen und Riten. „Die Beantwortung der damit gestellten Fragen kann weder der Medizin noch der Politik überlassen werden.“

Nichts ist ohne Sprache
Dr. Ralph Charbonnier stellte sich dem Generalkonvent vor. Seit November letzten Jahres ist Dr. Charbonnier Theologischer Vizepräsident im Landeskirchenamt Hannover. Das Thema „Sprache“ zog sich durch verschiedenste Bereiche seiner Biographie: Durch die Musik als nebenberuflicher Organist, die technischen Kategorien im Beruf als Diplom-Ingenieur, die Sprache der Bibel und Theologie in der theologischen Ausbildung und Pfarramt, die Sprache der Medizin und Pflege im Zentrum für Gesundheitsethik, die Sprache von Kirche und Diakonie im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Durch seine Biographie zog sich immer der Versuch, die Sprache verschiedenster Bereiche miteinander zu verbinden, so Charbonnier.

„Das, was wir benennen können, ist Ergebnis von Sprache. Was nicht benannt wird, bleibt ausgeblendet“, sagte Dr. Charbonnier und berief sich auf den Apostel Paulus, der sagt: „Nichts ist ohne Sprache.“ (1. Korintherbrief 14,10)

Die Sprache, die gewählt werde, beschreibe, was in die Aufmerksamkeit gehoben werde und was verborgen bleibe. Charbonnier machte darauf aufmerksam, dass die verwendete Sprache wie ein Wahrnehmungsfilter sei. Wenn nur die Sprache der Mathematik in der Pandemie genutzt werde, herrsche eine Sprache der Herrschaft und Kontrolle vor. Die Seele des Menschen werde dabei nicht in den Blick genommen. Auch nicht die Beziehung zu Gott, die Klage, die Ohnmacht, die Wut und Trauer. Die Bedeutung von Kultur, Kunst und Religion für den Menschen, für das Soziale, für die Gesellschaft bleibe unterbelichtet, so Charbonnier. So dankte er den Geistlichen des Sprengels, dass sie kreative Sprache gefunden hätten in dieser Zeit.

Informationen zum Sprengel
Der Generalkonvent aller Pastorinnen und Pastoren des Sprengels mit Gottesdienst und Begegnung findet normalerweise jährlich in Emden statt. Im vergangenen Jahr musste er Pandemie bedingt ausfallen. 

Im Sprengel gibt es 185 aktive Pastorinnen und Pastoren und dazu 114 im Ruhestand, von denen viele weiterhin mit Vertretungsdiensten tätig sind.

Der Sprengel Ostfriesland-Ems wird geleitet von Regionalbischof Dr. Detlef Klahr und besteht aus 156 Kirchen- und Kapellengemeinden mit 301.000 Gemeindegliedern in den sechs Kirchenkreisen Aurich, Emden-Leer, Emsland-Bentheim, Harlingerland, Norden und Rhauderfehn.

Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Ostfriesland-Ems